Der jährlich erscheinende Gallup Engagement Index Deutschland erschreckt uns immer wieder: Die Mehrheit der deutschen Arbeitnehmer*innen (68%) macht nach eigenen Angaben in ihrem Job nur noch Dienst nach Vorschrift. Fast jede*r sechste Angestellte in meist traditionellen Konzernen hat innerlich bereits gekündigt. Viele Führungskräfte können ihre Kolleg*innen offenbar weder motivieren, noch einen Sinn im Job bieten. Ein trauriges Bild. 

Ganz anders ist die Situation wie wir sie in Startups erleben. Die Gründer*innen und ihre Kolleg*innen brennen meist für ihre Arbeit und ihre Geschäftsideen. Wenn ein Plan nicht funktioniert, sucht das Team nach einer neuen Strategie. Startups können ihren Kurs besser als große Konzerne schnell ändern, wenn sich herausstellt, dass sie auf einem Irrweg sind. Mit ihrer Fehlerkultur, die eben auch Niederlagen zulässt, ihrer Flexibilität und Agilität zeigen viele Startups und ihre Gründer*innen, wie die Zukunft der Arbeit in Deutschland aussehen könnte und wie empathische Entscheider*innen die sich selbst organisierenden Kolleg*innen führen. 

Der Wunsch, etwas Sinnvolles zu erschaffen

New Work Elemente sind in der Gründerszene längst Standard – und damit meinen wir nicht einen Obstkorb oder einen Bürohund. Home Office, Remote Work, eine offene Kommunikation, partizipative Methoden und Coworking Spaces schaffen den Talenten Freiraum für eine verantwortliche Selbstentwicklung. Viele Startups zeichnet zudem ein gemeinsamer Purpose aus - einen gesellschaftlichen Nutzen ihrer Arbeit etwa im Bereich der Medizin oder des Klimaschutzes. Entsprechend agil sind die Gründer*innen und ihre Kolleg*innen. Sie sind vom Wunsch getrieben, etwas völlig Neues und Sinnvolles zu erschaffen. Sie streben mit ihren digitalen Geschäftsmodellen weniger nach fetter monetärer Beute, als vielmehr nach sozialen, demokratischen und nachhaltigen Problemlösungen für die Gesellschaft. 

Der Sinn im Job ist bei der Arbeitsplatzwahl gerade für umworbene Talente essentiell. So wie für Beatriz Crespo aus Spanien, die für das Berliner Startup Caspar Health an einer Online-Therapieplattform arbeitet. „Mit Caspar kann ich den Menschen bei der Genesung helfen, statt banale Dinge wie Schuhe oder Hosen zu verkaufen. Der Purpose eines Jobs ist für mich und meine Kollegen wichtig. Wir sind daran interessiert, ein gesellschaftlich sinnvolles Produkt anzubieten,“ sagt die UX-Designerin. Ihr gefällt auch, dass sie von überall arbeiten kann und es keine Anwesenheitspflicht im Büro gibt. Kreative Menschen sollten eben nicht immer am selben Ort sitzen. 

Wie Tradition und Moderne sich ergänzen

Etablierte Konzerne können viel von diesem Kulturwandel in Startups lernen. Die wichtigsten Treiber sind die Themen Flexibilisierung und Kollaboration. Im Idealfall entsteht aus Tradition und Moderne eine einzigartig erfolgreiche Kombination - so wie zwischen Prof. Dr. Michael Otto und Tarek Müller, dem Patriarchen der Otto Group und dem von ihm protegierten Gründerstar des Online-Marktplatzes About You, einem der ersten Unicorns Hamburgs. Aus der Firmenkultur des Startups hat die Otto Group viel gelernt und etliche Elemente für die eigene digitale Transformation genutzt. Hier drei wichtige Leitsätze von About You, die Tarek Müller im Rahmen des Buches „Deutschland, Startup!“ mit uns geteilt hat:

Der erste Leitsatz für die Mitarbeiter*innen lautet: Schnell sein. Konkret heißt das, schnell Fehler machen zu können und schnell aus ihnen zu lernen. Außerdem sind unkomplizierte Lösungen gefragt - nach dem Motto: Lieber zehn kleine Ideen umsetzen, als für die einzigartig perfekte Lösung viel Zeit zu verschwenden.

Der zweite Leitsatz fordert die Mitarbeiter*innen auf, hungrig zu bleiben - hungrig auf Erfolg und Innovation. Wichtig dabei ist, dass alle bereit sind, mit anzupacken, also nicht lange über Ideen zu reden, sondern sie zügig umzusetzen. 

Der dritte Leitsatz handelt schließlich von der Leidenschaft für die Arbeit, also nur etwas zu tun, für das wir wirklich brennen und mehr als 100% engagiert zu sein. Dass die Arbeit bei About You kein komfortabler Nine-to-Five-Job ist, versteht sich von selbst. Mit der Arbeitsmoral von gestern lässt sich die digitale Zukunft eben nicht gewinnen. Wohl aber mit hoher Leistungsorientierung, Lernbereitschaft und Effizienz.



Über die Autor*innen:

Andreas Haug hat Wirtschaft studiert und ist seit Anfang der 90er-Jahre im Digital Business aktiv – zunächst als Mehrfachgründer eigener Unternehmen und seit 20 Jahren als Business Angel sowie Mitbegründer und Investor von e.ventures bei Startups. Im Januar erschien sein Buch „Deutschland, Startup!“ im Murmann Verlag.

Ines Szal hat BWL-Dienstleistungsmanagement studiert und ist seit 2011 in der Startup und VC Szene tätig. Seit 5 Jahren unterstützt sie Portfoliounternehmen von e.ventures im Bereich Digital Marketing und HR.