New Work ist ein Sammelbegriff, der Prinzipien wie Holocracy, Design Thinking oder flexible Arbeitszeitmodelle vereint! Wir glauben, dass Sinnhaftigkeit der Arbeit viel mehr im Zentrum der New Work Bewegung stehen muss. So wird aus New Work das zeitlose „Good Work“. Wie ihr euer Good Work Potenzial entfaltet, erfahrt ihr in dieser Artikel-Reihe. Im zweiten Teil fragen wir unsere Gastautorin Rike Bucher, wie Innere Bilder unsere Arbeit beeinflussen.

Bilder sind allgegenwärtig. Plakate an Häuserwänden, Fernseh-Werbung und Netflix wirken auf unsere Lebensvorstellungen und unser Konsumverhalten. Das Visuelle beeinflusst, wie wir uns fühlen und wird daher von ganz unterschiedlichen Disziplinen wie z.B. der Psychologie, den Neurowissenschaften und dem Marketing erforscht. 
Weniger bekannt ist, dass sogenannte Innere Bilder unsere Leitplanken sind, mit denen wir unser Leben und Arbeiten gestalten – bewusst und unbewusst. Wenn wir also von Good Work in dieser Reihe sprechen, lohnt ein Blick in das eigene „Fotoalbum“.  

Mit meiner kleinen Umfrage zu Inneren Bildern traf ich auf Thorsten. Auf der nachhaltigen Fashion-Messe Neonyt, die gerade in Berlin stattfand, glänzten seine Augen, als er sagte: „Nach dem Studium suchte ich einen Job. Die Angebote der konventionellen Modefirmen fand ich zwar auch interessant, aber die Vision und der Spirit hier bei uns ist doch einzigartig.“ Wir unterhielten uns darüber, welches Bild er im Kopf hatte, als er sich bei einem Hanfkleidung Unternehmen bewarb: „Nichts Konkretes, aber grün, leuchtend und lebendig“. 

Wie Innere Bilder uns leiten

Über die Bilder, die wir mit uns herumtragen, wird nicht viel gesprochen. Das Potenzial eines jeden Menschen steckt auch in seiner Inneren Bilderwelt. Schon als Kind legen wir Bilder in unseren internen Speicher an und im Laufe des Lebens kommen ständig neue Bilder hinzu. Du erinnerst dich sicher noch an die Sommerferien bei deinen Verwandten, auf dem Hof, oder das neue Fahrrad und die erste Tour mit einem Platten. Später kommen andere Bilder hinzu, der erste Kuss, das Abschlusszeugnis in der Hand, deine Unterschrift unter dem ersten Arbeitsvertrag, dein erster Erfolg mit Sekt-Korken-Knallerei. All diese Bilder sind in unserem Gehirn wie eine lebende Bildergalerie abgespeichert.

Veränderungen werden mit der eigenen Bildergalerie abgeglichen

Neurobiologisch sieht das so aus: jedes Lebewesen, also eine Zelle, eine Pflanze, ein Mensch oder eine ganze menschliche Gemeinschaft, reagiert auf bestimmte Veränderungen in der äußeren Welt mit einer bestimmten Antwort. Diese Antwort meldet eine Veränderung der inneren Ordnung des betreffenden Lebewesens. Die Störung der inneren Ordnung wiederum ist ein Hinweis auf die von diesem Lebewesen genutzten inneren Bilder. So beschreibt es Gerald Hüther. Sehr plastisch erklärt er, wie unsere Erlebnisse ständig mit den im Gehirn angelegten Bildern verglichen und z.T. auch überlagert werden. Von Tieren wissen wir, dass sie uns in der Wahrnehmung von Veränderungen voraus sind: sie sind mit Sinneszellen, die sie kleinste Veränderungen wahrnehmen lassen, ausgestattet. So erkennt beispielsweise der Bussard die Maus durch genetisch verankerte Bilder und verfolgt jede Bewegung, der Frosch weiß, wie eine Fliege aussieht und der Wolf wittert das Schaf.

Bilder bestimmen das Denken, Fühlen und Handeln

Innere Bilder entstehen durch synaptische Verschaltungen im Gehirn. Jedes Signal von außen wird in ein chemisches Signal in unserem Kopf verwandelt. So entstehen ganze Kettenreaktionen innerhalb des Organismus. Diese elektrischen Impulse erzeugen wiederum Aktivierungsmuster, die wir in Verhalten und Handlungen an uns und anderen erkennen.
Bestätigt ein neues Bild das alte, bleibt alles so, wie es ist. Ist das neue Bild abweichend, wird in einer langwierigen Schleife immer wieder abgeglichen. Interessant ist, wenn teilweise übereinstimmende Bilder aufeinandertreffen, dann wird das alte modifiziert bis ein neues, erweitertes Bild entsteht. ‚Neu‘ heißt also integriert in ein bewährtes Bild und nicht daneben gesetzt, was auch denkbar wäre.
Manche Menschen haben ein besonderes ausdifferenziertes Wahrnehmungsvermögen, der Kreative, der sich bei den ersten Sätzen einer Story eine Illustration vorstellen kann, der Arzt, der Röntgenbilder deutet wie andere astrologische Zeichen, ein Kommunikationsprofi, der Sprache mit Bildern verbindet und einen Newsletter ‚komponiert‘, der Lust macht aufs Weiterlesen. Jahrelange Erfahrung und intensive Beschäftigung reichern die innere Bilderwelt an und erlauben dem Menschen zum Profi zu werden. 

Kollektive Bilderwelten

Ein Team besteht demnach aus einer Ansammlung von unterschiedlichen inneren Bildern seiner Mitglieder, deren gemeinsame Abgleichung zu höchst produktiven Prozessen führen kann. Allerdings ist der umgekehrte Fall, dass eine Abgleichung gar nicht erst stattfindet, ebenso hochgradig unproduktiv. Viel Unwohlsein in Unternehmen und Organisationen stammt aus diesen brach liegenden Prozessen. Ohne Mitwirken und Abgleichen der eigenen Vorstellungen jedes Einzelnen in Diskussionen und Meetings, wird es auch keine gelungene Veränderung in meinen Augen geben. Wertschätzung beruht auf diesem Abgleich: „Was denkst du über die nächste Kampagne? Fehlt in deinen Augen noch etwas?“ In kollektiven Bilderwelten liegt eine enorme Power. Wenn wir das weiterdenken, können Initiativen wie „Fridays for Future“ als gemeinsame Bilderwelt verstanden werden, allerdings gilt das auch leider im Umkehrschluss, wenn Menschen sich zu Gewaltakten hinreißen lassen.
Unternehmen haben also die Wahl, wie weit sie Innere Bilder der Mitarbeiter nutzen wollen. Meetups, Coachings oder Workshops bieten einen Raum, sich spielerisch damit näher zu kommen. Ein klarer Vorteil ist, die Bilder aller zusammen zu tragen und zu entdecken, welche Bilder und Vorstellungen schon miteinander verwoben sind. Abweichende Bilder sind Ergänzungen, die Impulse für einzigartige Produkten und Dienstleistungen liefern können. Ein Austausch aller dient der Wertschätzung einer gemeinsam angelegte Unternehmens-Bildergalerie. Möglichkeiten des Andockens und Ausgestaltens bleiben auch in Zukunft.

Bilder und der Sinn im Job

Im Laufe unseres Gesprächs konnte sich Thorsten an mehr und mehr Details seines Bildes erinnern: „Meinen Wunsch-Arbeitgeber habe ich mir wie einen Baum mit starken Ästen vorgestellt. Er sollte aber nicht alleinstehen. Und tatsächlich hat meine Arbeit heute viel damit zu tun, den Wald und die Lichtung um diesen Baum herum zu schaffen. Und das macht richtig Sinn für mich!“ Witzig, deckt sich ganz mit meinem eigenen Zukunfts-Bild.

 

Rike BucherRike Bucher entfaltet als Coach das volle Potential von New Leadern. Ihre Themen sind: Intuition, Authentische Führung, Emotionale Kompetenz, Umgang mit Stress, New Work. Ihr Coaching verbindet Kopf mit Bauch, ihre Workation verbindet Sizilien mit Berlin.

 

ZumWeiterlesen
• Hüther, Gerald: Die Macht der inneren Bilder. Göttingen:           Vandenhoeck & Ruprecht, 2006.
• 
Youtube mit Gerald Hüther, von ARD Mediathe, alpha,