„Jeder Mensch hat ein Recht darauf, gleichberechtigter Teil der Gesellschaft zu sein“. So steht es in der UN-Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen geschrieben. Die Wortwahl macht deutlich: es geht nicht darum, Ausgegrenzte zu integrieren, sondern von vornherein allen Menschen die gleichen Teilhabemöglichkeiten am gesellschaftlichen Leben zu garantieren. Und genau das bedeutet Inklusion nämlich: dass Menschen mit und ohne Behinderung zusammen lernen, arbeiten und leben.
 
Zehn Jahre nachdem Deutschland die Behindertenkonvention unterschrieben hat, blicken wir zurück und stellen fest, dass unsere derzeitige Umsetzung einem Luftschloss gleicht, das dem Begriff „Inklusion“ bei weitem nicht gerecht wird. Besonders in den Bereichen Politik, Bildung und Arbeit stoßen wir auf bisher ungeklärte Kontroversen. Wie garantieren wir Menschen mit Behinderung eine ebenbürtige politische Teilhabe? Schaden wir Kindern mit Beeinträchtigung am Ende durch das Konzept „Einheitsunterricht“?
Solange wir die strittigen Themen nicht endlich auf unsere Agenda setzen und tatsächlich auch im Sinne der unterschriebenen Konvention lösen, schwebt unser Luftschloss kontinuierlich weit über festem Untergrund.
 
Inklusion mit Gleichbehandlung umzusetzen wäre eine Utopie, die durch ihren radikalen Ansatz genauso zum Scheitern verurteilt ist, wie der Kommunismus. Denn was nützt es, wenn ein Kind mit Behinderung in einem Unterricht sitzt, der nicht auf den notwendigen Förderbedarf eingeht und – paradoxerweise – eher ausgrenzt? Das ressourcenorientierte Leistungsprinzip unseres Bildungswesens geht über in einen kapitalistischen Arbeitsmarkt, bei dem Exklusion zur Tagesordnung gehört. Während die Spitze der Arbeitsgesellschaft nach Darwin’schem Prinzip geformt wird, gibt es für Menschen mit Beeinträchtigung „gesonderte Aufgaben“ abseits der Arbeitswelt. Ein absoluter Missstand, der mit Gleichberechtigung nichts zu tun hat! „Gemeinsamkeit in Vielfalt“ lautet das Leitbild, nachdem wir unsere Jobs gestalten sollten.  
 
Die gute Nachricht: es gibt sie – Unternehmen, die alles richtig gemacht haben und wissen, wie man das Konzept Inklusion in die Tat umsetzt. Wir stellen euch acht davon vor.

 
AfB – social und green IT

AfB kümmert sich als Europas größtes gemeinnütziges IT-Unternehmen um einen nachhaltigen Umgang mit gebrauchten Geräten. Das impliziert eine zertifizierte Datenvernichtung, die fachgerechte Entsorgung defekter Teile und die Wiedervermarktung von funktionstüchtigen Geräten. Neben den ökologischen Aspekten übernimmt AfB auch eine soziale Verantwortung. Hier arbeiten Menschen mit Behinderung und Menschen ohne Behinderung in einem nahezu ausgeglichenen Verhältnis eng zusammen. Natürlich sind alle Arbeitsschritte barrierefrei gestaltet und werde je nach Leistungsfähigkeit an die Mitarbeiter*innen verteilt. Damit mehr Unternehmen mit einem sinnvollen Inklusionskonzept zu einer gesamtgesellschaftlichen Teilhabemöglichkeit beitragen, unterstützt AfB andere Organisationen mit ihrer Expertise. 

Lobetaler Bio

Qualitative Molkereiprodukte aus der Region – bei Lobetaler Bio wird von der rohen Milch bis zur Fruchtzubereitung wirklich alles aus unmittelbarer Nähe bezogen. Einen großen Teil der Produktionskomponenten stemmt das Unternehmen selbst mit eigenen Kühen. Der Rest wird von zertifizierten Biolandwirten bezogen. Lobetaler Bio gehört zur Hoffnungstaler Stiftung, welche Werkstätte, Bildungsangebote und medizinische Einrichtungen umfasst. Sowohl in der Molkerei, als auch in jedem einzelnen Betriebszweig der Stiftung setzt sich die Belegschaft aus Menschen mit und ohne Behinderung zusammen. 

Auticon

In Deutschland gibt es ca. 800.000 Autisten und 85% davon gelten als arbeitslos! Wie kann das sein, wenn diese Menschen doch mit ihrer überdurchschnittlichen Konzentrationsfähigkeit und einem ausgeprägten Denkvermögen unseren Arbeitsmarkt extrem bereichern könnten? Obwohl Autisten eigentlich von jedem technisch affinen Unternehmen heiß umworben werden müssten, scheitern viele Bewerbungsprozesse bei der sozialen Kommunikation, die für betroffene eine echte Herausforderung werden kann. Dirk Müller-Remus erkannte das unfassbar wertvolle Potenzial für die Qualitätssicherung und gründete mit Auticon ein IT-Beratungsunternehmen, das ausschließlich Autisten als Consulter einstellt. Dank ihrer herausragenden kognitiven Stärken sind sie eine wahre Bereicherung für komplexe und technische Berufsfelder. Gleichzeitig bringt das Unternehmen seinen Mitarbeiter*innen großes Verständnis entgegen, so dass sie ihr wertvolles Potenzial entfalten können, ohne sich dabei unwohl zu fühlen. 


WfB – Werkstätten für behinderte Menschen

Mit seinen fünf Werkstätten schlägt der WfB eine Brücke zwischen Menschen mit Behinderung und Unternehmen. Das Produktsortiment ist dabei sehr vielseitig: Holzverarbeitung, EDV, Druckerei, Montage und Flaschenspülange. Die Mitarbeiter*innen erhalten eine auf ihre Bedürfnisse und Fähigkeiten abgestimmte Ausbildung, um unbesorgt in den Arbeitsmarkt starten zu können. Dazu gehört auch ein gesondertes Programm zur Arbeitsvermittlung, bei dem Praktika in den Partnerunternehmen organisiert werden. Auf diesem Weg haben die Auszubildenden eine Möglichkeit, außerhalb des betreuten Rahmens reinzuschnuppern und erste Kontakte in den Unternehmen zu knüpfen, um eine Übernahme anzustreben. 


Dialogue Social Enterprise

Der Gründer von Dialogue Social Enterprise Dr. Andreas Heinecke hatte vor ca. 20 Jahren eine geniale Idee, um der Ausgrenzung von blinden Menschen durch bestehendes Unverständnis entgegenzuwirken. 
Die Lösung war simpel und gleichzeitig extrem wirkungsvoll: bei einer Ausstellung im Dunkeln werden blinde Menschen zu den sehenden Gastgebern und führen Menschen mit funktionierenden Augen durch einen lichtlosen Parcour. Dieser Rollentausch verhilft zu einer tiefergehenden Einsicht über die Wahrnehmung und Bedürfnisse von Menschen ohne Sehvermögen. Inzwischen ist dieses Konzept namens „Dialog im Dunkeln“ so erfolgreich geworden, dass das Angebot durch die Ausstellungen „Dialog im Stillen“ und „Dialog mit der Zeit“ erweitert wurde und somit auch Gehörlosen und alten Menschen Raum für Verständnis gibt. Dialogue Social Enterprise schafft mit seinen Projekten sinnvolle Arbeitsplätze für Menschen mit Beeinträchtigung und räumte verdienterweise eine Menge Preise ab, u.a. den Deutschen Gründerpreis 2011 und den Award für „Best Innovative und Out-of-comfort-zone event“ des YPOs (Young Presidents’ Organization).


Discovering Hands

Menschen mit einem eingeschränkten oder gar nicht mehr vorhandenem Sehvermögen verfügen über einen ausgezeichneten Tastsinn. Diese Begabung machte sich der Gynäkologe Frank Hoffmann zu eigen und qualifizierte sehbehinderte Frauen in einem Lehrgang zu medizinischen Tastuntersucherinnen. In seinem 2005 gegründeten Unternehmen Discovering Hands arbeiten sie als Abtasterinnen für Brustkrebsfrüherkennung. Dank ihres überdurchschnittlichen Feingefühls können sie kleinste Knoten ertasten und sind eine hoch geschätzte Entlastung für Frauenärzt*innen. Inzwischen arbeiten in Deutschland schon 60 Praxen mit dem Unternehmen zusammen. Weiter Projekte gibt es außerdem in Indien, Mexico, Kolumbien und Österreich.

Integra

Das Integrationsunternehmen Integra vermietet Partyausstattung und bietet einen Reinigungsservice. Unter den 60 Arbeitnehmer*innen sind 50% mit Behinderungen, die dank des barrierefreien Arbeitsplatzes ohne Probleme agieren können. Zusätzlich unterstützt Integra den Übergang zwischen Schule und Beruf für Förderschüler*innen mit spezifischen Berufsvorbereitungen und Orientierungshilfen. Hier gilt der Grundsatz: Inklusion in Arbeit, Mehrwert für alle. Denn die Berufe auf dem deutschen Arbeitsmarkt sind genauso vielfältig und individuell, wie die Menschen, die darin tätig sind.


Sozialhelden

Angetrieben von dem Wunsch, selbst etwas Sinnvolles zu gründen, beschäftigten sich die Cousins Jan und Raul schon vor langer Zeit mit Themen wie soziale Abhängigkeit und Armut. Raul, der selbst Rollstuhlfahrer ist, kennt die Probleme aus eigener Erfahrung. Inspiriert von dem raschen Aufstieg der Fernsehshow „Deutschland sucht den Superstar“ riefen die beiden 2004 ein Castingprojekt „Die Suche nach dem SuperZivi“ zusammen mit einem Berliner Radiosender ins Leben. Das öffentliche Interesse und die Teilnahmebereitschaft waren überwältigend, so dass schnell klar wurde: da müssen weitere Projekte folgen. Mit ihrem Verein „Sozialhelden“ berichten die beiden über soziale Probleme und unterstützen kreative Ideen. Ziel ist es, noch mehr Unternehmen für die Anforderungen von Menschen mit Behinderungen zu sensibilisieren und eine fairere und barrierefreie Welt zu erschaffen.