Friedrich Merz hat uns kürzlich ganz unwissend das beste Beispiel für Tokenism gegeben, das man sich zur Erklärung dieses Phänomens nur hätte wünschen können. In seiner Bewerbungsrede zum Parteivorsitz sagte er: „Ich weiß, dass wir in der Frauenpolitik besser werden und mehr tun müssen. Aber wenn ich wirklich ein ‚Frauenproblem‘ hätte, wie manche sagen, dann hätten mir meine Töchter längst die gelbe Karte gezeigt und meine Frau hätte mich nicht vor 40 Jahren geheiratet.“. Das Zitat ging durch die Presse und jagt nicht nur Wissenden vom Tokenism Phänomen Gänsehaut des Fremdschämens über den Rücken. Irgendwie merken die meisten: das ist nicht ok. Warum, erklären wir euch jetzt. Also pass mal auf, Friedrich Merz, hier kannst du was lernen!

Definition

Tokenism stammt vom englischen Wort ‘token’ und bedeutet Zeichen oder Symbol. Es gibt kein deutsches Pendant, lediglich die Bezeichnungen ‘Quotenfrau’ oder ‘Vorzeige-Schwarze*r’ kommen ‘token’ bezüglich der Bedeutung relativ nah. Im Interview mit “jetzt” erklärt die rassismuskritische Trainerin Melz Malayil, dass Tokenism ein diskriminierendes Verhalten beschreibt, bei dem Angehörige von weniger privilegierten Gruppen als Aushängeschild instrumentalisiert werden. Es soll der Anschein einer Gleichstellung innerhalb der Belegschaft erweckt werden und somit das Image aufpolieren. 

Ein Token beschreibt schlussfolgernd einen Menschen, der aufgrund eines (zugeschriebenen) Merkmals eingestellt im Rahmen von Tokenism für die Zwecke anderer ausgenutzt wird. Das Ziel ist mögliche Kritik an diskriminierendem und rassistischem Verhalten oder Strukturen von sich abzuwenden.
Vielleicht kennt ihr Sätze wie “Wir haben eine Frau in der Abteilung, wir können gar nicht sexistisch sein.” oder “Wir sind doch nicht homophob, immerhin haben wir queere Mitarbeitende!” – das ist Tokenism.

Warum das problematisch ist

Aber Frauenquote ist doch dasselbe?

Jetzt könnte man sich als Token auch damit abfinden, dass man nur aufgrund eines (zugeschriebenen) Merkmals eingestellt wurde und versuchen die Organisation von innen heraus zu ändern. Dann hätte das Ganze bei falscher Intention zumindest irgendwas Gutes. 
So wird doch auch beim Thema Frauenquote argumentiert, oder? Nicht ganz.
“Ich finde es geil eine Quotenfrau zu sein.” sagt Gründerin, Podcasterin und Influencerin im Bereich Politik/Feminismus/Nachhaltigkeit Louisa Dellert im zdf Format ‘13 Fragen – Frauenquote per Gesetz: Müssen Männer Macht abgeben?’. 
Bei der Frauenquote ist die Intention der Unterschied. Hier wird beabsichtigt überhaupt mal einen Hauch von Geschlechter-Diversität im Unternehmen zu erlangen und so die alte unsichtbare Männerquote aufzubrechen, in der Männer nicht aufgrund ihrer Leistungen, sondern aufgrund ihres Geschlechts Chancen erhielten. 
Anders als bei der Frauenquote gibt es beim Tokenism keine Bemühungen das Unternehmen wirklich zu mehr gelebter Diversität zu bewegen. Hier werden Menschen als Instrument benutzt, um sich aus unangenehmen Vorwürfen zu Sexismus, Rassismus oder anderen Diskriminierungsformen zu winden

Die Gründerin und Journalistin Ciani-Sophia Hoeder hat in ihrem Artikel über Tokenism noch zwei weitere Faktoren herausgearbeitet, warum Tokenism problematisch ist:  

Kein gesamtgesellschaftlicher Wandel

Der*die Token wird nicht als Individuum betrachtet, sondern lediglich als Repräsentant*in der Kategorie, der er*sie zugeordnet wird. Das heißt, wenn er*sie einen Fehler macht, wirkt sich das auf die Wahrnehmung aller Menschen aus, die dieser (imaginierten) Gruppe angehören. “Ist ja klar, dass sie den Scheinwerfer nicht reparieren konnte, Frauen sind technisch einfach nicht so begabt.”
Andersrum werden Erfolge als Ausnahmeerscheinung wahrgenommen und nicht wertgeschätzt. “Das war echt gut für eine*n Ausländer*in.”
Es ist Tokens in ihrer Position also fast unmöglich wirklich eine positive Veränderung für die Gesamtgesellschaft zu erreichen.

Tokens werden isoliert

Um unter dem Deckmantel der Diversität zu bleiben, aber nicht wirklich den vermeintlich anstrengenden Weg des echten Wandels gehen zu müssen, werden Tokens voneinander teilweise sogar isoliert. 
Unternehmen möchten beispielsweise verhindern, dass sich Frauen zusammenschließen  und Missstände bemerken oder womöglich sogar eine Revolution starten. 
Daher werden Menschen innerhalb einer Minderheiten Community bewusst nicht zusammen geführt. Die Folge ist, dass Tokens so nicht bemerken (sollen), dass sie instrumentalisiert werden. 

Was Tokenism mit Southpark und dir selbst zu tun hat

Bei der US-amerikanischen Animationsserie Southpark gibt es sogar eine Figur, die dem Phänomen des ‘token black guy’ gewidmet ist. Also des*der Schwarzen Person, der*die häufig in amerikanischen Filmen gezeigt wird und bloß einen einzigen klischeehaften Satz sagt. Token ist ein regulärer Charakter der Show. Am bekanntesten ist er dafür, dass er das einzige Schwarze Kind in South Park ist. Darum wurde er Token Black genannt.
Wichtig zu verstehen ist, dass Tokenism nicht nur in Unternehmen stattfindet, sondern auch im alltäglichen Miteinander und in Kunst & Kultur. In Filmen ist es üblich eine vermeintliche Diversität vorzuspielen, indem beispielsweise Schwarze Schauspieler*innen als beste Freund*innen neben die weiße Hauptfigur gesetzt werden. Im Gegensatz zu einem wirklich Diversität zelebierenden Film, durchläuft die Schwarze Person im vom Tokenism geprägten Film keine eigene Charakterentwicklung und ist meist nur da, um die weiße Person zu unterstützen. 
Noch schlimmer ist es, wenn Menschen mit bestimmten (zugeschriebenen) Merkmalen nur noch auf eine Rolle reduziert werden. Hier reichen die Rollen von einschränkenden (asiatische*r Nerd*in, schwuler bester Freund) bis hin zu extrem schädlichen Diskriminierungsformen (Schwarzer Gangster, sexy Latina, mexikanischer Drogendealer). Beides verfestigt tief sitzende strukturelle Sexismen, Rassismen und andere -ismen noch weiter in der Gesellschaft. 
Vorwürfe von Diskriminierungen werden auch privat versucht mit Sätzen wie: “Ich kann gar nichts homophobes gesagt haben, meine Mitbewohnerin ist lesbisch?!” abzutun. Dass Menschen bei Vorwürfen gerne erst einmal defensiv reagieren, statt sich Kritik zu Nutzen zu machen, um sich selbst zu hinterfragen und zu reflektieren, ist nichts Neues. Friedrich Merz liest du noch mit?

Das kannst du tun

Was können wir also tun, um das Phänomen Tokenism anzugehen? Wir müssen Unternehmen ermutigen, Vielfalt und Inklusion intern wirklich zu leben, und sie konsequent zur Rechenschaft ziehen, wenn sie ihre Inhalte präsentieren.
In aller erster Linie müssen wir auf Diskriminierung hinweisen, auch wenn es einen selbst nicht betrifft. Dabei gilt sich mit Betroffenen zu solidarisieren, ihnen zuzuhören und mit ihnen laut zu sein, sie aber keinesfalls zu überschallen. 
Und das fängt schon im Freund*innenkreis an und geht bis hin zu großen Institutionen. Welche Antwort wir im Gegenzug bekommen, ob defensiv, aggressiv oder dankbar für konstruktive Kritik, ist im ersten Moment irrelevant. Es macht einen Unterschied, so oder so, spätestens in der Masse. Schweigen macht keinen Unterschied, Laut sein für weniger privilegierte Menschen schon. 

Wie immer sind wir gespannt auf eure Meinungen und Erfahrungen zu unseren Inhalten. Schreibe uns doch gerne Fragen, Anmerkungen oder Kritik an [email protected]