Rebecca Freitag ist seit 2017 Jugenddelegierte für nachhaltige Entwicklung bei den Vereinten Nationen und hat die Fridays for Future Bewegung nach Kenia gebracht. Wir haben mit ihr über dieses besondere Ehrenamt gesprochen und darüber, was sie von der Politik für eine lebenswerte Zukunft erwartet.

Rebecca, wie wird man denn Jugenddelegierte bei den Vereinten Nationen?

Einmal im Jahr kann man sich beim Deutschen Bundesjugendring und dem Bundesumweltministerium um das Ehrenamt bewerben. Es gibt natürlich einige Kriterien, etwa, dass man fließend Englisch spricht und maximal 25 Jahre alt sein darf. Das Ehrenamt führt man dann insgesamt zwei Jahre aus, immer gemeinsam mit einem Partner. Mein Delegiertenpartner ist Felix Kaminski. Er macht den Job jetzt seit 2018, ich seit 2017. 

Wow, maximal 25 Jahre alt für ein solches Amt! Was sind denn deine Aufgaben? 

Meine Hauptaufgabe ist es, jungen Menschen eine Stimme zu geben. Es gibt so viele junge Leute,  die durch Ideen, Engagement und Projekte zu den SDGs (Sustainable Development Goals) beitragen und wir ermutigen sie, sich weiter zu engagieren. Wir besuchen Schulklassen, Jugendgruppen, Camps und Ferienlager und berichten, was die SDGs überhaupt sind und wo wir in der Umsetzung stehen. Gleichzeitig erinnern wir politische Vertreter*innen daran, dass es die SDGs gibt und dass sie für ihre Umsetzung zuständig sind. Bei den Konferenzen der Vereinten Nation treffe ich mich zum Beispiel mit Leuten aus anderen Delegationen oder wir veranstalten mit weiteren Jugenddelegierten eigene Fachveranstaltungen, sogenannte Side Events. Normalerweise hört man bei der UN immer wieder dieselben langweiligen Phrasen. Ich habe diese Veranstaltungen oft “Beautycontest der Staaten” genannt. Sie präsentieren sich dort selbst, aber haben nicht den Mut über ihre Probleme und Challenges zu reden. Das wollen wir natürlich nicht imitieren. Wir setzen mehr auf interaktive Veranstaltungen und versuchen, die Balance zwischen Gender, Alter und der regionalen Verteilung auf der Bühne sicherzustellen. Das wird übrigens auch von der UN gefordert aber nicht immer umgesetzt! Gleichzeitig wollen wir auch Vertreter*innen unterschiedlicher Institutionen zu Wort kommen lassen, also nicht nur Politiker*innen sondern auch Aktivist*innen aus Grassroots-Bewegungen zum Beispiel. 

Ist denn aktuell schon ein Side Event in Planung?

Beim SDG-Forum dieses Jahr in New York (“High Level Political Forum on Sustainable Development”, kurz: HLPF) wollen wir uns mit der Reform der UN in Hinblick auf die Umsetzung der SDGs auseinandersetzen. Wir organisieren dort gemeinsam mit anderen Jugenddelegierten eine Talk Show aus der Zukunft: Wir befinden uns im Jahr 2050 und wollen zurückschauen auf das Jahr 2019. Gemeinsam mit dem Publikum finden wir dann heraus, welche Reformen nötig sind. Ich persönlich würde ja am liebsten einen Nachhaltigkeitsrat auf UN Ebene sehen, so wie es ja auch einen UN-Sicherheitsrat gibt. 

Seid ihr denn oft auf solchen Konferenzen? 

Ja, die Teilnahme an Konferenzen ist schon ein großer Punkt. Drei- bis viermal im Jahr sind wir auf UN Konferenzen. Die wichtigste ist jedoch das HLPF, das Hochrangige Politische Forum für Nachhaltige Entwicklung in New York. Das ist sozusagen die Hauptkonferenz der UN für Nachhaltigkeit, auf denen besprochen wird, wie die nachhaltigen Entwicklungsziele (SDG) umgesetzt werden können und wie erfolgreich bisherige Maßnahmen waren. Dort sind wir Teil der deutschen Regierungsdelegation und haben in dieser offiziellen Funktion auch die Möglichkeit, die Interessen der Jugend in die deutschen Positionen hineinzutragen. Wir sind aber auch zeitgleich unabhängig von der Regierung und können darüber hinaus agieren. Das bedeutet im Grunde, wir können die Vorteile von beiden Seiten nutzen, um die Situation für Jugendliche weltweit zu verbessern. Als Teil der deutschen Delegation haben wir andere Privilegien als andere junge NGO-Vertreter*innen - aber wir können trotzdem unsere Meinung frei von sonstigen Diplomatiegepflogenheiten äußern. Das ist ein großer Bonus und kann zu einem sehr wirksamen Protest führen. 

Wie kann ein solcher Protest denn aussehen? 

Jugenddelegierte im Nachhaltigkeitsbereich gibt es nur wenige, gerade in nicht-westlichen Ländern ist die Dringlichkeit von Umwelt- und Klimaschutz eben leider noch keine Selbstverständlichkeit. Deshalb ist der individuelle Einsatz in unserer Position auch so wichtig. Felix und ich waren beispielsweise auf einer internationalen Umwelt-Konferenz in Nairobi. Dort stand das Thema Plastik im Fokus. Es ging nicht voran mit der Resolution der Mitgliedsstaaten, deshalb habe ich dann am nächsten Verhandlungstag ein Plastikkleid getragen. Quasi als Form des sichtbaren Protests um die Verhandlungen voranzubringen. 

War das für dich ein Highlight als Jugenddelegierte?

Besonders bemerkenswert fand ich den Einfluss der Fridays for Future Bewegung auf mein Amt. Die ersten Proteste haben etwa begonnen, als ich schon ein Jahr lang Jugenddelegierte war. Ich habe gemerkt, dass Nachhaltigkeit als Thema aber auch die junge Generation generell viel ernster genommen wurden. Dadurch konnte ich mein Amt auch viel besser ausführen und die Botschaft der Bewegung und unserer Generation an Entscheidungsträger*innen herantragen. Ich wurde zum Beispiel öfter zu Veranstaltungen eingeladen, und zwar nicht nur für ein gestelltes repräsentatives Foto mit “der Jugend”. Der gesellschaftliche Druck hat auch erheblichen Einfluss auf Geschwindigkeit von Entscheidungen, das macht Mut. Nachhaltigkeit ist auf der politischen Agenda vieler Staaten seitdem weiter nach oben gerutscht und bekommt mehr Rückenwind von Politikern aber eben auch aus der Bevölkerung. Es gab allerdings auch ein “Lowlight”: Es hat mich wahnsinnig schockiert, wie viele Abgeordnete im Bundestag noch nicht mal die SDGs kennen! 

Wenn wir schon bei Enttäuschungen sind: Die UN wird häufig als zu bürokratisch und ineffizient kritisiert. Welchen Eindruck hast du von der Arbeitsweise und Wirkung der UN?

Ich war auch erst einmal sehr enttäuscht. Bei meiner allerersten Verhandlung ging es wahnsinnig schleppend voran, das hat mich richtig demotiviert. In den Verhandlungen wurde einfach die ganze Zeit über ein einziges Wort diskutiert. Ich musste erst einmal verstehen, dass hier niemand Klartext spricht. Bei der UN wird alles sehr vorsichtig und diplomatisch formuliert. Andererseits muss man der UN zugute halten, dass es eine wahnsinnig schwierige Aufgabe ist, 193 Staaten unter einen Hut zu bringen und Konsens zu finden. Daher beurteile ich die Arbeit mittlerweile auch anders. Und ganz ehrlich: Wenn es die UN nicht geben würde, würden wir uns wieder so etwas ausdenken. Aber sie ist natürlich reformbedürftig. 

Nämlich? 

Man bräuchte stärkere Nachhaltigkeitsregelung und man sollte sich von der Aufteilung in Mitgliedsstaaten in den Nachhaltigkeitsthemen lösen. Viel besser wäre es, die Sitze nach Themengebiete aufzuteilen. Also einen Sitz für Biodiversität, einen für die Weltmeere und so weiter. Sitze nach Nationalstaaten zu vergeben macht heute einfach keinen Sinn mehr, finde ich. Gerade in der heutigen Zeit, wo viele Ländern wieder rechte Regierungen wählen und die Entwicklung eher in Richtung Anti-Multilateralismus geht ist es gut, dass es jetzt die Agenda 2030 als Masterplan gibt. Ressentiments gegen Staatenbünde helfen der chronisch unterfinanzierten UN natürlich nicht gerade. Man muss sich mal vorstellen: die Militäretats eines einzigen Jahres würden zusammen ausreichen, um alle Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 zu finanzieren. 

Hast du denn ein Lieblings-SDG? 

Mein Herzensthema ist SDG 4, denn ich finde Bildung ist der Schlüssel um Nachhaltigkeit voranzubringen. Nur wenn der Mensch erkennt vor welchen Problemen er steht, kann er auch etwas daran verändern. Das betrifft nicht nur Kinder und Jugendliche, auch Erwachsenenbildung ist aus meiner Sicht sehr wichtig. Man lernt ja bekanntlich nie aus! Allerdings bringt es nicht viel, nur ein einzelnes SDG zu betrachten, denn alle SDGs hängen untrennbar zusammen. Durch Silodenken erreicht man im schlimmsten Fall durch eine vermeintliche Verbesserung zu einem Thema eine Verschlechterung bei einem anderen. Ein ganz profanes Beispiel: Reisanbau ist in der Landwirtschaft ein regelrechter Klimakiller. Wenn man sich also alleine SDG 13 zum Klimaschutz ansieht könnte man sagen, wir verbieten als Maßnahme einfach Reisanbau und sparen viel CO2 ein. Natürlich geht das aber nicht, da viele Menschen weltweit wirtschaftlich vom Reisanbau abhängig sind oder ihn als Lebensmittel sogar zum Überleben brauchen. Es braucht also unter anderem SDG 1 zu Armut und SDG 2 zu Hunger, die mit in die Betrachtung gezogen werden müssen. 

Du arbeitest aber auch viel zu “SDG 8“ -  was ist aus deiner Sicht eine besonders große Herausforderung, um Wirtschaftswachstum nachhaltig zu gestalten?

Beim SDG 8 geht es darum, wirtschaftliches Wachstum zu erreichen und gleichzeitig nachhaltig zu wirtschaften. Das ist natürlich eine besonders große Herausforderung für die Mitgliedsstaaten. Als allerersten drastischen Schritt müssten wir von fossilen Energieträgern wegkommen und das Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch abkoppeln. Die Menschen müssten weniger konsumieren und viel mehr in Kreislaufwirtschaft denken. Dafür ist es notwendig, dass Lieferketten transparenter werden, etwa bei der Frage woher unsere Kleidung kommt und wo sie von wem produziert wird. Wir müssen unsere planetarischen Grenzen mitdenken und einhalten - und zwar nicht nur aus ökologischer Sicht sondern auch aus sozialer. Wir müssen Ungleichheiten weltweit angehen. Nachhaltigkeit, Gesundheit und Glück müssen langfristig die Maßstäbe werden, mit denen wir in Zukunft Wohlstand messen, nicht das Bruttosozialprodukt. 

Die FFF Bewegung hast du in Kenia initiiert und mit begleitet, die Jugendeuropawahlergebnisse sprechen eine klare Sprache und nebenbei klären Youtuber über Politik auf – wie beurteilst du die neue Politisierung der Jugend und wie glaubst du, werden sich junge Menschen in Zukunft für eine enkeltaugliche Zukunft engagieren?

Ich finde diese Entwicklung sehr spannend. Wir Jugendlichen wurden viel zu lange nicht angemessen in der Politik vertreten. Das Durchschnittsalter der gewählten Volksvertreter*innen liegt weit über den Durchschnitt der Bundesregierung, obwohl der ohnehin schon recht hoch ist. Die Parteien haben bislang keine gute Arbeit geleistet um uns anzusprechen oder uns politische Themen schmackhaft zu machen. Politiker haben einfach weiter ihre Themen gefahren und haben sich auf die Probleme der älteren Generation konzentriert. Es ist deshalb kein großes Wunder, dass wir uns von den Altparteien und traditionellen Medien abgewandt haben. Es hieß dann immer, die sogenannte “Smartphone Generation” werde immer unpolitischer und desinteressierter aber tatsächlich ist es nicht so.  Wir nutzen diese neuen Medien für unsere Politisierung und unser politisches Engagement. Wir gehen auf die Straße und setzen uns für unsere Zukunft ein, das muss unbedingt eine angemessene Reaktion von der Politik erhalten. 

Was wünscht du dir von der Politik? 

Ich bin dafür, das Wahlalter auf 16 oder sogar 14 zu senken. Man braucht sich ja nur die Wahlergebnisse nach Altersgruppen anzusehen: wir jungen Menschen sorgen uns um die Gesundheit unseres Planeten. Unsere Themen wurden die letzten Jahre überhaupt nicht angemessen beachtet, da ist das Vertrauen in die Politik natürlich verloren gegangen. Viele junge Menschen, die ich kennengelernt habe, kennen die SDGs gar nicht aber haben das System dahinter schon total verinnerlicht. Wir sind zahlenmäßig die größte Generation, die die Welt je gesehen hat. Wir sind bereit für eine Transformation und brauchen jetzt die richtige Reaktion aus der Politik.. Jetzt haben wir einfach keine Zeit mehr um weiter tatenlos auf die Politik zu warten. Wir müssen den Wandel jetzt selbst anpacken und gestalten, ob im Privaten über weniger Konsum oder über Anforderungen an unsere Arbeitgeber: Wir sind gut ausgebildet, wir wollen einen Job mit Sinn. Wir wollen lokale Projekte pushen, um Nachhaltigkeit voranzubringen. 


Seit dem 24.5. läuft auf change.org deine Unterschriftenaktion - worum geht es dabei genau?

Bei der Aktion #allinforclimateaction  geht es darum, die Staats- und Regierungschefs dieser Welt dazu aufzufordern,  “all in for climate action” zu gehen und ihre Ausreden und langweiligen Reden zu Hause zu lassen. Wir haben globale Krisen und wollen globale Antworten sehen. Der Klima und SDG Gipfel findet im September in New York statt, wo wir die Unterschriften dieser globalen Petition den “world leaders” übergeben werden. Junge Menschen auf der ganzen Welt fordern dass dieser Gipfel ein historischer Wendepunkt wird und dass die Welt jetzt anfängt sich radikal zu transformieren. Wir brauchen keine Aktionspläne und lange Reden mehr - es reicht, fangt endlich an ambitioniert zu agieren und zeigt Action! 

Bald endet dein Ehrenamt - was hast du dir für die Zeit danach vorgenommen?  

Dadurch, dass ich viel Energie und Zeit in dieses Amt gesteckt habe, ist mein Studium etwas auf der Strecke geblieben. Deshalb will ich jetzt erst einmal mein Studium abschließen und meine Masterarbeit fertigstellen. Ich schreibe übrigens über die Akzeptanz einer CO2-Steuer - das Thema Umwelt und Klimaschutz ist also auch in meiner Studienzeit mein ständiger Begleiter. Langfristig will mich aber auch beruflich weiterhin für Nachhaltigkeit einsetzen. Ich wäge gerade ab an welcher Stelle man am meisten bewegen kann. Ich kann mir schon vorstellen später wieder einmal für die UN zu arbeiten, aber es muss ein Job sein, der einen wirkungsvollen Impact hat und Sinn macht.

Möchtest du Rebeccas Nachfolgerin werden? Alle Informationen zu Bewerbungsanforderungen und Fristen findest du hier.