Die “Fridays for Future” Bewegung hat den ersten Grundstein gelegt, um den Klimaschutz voranzutreiben. Egal ob auf den Straßen oder beim digitalen Netzstreik: Weltweite Demonstrationen haben das Thema in den öffentlichen Fokus gerückt. Jetzt müssen wir “nur noch” die Ärmel hochkrempeln und loslegen! Die Wissenschaftlerin und Bestsellerautorin Claudia Kemfert erklärt in ihrem neuen Buch “Mondays for Future”, welche Schritte wir heute gehen müssen, damit es ein “morgen” gibt.

Liebe Claudia Kemfert, vor Kurzem wurde Ihr neues Buch “Mondays for Future” veröffentlicht. Welchen Anlass gab es für Sie, das Buch zu schreiben?

Im letzten Jahr hat Fridays for Future die Welt verändert. Die Politik kam dadurch in Bewegung, doch noch fehlen Tempo und Entschlossenheit. Aktuell sehen wir, was politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich möglich ist, wenn eine Krise als Krise verstanden wird. Genau wie anfangs das Coronavirus, scheint auch der Klimawandel abstrakt und weit weg. Doch immer mehr Menschen verstehen, dass wir hier und heute handeln müssen. Die Ungeduld wächst. Die Auseinandersetzungen werden härter. Manche macht das besorgt. Doch ich freue mich über die Kraft und Begeisterung, mit der hier gestritten wird. Seit über zwanzig Jahren argumentiere ich als Wissenschaftlerin für mehr Klimaschutz. Jetzt ist endlich erkennbar, dass es eine überwältigende Mehrheit für den Wandel gibt. Immer mehr Menschen fragen mich, wie fachliche oder politische Argumente einzuordnen sind und was sie jetzt konkret tun können. Deswegen finden sich in diesem Buch über 120 Fragen und Antworten sowie über 50 Aufgaben für den Anfang. 

Was genau müssen wir an Ihrem symbolischen “Montag” – also der Zeit nach den Demonstrationen – als Erstes anpacken?

Nach der Freitagsdemonstration, den Diskussionen am Samstag und den Sonntagsreden muss in der Tat am Montag die Arbeit aufgenommen werden. Es müssen Entscheidungen getroffen, Prioritäten gesetzt, Bewährtes fortgeführt, aber auch Experimente gewagt werden. Dafür brauchen wir Grundlagen, Wissen, Fakten und Erkenntnisse. Das Buch räumt auf, sortiert und gibt so den Menschen Ideen und Methoden an die Hand, um sich in unserer demokratischen Gesellschaft aktiv in Prozesse und Aktivitäten einzubringen. Dabei kann sich jede und jeder einbringen. Im Buch gibt es zahlreiche Tipps, wo und wie ich mich einbringen kann – jenseits von Konsumentscheidungen. Was kann ich als erstes anpacken? Womit Loslegen, egal an welcher Stelle? Alles zählt. Jeder Beitrag ist wichtig. Wenn wir dies beherzt umsetzen, können wir es schaffen. 

Sie kritisieren, dass das letzte Jahrzehnt mit Diskussionen “vergeudet” wurde. Was glauben Sie, warum es uns so schwer fällt in Sachen Klimaschutz zu handeln?

Wir sind gefangen in einem auf fossile Energien basierenden Wirtschaftssystem mit langen ökonomischen und technologischen Pfadabhängigkeiten, die enorme Schäden an Natur und Klima verursachen. Die zu überwinden, ist enorm kompliziert und langwierig. Wir brauchen dafür einen langen Atem und ein effektives Zusammenspiel von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft, ähnlich wie es derzeit in der Corona Krise funktioniert. Es geht darum, dass einerseits der Schaden, den das vergangene und heutige Wirtschaftssystem anrichtet, transparent gemacht wird und denen in Rechnung gestellt wird, die ihn angerichtet haben. Und es geht andererseits darum, dass wir auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz ausgerichtete Wirtschaft benötigen, um zukünftige Schäden zu vermeiden. Die Gesellschaft will den Umstieg. Die Wissenschaft hat Szenarien und Handlungsoptionen aufgezeigt. Nun ist es an der Politik, sie effektiv umzusetzen. 

Wen sehen Sie neben der Politik in der Verantwortung, wenn es um Klimaschutzmaßnahmen geht? 

Es sind auch die Unternehmen, die beherzt voranschreiten und Klimaschutz umsetzen müssen. Aber es ist auch die Gesellschaft insgesamt in der Verantwortung, Klimaschutz einzufordern und umzusetzen. 

Was wünschen Sie sich konkret von den Unternehmen?

Ich wünsche mir zwei Dinge. Erstens: Die bisherigen Bremser mögen bitte das Torpedieren beenden und ihre Energie besser in die Lösungserarbeitung stecken. Ich lade sie ein, gemeinschaftlich zu überlegen, wie Klimaschutz und Klimaneutralität rasch in die Realität umgesetzt werden kann. Beispielsweise kann auch die Autoindustrie Teil der Lösung sein, wenn Elektromobilität, klimaschonende Antriebe und Mobilitätsdienstleistungen samt Digitalisierung in den Vordergrund gerückt werden. Auch die Stahlherstellung kann ohne Emissionen auskommen, wenn neue Technologien wie grüner Wasserstoff zum Einsatz kommen. Dazu sind aber enorme Investitionen notwendig, die durch gezielte Investitionsallianzen von Staat und Unternehmen gestemmt werden können. Und zweitens wünsche ich mir mehr Courage und Leitbildfunktion von den Unternehmen, die seit langem sehr erfolgreich Klimaschutz umsetzen. Diese Unternehmen können Leitfiguren für den Wandel werden und die Bremser unterhaken, um gemeinsam für den Wandel nach vorn zu schreiten. 

Warum schafft es die freie Marktwirtschaft nicht, die Klimakrise zu bewältigen?

Grundsätzlich kann eine sozial-ökologische Marktwirtschaft es durchaus sehr gut schaffen, die Klimakrise zu bewältigen – wenn die Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden. Wenn man aber die wahren Kosten verschleiert, die Natur und das Klima zum Nulltarif zerstören darf und die Kosten nicht den Verursachern in Rechnung gestellt, sondern von der Allgemeinheit bezahlt werden, dann läuft etwas gehörig schief. Das kann und muss schnellstmöglich repariert werden. Wir brauchen Kostenwahrheit und Kostentransparenz – und die Verursacher müssen endlich die Schäden bezahlen! 

Klimaschutzmaßnahmen in der Wirtschaft kosten uns heute Geld, sind aber auf lange Sicht – im Vergleich zum Nichtstun –  günstiger. Warum berücksichtigen so viele Unternehmen diese Rechnung nicht?

Weil sie es leider nicht müssen. Bislang werden die Schäden und die enormen Kosten von der Allgemeinheit getragen. Man stelle sich vor: Dein*e Nachbar*in kippt täglich seinen Müll in deinen Garten; du findest das blöd, aber stillschweigend entsorgst du ihn doch auf deine Kosten. Genauso geht es bei Umwelt- und Klimaschäden. Die klimaschädlichen Unternehmen sparen auf diese Weise viel Geld. Die Folgen werden derzeit von anderen bezahlt, die sich oftmals nicht dagegen wehren können. Der Raubbau an der Natur ist somit auch ein sozialer Raubbau. 

Viele Unternehmen sehen die Politik in der Pflicht, um mit Klimaschutzgesetzen, einen fairen Wettbewerb zu erhalten. Eigenverantwortliches Handeln könnte dem eigenen Unternehmen schaden, wenn die Konkurrenz nicht mitzieht. Was meinen Sie dazu?

Da ist durchaus etwas Wahres dran: Wenn nur einer die Kosten für seinen Müll trägt, alle anderen aber nicht, haben wir in der Kostenbilanz der Unternehmen einen ziemlich unfairen Wettbewerb. Wenn alle gleichzeitig dazu verpflichtet sind, hätten wir faire Marktbedingungen. Deshalb gibt es ja bereits global Vereinbarungen zu mehr Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Daran halten sich zwar manche nicht, aber wir sollten nicht warten, bis tatsächlich alle ohne Ausnahme mitmachen. Nur weil einzelne die Verkehrsregeln missachten, ist es ja trotzdem vernünftiger, sich daran zu halten. Durch die Einführung von Importzöllen beispielsweise kann ein Land die Umweltsünder verpflichten, die Kosten spätestens zu bezahlen, wenn sie ihre Produkte verkaufen wollen. Und es gibt viele Unternehmen, die pfiffige Ideen und neue Geschäftsmodelle entwickeln, die attraktiver sind als umweltschädliche. Der deutsche Umweltschutzgütermarkt ist beispielsweise weltweit seit Jahrzehnten führend – und volkswirtschaftlich mit über zwei Millionen Beschäftigten extrem relevant. Man sieht: Umwelt- und Klimaschutz bietet enorme wirtschaftliche Chancen. 

Mit dem Green Deal soll eine sozial-ökologische Wende eingeleitet werden. Reicht das aus, um unsere Klimaziele zu erreichen? 

Der Green Deal ist ein wichtiger und vernünftiger Schritt in die richtige Richtung. Es ist gut und richtig, die erneuerbaren Energien schnell und beherzt auszubauen und sich Schritt für Schritt von fossiler Energien zu verabschieden, um die Emissionen deutlich zu senken. Die bisher beschlossenen Maßnahmen werden aber leider noch nicht ausreichen, um die Klimaziele zu erreichen. Wenn wir beispielsweise weiterhin in neue fossile Infrastrukturen investieren und so Fehlinvestitionen begünstigen, werden weder Klimaziele erreicht, noch können wir alle von sinkenden Kosten profitieren. Im Gegenteil! Somit ist es wichtig, dass der Green Deal weiter überarbeitet und angepasst wird, damit wir möglichst schnell zu einer Vollversorgung mit erneuerbaren Energien kommen. 

Was können wir von der Corona Krise für den Umgang mit der Klimakrise lernen?

Die Wissenschaft hat vor Pandemien lange gewarnt und entsprechende Szenarien für ähnliche Krisen erstellt. Auch vor dem Klimawandel warnt die Wissenschaft schon seit über vierzig Jahren und hat Szenarien zur Eindämmung entwickelt, um die Emissionen nicht zu sehr ansteigen zu lassen („FlattentheCurve“). Jetzt merken wir, dass sich die Szenarien bewahrheiten. Wir müssen heute handeln, um die Katastrophen von morgen und übermorgen zu verhindern. Je stärker wir die Infektionsmöglichkeiten begrenzen und je früher wir die Emissionen senken, desto länger haben wir Zeit. Bei der Corona Krise lernen wir gerade im Crashkurs, wie sehr es in einer starken Demokratie auf uns alle ankommt. Nichts ist so wichtig wie verantwortungsbewusste und verbindliche Solidarität. Es geht um einen Generationenvertrag: Heute stärken die Jungen die Alten durch ihr konsequentes Social-Distancing-Verhalten. Morgen stärken die Alten die Jungen dann durch konsequenten Klimaschutz. 

Durch die Pandemie und den Ölpreis-Schock erwartet uns (in Europa) eine schwere Rezession. Wie soll die Wirtschaft da noch finanziellen Mittel für den Klimaschutz aufbringen?

Zur Überwindung der Krise braucht es lenkende Impulse und entschlossene Investitionsbereitschaft vom Staat. Das war schon in der Finanzkrise 2009 so und gilt auch in der aktuellen Corona Krise. Ob Steuerstundung, Kurzarbeitergeld oder zinslose Darlehen – staatliche Garantien können langfristig ökonomische Risiken reduzieren und wirtschaftliche Chancen eröffnen. Auch in der Klimakrise sind Investitionen und Staatshilfen für den notwendigen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft notwendig und sinnvoll. 
Deswegen ist es angebracht, schon jetzt – also noch inmitten der aktuellen Corona Krise – mitzudenken, wie wir die drohende Klimakrise verhindern oder zumindest abmildern können. Sonst machen wir den Fehler von 2009 ein zweites Mal: In der Finanzkrise hatte man Konjunkturprogramme und Finanzhilfen für veraltete und klimaschädigende Technik ausgegeben. Mit der Konsequenz, dass 10 Jahre später die Klimaziele nicht erreicht werden und wir uns in Städten mit Stickoxid-Problemen herumschlagen. Wir wären klug beraten, diesmal nicht einfach den „Reset“-Knopf zu drücken, wenn die Pandemie abflaut und die Betriebe wieder ihr Geschäft aufnehmen. Es kann nicht einfach so weitergehen, als wenn nichts passiert wäre. Covid-19 muss unser Denken und unser Handeln verändern. Sonst bezahlen wir die Rettung aus der einen Krise blind mit den Kosten der nächsten Krise. 

 

original Claudia Kemfert ist die bekannteste deutsche Wissenschaftlerin für Energie- und Klimaökonomie. Sie ist eine mehrfach ausgezeichnete Spitzenforscherin und gefragte Expertin für Politik und Medien. In ihrem neuem Buch "Mondays for Future" erläutert sie Fakten und Zusammenhänge der Klimadebatte und greift von Klimaskepsis bis Ökodiktatur, von CO2-Steuer bis Emissionshandel alle Facetten der Debatte auf.