Unsere Gastautorin hat sich schon oft vorgenommen, komplett nachhaltig zu leben. So löblich dieser Vorsatz auch ist, so schwierig ist die Umsetzung: Routinen hinterfragen, Lösungen finden, verändern. Wie sie es trotzdem immer wieder versucht und ihr dabei Methoden aus dem Job helfen, erfährst du hier.

Die Sache mit der 180°-Wende

„Ab morgen lebe ich nachhaltig.“ Der Tag nach meinem rühmlichen Vorsatz: Der Wecker klingelt. Erstmal unter die Dusche, einen Kaffee trinken und dann ab ins Büro. Auf dem Weg noch kurz Frühstück und Lunch im Supermarkt holen und zack: Schon befinde ich mich wieder mitten im Plastikparadies. Plastikfrei Fehlanzeige. „Geht ja gut los“, sage ich mir und greife – wirklich ein allerletztes Mal – zum Gewöhnlichen. Auf der Arbeit ist der Teufel los und völlig energielos fahre ich wieder ins Land des Plastiks, hol mir schnell etwas zum Abendessen und als ich endlich im Bett liege, denke ich mir, „Na bravo, das hat ja super geklappt.“ Ich fühle mich schlecht. Muss ich aber gar nicht – ganz im Gegenteil.

Denn auch wenn sich das jetzt vielleicht kitschig anhört: Der erste Schritt ist getan. Ich habe mich dazu entschlossen, meinen Lifestyle unserer (Um-)Welt zu Liebe zu verändern. Doch alles von heute auf morgen um 180° zu drehen ist möglich, aber schwierig. Ich bin mir sicher, viele haben das gemeistert und da sage ich: Chapeau! Denn wir alle haben einen Vollzeitjob, Haushalt, Wäsche, vielleicht Partner*in und Kinder, ein Social Life und ab und zu brauchen wir ein wenig Me-Time, um uns zu entspannen und Kraft zu tanken – alles kein Zuckerschlecken! 

Deshalb nehme ich mir jetzt Zeit und verändere eines nach dem anderen. Denn hinter plastikfrei leben, DIY Shampoo und Zahnpasta und einer umweltfreundlicheren Ernährung liegt jede Menge Planung. Ich fange klein an, mache mir keinen Druck. Denn genau deshalb habe ich nach ein paar Tagen immer das Handtuch geworfen und schlussendlich kaum etwas verändert. Wie kann ich mein Ziel also erreichen?

Eine Liste muss her!

Ich liebe To-Do-Listen! Besonders im Job sind sie unheimlich hilfreich und dann die Sache mit dem Abhaken – ein himmlisches Gefühl. Bevor ich die Liste schreibe, mache ich mir erst einmal Gedanken, was „nachhaltig leben“ eigentlich bedeutet? Denn selbst, nachdem ich mich eine Weile damit beschäftigt habe, entdecke ich immer wieder etwas in meinem (Job-)Alltag, dem man das Siegel „Nachhaltigkeit“ nicht aufdrücken könnte. Also habe ich mich hingesetzt und erst einmal gebrainstormed. Drei Dinge konnte ich von vornherein abhaken:

- Öfter mit dem Fahrrad fahren – seitdem ich in Amsterdam lebe, habe ich kein Auto mehr und fahre standesgemäß überall mit dem Fahrrad hin

- Weniger Fleisch essen – seit vielen Jahren kaufe ich kaum bis gar kein Fleisch mehr ein

- Keine Plastiktüten mehr – in meinen kleinen Rucksack passt überraschend viel hinein

Trotzdem wurde die Liste sehr lang, denn es fanden sich auch Punkte wie „Pflegeprodukte selbst machen“ und „verpackungsfrei und regional einkaufen“ wieder. Als ich fertig war, schaute ich mir meine Liste an und dachte: „So, und womit fange ich jetzt an?“ Ich war komplett überfordert, setzte mich unter Druck und landete wieder bei meinem „Ab-morgen-lebe-ich-nachhaltig“-Vorsatz. Kein schönes Déjà-vu. 

Adieu To-Do, Bonjour Prio!

So kam es, dass meine heißgeliebte To-Do-Liste in der Tonne landete – Altpapier versteht sich. Ich spitzte meinen Bleistift wieder und schrieb eine Prio-Liste, und zwar ohne Deadlines. Denn ich musste erst einmal ein wenig forschen: Wo kann ich überhaupt verpackungsfrei einkaufen? Und wo regional? Was gehört in selbstgemachte Zahnpasta? Tipp: kein Baking Soda, schadet nämlich dem Zahnschmelz – kleiner Fehler von mir als blutige DIY-Anfängerin. Wenn Prio 1 läuft, kümmere ich mich um Prio 2, dann um Prio 3 usw.

Außerdem dachte ich darüber nach, was ich zu Beginn am leichtesten umsetzen kann. Auf Platz 1 landete der Einkauf von Obst und Gemüse, denn keine fünf Fahrradminuten von mir entfernt, gibt es jeden Samstag einen Markt mit einer Fülle an juhu-nicht-in-Plastik-verpackten Lebensmitteln. Auf Platz 2 meiner Liste stehen selbstgemachte Pflegeartikel – 920 ml Kokosöl stehen im Badezimmer schon bereit. Mein Shampoo und meine Spülung neigen sich langsam dem Ende und ich kann es kaum erwarten, in der Pflege-Küche kreativ zu werden. Nach reiflichen Nachforschungen versteht sich, das Baking-Soda-Zahnpasta-Dilemma muss sich ja nicht unbedingt wiederholen.

Viele kleine Schritte

Natürlich ist das alles noch weit von meinem Ziel entfernt, plastikfrei und umweltbewusster zu leben. Ich kaufe immer noch Dinge im Supermarkt, die völlig unnötig in Plastik verpackt sind. Aber ich glaube, ich befinde mich auf einem guten Weg, denn jeder kleine Schritt bringt mich näher an mein Ziel. Und wenn das Ganze ein halbes Jahr oder ein Jahr dauert, ist das auch vollkommen in Ordnung. Denn wie heißt es so schön: Gut Ding will Weile haben.

 

Früher Konferenzdolmetscherin, dann Copywriterin im Bereich Fashion & Beauty, heute freiberufliche Copywriterin mit einem Herz für Nachhaltigkeit und unsere Welt. Ihr Ziel? Anna Rothärmel möchte mit ihren Worten aufklären, inspirieren und unterhalten.