Raum und Zeit verschwinden, die Sinne verschärfen sich und Energie rauscht durch den gesamten Körper. Nein, wir sprechen hier nicht von einem LSD Trip am Strand. Es geht um das sogenannte Flow Erlebnis. Jede*r assoziiert damit unterschiedliche Situationen, nur die wenigsten können den Begriff wirklich greifen. Und noch weniger Menschen wissen, wie man ihn bewusst hervorruft. 

Psycholog*innen bezeichnen den Flow als “Zustand des reflexionsfreien gänzlichen Aufgehens in einer glatt laufenden Tätigkeit, die als angenehm erlebt wird und zu Zufriedenheit und freudvollen Erleben führt”. Der kroatische Wissenschaftler Mihaly Csikszentmihaly (MC) beschäftigte sich in den 70er Jahren intensiv mit dem menschlichen Glücks-Verhalten und beobachtete das Flow Erlebnis als solches erstmals bei malenden Künstler*innen.   Wer sich jetzt eine Leinwand schnappt und wild drauf los malt wird mit großer Wahrscheinlichkeit enttäuscht sein. Das Flow Erlebnis ist individuell und taucht nur dann auf, wenn wir eine Tätigkeit mit vollkommener Hingabe und intrinsischer Motivation verrichten – schummeln ist hier nicht möglich. Somit bringt es auch nichts, wenn wir uns auf die faule Haut legen und auf das Glück warten.

Wie kommen wir in den Glückszustand?

MC hat sich dazu die Merkmale des Flow Zustandes angeschaut, die einen gemeinsamen Nenner zwischen den individuellen Erfahrungen bilden. Er stellte neun Kriterien auf, die uns auf der Suche nach dem Glück helfen können:

1. Ein klares Ziel vor Augen

Damit meint MC nicht das Endziel eines Projektes, sondern den nächsten Schritt, den wir in einem Augenblick gehen. Wie eine Bergsteiger*in, der*die sich auf den nächsten Griff fokussiert (und nicht auf den Gipfel) sollten wir uns bewusst machen, was wir JETZT erreichen wollen.

2. Sofortige Rückmeldung

Damit wir fokussiert bleiben, brauchen wir bei allem was wir tun eine sofortige Rückmeldung. Nicht etwa als Feedback von einem*einer Kolleg*in, sondern als unmittelbarer Dialog mit unserem Objekt. Denken wir uns nochmal in den*die Bergsteiger*in ein, der*die mit jedem Griff dem Gipfel ein Stückchen näher kommt. Dadurch erhält er*sie ein direktes Feedback zur ausgeführten Handlung.

3. Zwischen Überforderung und Langeweile

Eine Aufgabe sollte in ihrem Schwierigkeitsgrad genau so sein, dass wir uns herausgefordert aber nicht überfordert fühlen. 

Damit wir in den Flow kommen können, müssen die Anforderungen zu unseren Fähigkeiten passen (siehe Grafik). Dementsprechend individuell gestaltet sich die optimale Aufgabenverteilung auf verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Potenzialen. Generell gilt: Was uns unterfordert langweilt uns und was uns überfordert, macht uns Angst. Arbeiten wir beispielsweise an einem Projekt, das uns wenig abverlangt und für das wir gleichzeitig keine Begabung haben, kommt es zu einer negativen Übereinstimmung. Wir sind traurig und deprimiert, weil wir gemäß unserer menschlichen Natur etwas Sinnvolles erschaffen möchten. Wenn wir in diesem “einfachen” Projekt hingegen vielversprechende Fähigkeiten mitbringen, arbeiten wir entspannt und zuversichtlich. Mit Sicherheit können wir dadurch eine grundlegende Zufriedenheit erreichen. Wollen wir aber in den magischen Flow kommen, brauchen wir eine Aufgabe, die auf unsere Fähigkeiten abgestimmt ist und uns dennoch herausfordert. Der*die Bergsteiger*in wird vermutlich nicht ein Leben lang auf den selben kleinen Gipfeln herumspazieren, sondern sich über die Alpen hinaus bis hin zum Himalaya weiterentwickeln.

4. Ekstatische Konzentration

Unser Konzentrationslevel steigt im Flow bis hin zur Ekstase. Alle Wahrnehmungen und Sinne vereinen sich auf eine Handlung. Reaktionen werden nicht mehr vom Verstand gesteuert, sondern laufen automatisch aber dennoch mit vollem Bewusstsein ab.
Diese Mischung aus Mühelosigkeit und höchster Energiestufe lässt uns Berge versetzen. Das bringt aber auch die Gefahr mit sich, dass wir unsere eigenen Bedürfnisse vergessen, zum Beispiel bei Computerspielsüchtigen. Immer wieder berichten Medien über Menschen, die tagelang zocken, bis sie vor Erschöpfung zusammenbrechen. Was sich für viele von uns völlig absurd anhört, erklärt MC mit dem Flow Effekt, der zu einer regionalen Überbeanspruchung des Kopfes führt, während andere Körperregionen nicht mehr wahrgenommen werden.

5. Im Hier und Jetzt

Im Flow gibt es weder eine Vergangenheit noch eine Zukunft; wir sind vollkommen in der Gegenwart. Alle Sorgen und Ängste verschwinden mit einem Schlag, denn: diese Gedanken können nur in Verbindung mit zeitlichem Vorstellungsvermögen auftreten. Oder hast du dir schon mal über etwas Sorgen gemacht, das genau in diesem Moment stattfindet? Hier gibt es Parallelen zur Achtsamkeitspraxis, die uns genau wie der Flow in die vollkommene Präsenz des Augenblicks befördert. Allerdings beschäftigen wir uns bei der Meditation mit uns selbst anstelle eines äußeren Objekts.

6. Meister*in der Situation

Wir benötigen stets die Zuversicht, unserem Projekt gewachsen zu sein. Es reicht nicht aus, die vollkommene Kontrolle über unseren Geist zu haben, sondern auch über das was wir tun. In unserem Musterbeispiel erreicht der*die Bergsteiger*in den Gipfel, ohne auch nur eine Sekunde daran zu zweifeln. Denn, wenn wir zweifeln, entstehen Sorgen und Sorgen bedeuten, dass wir mit unseren Gedanken nicht im gegenwärtigen Moment sind. Dadurch entzieht sich unsere Aufmerksamkeit dem Projekt, der*die Bergsteiger*in rutscht ab und... Nun ja, gut, dass wir uns bei den meisten Aufgaben kleine Fehltritte leisten dürfen.

7. Zeitlos glücklich

Jede*r kennt diese Tage, an denen scheinbar alles wie am Schnürchen läuft und die Zeit wie im Flug vergeht. Moment mal, ist das nicht schon ein Flow? Ganz genau, denn wenn wir mit Leichtigkeit und Hingabe unsere Aufgaben erledigen, blenden wir die zeitliche Dimension automatisch aus.

8. In der Sache aufgehen

Für MC ist das autotelische Erleben eines der wichtigsten Kriterien. Das bedeutet die Aufgabe wird nur um ihrer selbst willen ausgeführt. Menschen, die ihr ganzes Leben nur einer Sache widmen, tun dies meistens mit der Intention, immer wieder in das Flow Erlebnis zu gelangen. MC interviewte einen Felskletterer, der vom erfolgversprechenden Bürojob zum Schreiner wechselte. Die für ihn lebenswerten Momente in der Natur und bei seiner handwerklichen Tätigkeit schaffen ihm mehr Zufriedenheit, als es Geld jemals könnte.

9. Gut für uns selbst

Was der*die Kletter*in auf dem Gipfel und der*die Pianist*in am Ende seines Konzertes verspürt, ist ein Zustand nach dem wir alle in einem gewissen Ausmaß streben: Selbstbestätigung. Der Flow Zustand steigert unser natürliches Selbstwertgefühl und lässt uns dadurch an unseren Herausforderungen wachsen. Es geht dabei nicht um die rasche Befriedigung des eigenen Egos, sondern um eine nachhaltige Zufriedenheit durch echte Freude.
Dabei spielt die intrinsische Motivation eine große Rolle. Die Pianistin wird niemals dieses Glücksgefühl erreichen, wenn sie nur spielt, um den Anforderungen anderer Menschen gerecht zu werden. Wir müssen von dem, was wir tun, wirklich überzeugt sein!

In wenigen Schritten zum Glück?

Pragmatiker*innen werden an dieser Stelle leider enttäuscht: es gibt keine ultimative Step-by-Step Anleitung in den Flow. Dennoch hängt nicht alles von der Gutmütigkeit des Universums ab. Da das Glücksgefühl mit individuellen Fähigkeiten und den dazu passenden Aufgaben korreliert, sollten wir unsere Projekte genauer unter die Lupe nehmen. Anhand der Kriterien wissen wir welche Anforderungen es an den Flow Zustand gibt.  Jetzt können wir all unsere Aufgaben einzeln durchgehen und nach ihrem “Flow-Potenzial” bewerten. Wo sehen wir die meisten Kriterien erfüllt? Welche Dinge tun wir, die keine der Bedingungen erfüllen?
Am besten nimmst du dir dafür das Flow Diagramm (siehe oben) zur Hand und füllst es mit deinen täglichen To Dos. Dabei stellst du dir bei jedem Punkt die Fragen: Sind die Anforderungen hoch oder niedrig? Wie sind meine Fähigkeiten in dem Bereich?
Manchmal hilft es auch in Momenten der Unkonzentriertheit genauer hinzuschauen: Schweifen meine Gedanken ab, weil ich mich über- oder unterfordert fühle?
Am Ende siehst du, welche Aufgaben dich erfüllen und welche dich langweilen oder gar in Angst versetzen. Dann kannst du dir überlegen, ob du deine Fähigkeiten weiter ausbauen möchtest, gegebenenfalls mehr Herausforderung einbauen oder vielleicht die Aufgabe abgeben kannst. 

Vielleicht könnt ihr diese Übung auch im gesamten Team machen und so eine optimale Verteilung einzelner Projekte schaffen, die nicht nur alle Mitarbeiter*innen glücklicher macht, sondern auch garantiert bessere Ergebnisse liefert.