BiPoCs (Black, indigegnous and People of Colour) haben im Jahr 2020 immer noch mit strukturellen Hürden, Diskriminierungen und Rassismus zu kämpfen. Wie kann das sein? Wir wollten die Ursachen dafür und Mittel dagegen wissen und haben uns deshalb mit einer Expertin auf dem Gebiet ausgetauscht: Ciani ist Gründerin des ersten Online-Magazin für afrodeutsche Frauen: RosaMag. Wir haben mit ihr über Mythen sowie Glaubenssätze und -muster gesprochen, die jede*r Einzelne und ganze Organisationen ablegen müssen, um Diversity und Inclusion wahr werden zu lassen. 

Liebe Ciani, mit deinem Magazin RosaMag möchtest du afrodeutsche Frauen empowern und ihre Diversität anhand von Geschichten und Vorbildern zeigen. Hast du momentan ein Vorbild in der Arbeitswelt, was dich prägt oder motiviert?

Oh, es gibt so viele. Meine Kollegin und Freundin Nana Addison beispielsweise, die Gründerin von CURL, einer Lifestylemesse für Schwarze Menschen, meine unerschöpfliche Inspirationsquelle Lindsey Day, die Gründerin des CRWN Mags, AmyAnn Cadwell von The Good Trade, Dr. Kristian Henderson von BLK + GRN, Melisa Karakus Gründerin vom renk. aus Berlin und das Wiener Modelabel Kids of Diaspora von den Schwestern Cherrelle und Leni Charles – um nur einige zu nennen und jetzt halt ich mich zurück, weil die Liste sonst ins Unendliche ginge und das möchte ich keinem zumuten. 

Wie schätzt du die Lage in Deutschland rund um Diversität in der Arbeitswelt ein? 

Allein der Begriff “Diversität” beinhaltet so viele unterschiedliche Aspekte. Es ist ein Sammelbecken für Gender, Religion, Hautfarbe, Körperform, Behinderungen und vieles weiteres. Das macht es so unpräzise. Ich vermute, dass viele Menschen momentan das Bedürfnis nach mehr Realität im Joballtag verspüren. Immerhin hat jede*r vierte Deutsche eine Migrationsgeschichte. 

In einem Artikel von dir geht es um das Thema “Exotenbonus”. Was genau ist damit gemeint? 

Die Chancen für Menschen mit einer sichtbaren Migrationsgeschichte in Deutschland sind ziemlich mies. Von der Schule, Unis oder auf dem Arbeitsmarkt – die Idee des Aufstiegs ist ein romantisiertes Märchen, das für einen klitzekleinen Anteil dieser Gesellschaft Realität wird. Doch wenn es dann mal läuft, muss man sich mit dem “Exotenbonus” herumschlagen. Dabei handelt es sich um das Konzept, dass sobald Schwarze Menschen erfolgreich sind, ihr Erfolg ihnen abgesprochen wird. Dabei verkennt der Satz: “Nur weil du schwarz bist” die strukturellen Herausforderungen, die Schwarze Menschen erleben. Es bagatellisiert ihre Erfolge. 

Warum spielt dieser Mythos leider immer noch eine Rolle in unserer Gesellschaft?

Vielleicht ist es einfach zu komplex zu denken, dass eine Schwarze Person einfach gut ist, indem was sie tut. Wie denn auch? Im Fernsehen, Magazinen – in den Medien, gibt es ein klischeehaftes Narrativ, dass sich hartnäckig hält. Das ehrlich Paradoxe ist, eigentlich könnten Schwarze Menschen genau dasselbe sagen: “Wow, wie erfrischend! Ein weißer Kerl hat wieder einen Job bekommen. Der Onkel arbeitet ja auch im Unternehmen. So wie der Vater, der Vater vom Vater, oh und der Vater vom Vater vom Vater. Wie progressiv.” 

Ihr schreibt in eurem Magazin, dass unter der so genannten Grind Kultur besonders Schwarze Frauen leiden. Warum ist das so? 

Die Grind or Hustle-Kultur ist eine Philosophie der rohen Leistung, in der immer längere Arbeitszeiten nicht nur die Norm sind, sondern der Maßstab für Erfolg. Es ist fast schon ein performativer Workaholismus. Vor allem Schwarze Frauen – die sich gegen Rassismus und Sexismus in der Arbeitswelt stellen müssen – zelebrieren die Grind Kultur. Die Philosophie: Härter, besser, weiter ist ein Überlebensmodus, doch gleichzeitig toxisch. Die Balance geht abhanden. 

Von welchen alten Glaubenssätzen müssten sich viele Menschen und Unternehmen verabschieden, um Vielfalt zuzulassen? 

Die Philosophie: Jetzt haben wir eine inklusive Formulierung in unserer Stellenausschreibung gepackt, aber es melden sich ja gar keine BiPoCs. Diesen Satz höre ich häufig. Wo sollen denn all die Menschen herkommen mit all den strukturellen Hürden? Es beginnt in der Grundschule, Oberschule, Studium und dann noch die Ressourcen zu haben, fast kostenlose Praktikas zu machen – all das ist für Menschen die aus Arbeiter*innenhaushalte stammen (und das entspricht für Menschen mit Migrationsgeschichte häufig, aber natürlich nicht immer) total romantisierend. Das bedeutet: Unternehmen möchten “Diversität”, aber die Strukturen sind dafür gar nicht geschaffen. Diese müssen erst einmal etabliert werden. Hinzu kommt: Wenn ich mich durch diesen langen beruflichen Weg geschlagen habe, ist die Aspiration als beispielsweise einzige Schwarze Person in einem komplett Weißen Team zu arbeiten, nicht sehr motivierend. Häufig wird mit der “neuen Perspektive” auch ein kostenloses Antirassismus-Coaching verlangt. Nur weil ich eine Schwarze Person bin, muss ich nicht die Mechanismen von Rassismus verstehen. Meine Hautfarbe macht mich nicht automatisch zum*r Expert*in. Das alles steckt in diesen neuen aufgehübschten Stellenausschreibungen. 

Deshalb müssen sich Unternehmen ehrlich fragen: 

• Biete ich überhaupt einen Arbeitsplatz, der attraktiv für BiPoCs ist? 

• Wie steht es um meine eigenen internalisierten Rassismen? 

• Habe ich strukturell überhaupt die Infrastruktur, dass jemand neues, Kritik äußern könnte? 

• Und last but not least: Muss ich vielleicht meine Ansprüche ändern und entgegenkommen?  

Wie können wir Veränderungen schaffen? Revolutionen starten, auf die Straße gehen oder im Kleinen anfangen? Was ist deine Idee von gesellschaftlichem Wandel?

Rassismus wird häufig als ein Problem von denjenigen empfunden, die davon betroffen sind. Dabei verkennt diese Perspektive eines: Wenn es eine Gruppe von Menschen gibt, die strukturell benachteiligt wird, gibt es Vorteile für die andere. Nicht nur, dass für dich die Sicherheitskontrolle am Flughafen viel schneller verläuft, als wenn du eine BIPoC wärst; nein Jobs, Wohnungen, Kredite, die Partnerwahl, selbst der Abiabschluss – all das kriegst du viel leichter, als wenn dein Vorname Maimouna, Itanajama, Gülcan oder Ebru lautet. Was ich damit sagen möchte: Weiße Menschen profitieren von der Diskriminierung von Schwarzen Menschen. Somit reicht die Haltung “Ich bin nicht rassistisch” nicht mehr aus. Wenn du Ungerechtigkeit siehst, dreh dich nicht weg, schau hin, zeig darauf! Wir brauchen mehr Menschen, die unbequeme Fragen stellen, nicht diejenigen, die in ellenlangen Monologen beweisen, was für ein “Saubermensch” sie sind. Wir brauchen Allys – Unterstützer*innen, die sich selbst als anti-rassistisch sehen, nicht als nicht rassistisch.