Die Errungenschaften und Erfolge der Frauenrechtsbewegung und institutionalisierten Gleichstellungspolitik sind unbestritten, und doch gibt es einen entscheidenden Lebensbereich, in dem sich kaum etwas verändert hat in den vergangenen Jahrzehnten: Care und Sorgearbeit. Im professionellen Care-Bereich liegt der Frauenanteil über 80%: Kita (96%), ambulante Pflegedienste (87%), Altenpflege (85%), Krankenhäuser, Reinigungswesen, Geburtshilfe, Grundschulen, Tagespflege … überall, mal deutlich mehr, selten etwas weniger als 80%. Und auch im Privaten und im Ehrenamt sieht es nicht viel besser aus: je körpernäher Sorgearbeit ist, desto höher die zeitliche Belastung und die Verantwortung von Frauen. 

Care-Arbeit ist für alle da

Diese Ungleichverteilung hat weitreichende und gravierende Folgen für Individuum und Gesellschaft. Frauen verdienen im Durchschnitt weniger (und das fängt tatsächlich schon beim Taschengeld im Kindesalter an), bekommen weniger Rente, sind unterrepräsentiert in Parlamenten und Führungsetagen und haben schlicht weniger Zeit und damit nur stark eingeschränkte Möglichkeiten zur politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Teilhabe. Und Männer? Sie leben im Durchschnitt fünf Jahre kürzer, weil sie sich nicht nur nicht um andere kümmern, sondern vor allem auch zu wenig um sich selbst. Sie lernen früh, über die eigenen körperlichen und seelischen Grenzen hinauszugehen, sind risikobereiter, rücksichtsloser und suchen zu selten und zu spät medizinische und psychologische Hilfe. Und viele bereuen im Alter, dass sie so wenig Zeit mit der Familie, mit ihren eigenen Kindern, mit Freunden und Freundinnen verbracht haben.

Ein Lied von Unterschätzung Unsichtbarkeit und Unterbezahlung

Die Gründe dafür sind keinesfalls komplex und vielfältig, sondern überraschend simpel. Das sind zum einen ungebrochene Rollenklischees und die Vorstellung, dass Menschen qua Geschlecht prädestiniert seien für bestimmte Aufgaben und Verhaltensweisen, und zum anderen ein ökonomischer und politischer Konsens, dass private Care-Arbeit keinen messbaren Wert hätte und damit aus allen wirtschaftlichen Berechnungen ausgeklammert wird, insbesondere dem Bruttoinlandsprodukt. Diese grundlegende Geringschätzung zeigt sich vor allem darin, dass Sorgearbeit gar nicht als Arbeit im eigentlichen Sinne betrachtet wird, für die ein besonderes Wissen und Kompetenzen erforderlich wären – eine Haltung, die beispielsweise im professionellen Pflege- und Betreuungssektor zu diesem unangemessen niedrigen Lohnniveau führt.

Mehr Sichtbarkeit für die Teilhabe aller

Die Grundvoraussetzung für eine nachhaltige Veränderung dieser sozialen Schieflage ist anzuerkennen, dass Care-Arbeit keine private Entscheidung und Angelegenheit ist, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe; dass eine wirkliche kulturelle, politische und wirtschaftliche Teilhabe aller Menschen nur dann möglich ist, wenn Care-Arbeit gerecht aufgeteilt wird zwischen den Geschlechtern, zwischen arm und reich, zugezogen und alteingesessen. Mit dem „Equal Care Day - Aktionstag für mehr Wertschätzung, Sichtbarkeit und eine faire Verteilung der Sorgearbeit“ am 29. Februar 2020 wollen wir Menschen aus den verschiedenen Care-Bereichen zusammenbringen, eine Plattform bieten, um die unterschiedlichen Wünsche und Bedarfe zusammen zu denken und gemeinsam einen Forderungskatalog an Politik, Verbände und Medien zu erarbeiten. 

Eine komplexe Aufgabe

Equal Care zielt auf eine gleichberechtigte Verteilung der Sorgearbeit, Equal Care bedeutet aber auch, die unterschiedlichen Aspekte und Dimensionen von Care-Arbeit immer mitzudenken, nicht gegeneinander auszuspielen, keine Lösungsansätze zu verfolgen, die im einen Bereich zwar zu einer Verbesserung führen, aber auf Kosten eines anderen Bereiches.

 

Equal CareDer Equal Care Day ist eine Initiative von klische*esc e.V.. Die Initiator*innen Almut Schnerring und Sascha Verlan sind ein Journalist*innen-, Autor*innen- und Trainer*innen-Team und leben mit ihren drei Kindern in Bonn. Sie arbeiten zu den Themenbereichen Geschlechtergerechtigkeit und Rollenstereotype, zur Rosa-Hellblau-Falle und zu Zugehörigkeit, Sprache, Kommunikation und Rhetorik. Sie veröffentlichen Bücher, Artikel und machen Radiosendungen, teilen ihre Ideen in Vorträgen, Workshops, organisieren Aktionstage und initiieren Preisverleihungen.
Ihr neustes Buch mit dem Titel „Equal Care. Über Fürsorge und Gesellschaft“ erscheint am 29. Februar 2020 im Verbrecher-Verlag Berlin.