In Chemnitz hat sich in den letzte Tagen und Wochen wie sonst nirgendwo gezeigt, wie gespalten die deutsche Gesellschaft derzeit ist. Nazis und andere Rechte nutzen den Tod eines Menschen, um politisches Kapital daraus zu schlagen. Am Rande eines sogenannten „Trauermarsch“ passierte so ziemlich alles, getrauert wurde jedoch kaum. Journalisten wurden angegriffen, die Polizei schien phasenweise überfordert. Immerhin: Zu ernsthaften handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen gewaltbereiten Links- und Rechtsextremen ist es – zumindest bislang – nicht gekommen.

Um sich Nazis entgegenzustellen und gegen Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und Gewalt zu demonstrieren, fand am Montag ein vielbeachtetes Gratiskonzert in Chemnitz statt. Selbst die sonst eher konservativ schätzende Polizei spricht von 65.000 Teilnehmenden.

Unter ihnen waren auch einige Mitarbeiter von Sozialunternehmen. Denn nachdem Lemonaid und Social Impact ihren Angestellten #nazifrei gegeben haben, sind einige andere Firmen dem Beispiel gefolgt, darunter Quartiermeister, Betterplace, GoVolunteer – die sogar vier Busse fürs Team gemietet haben –, HiMate, Migration Hub Network oder die GLS Bank.

#nazifrei: Entstanden aus einer Facebook-Diskussion

Das Team von Einhorn war anscheinend sowieso auf einer Off-site-Veranstaltung – außerhalb des eigentlichen Büros – und hat sich kurzerhand entschlossen, nach Chemnitz zu fahren. Die bekannte Eismarke „Ben & Jerry’s“ war mit einem eigenen Stand auf der Demo präsent.

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Entstanden sei die Aktion aus einer Facebook-Diskussion zwischen ihr und einem Mitarbeiter von Lemonaid, erzählt Gabriela Spangenberg, Geschäftsführerin bei Social Impact. Es sei um die Frage gegangen, „wie man mit Nazis und rechtem Gedankengut umgeht und dem konstruktiv begegnen kann. Auf jeden Fall darf man nicht schweigen, muss präsent sein und für seine Werte einstehen.“

Deswegen habe sie ihren Kollegen kurzerhand gesagt, wer will, könne am Montag Urlaub nehmen und auf die Demo nach Chemnitz fahren. Eine Idee, der sich sofort auch Lemonaid angeschlossen hat und das Ganze unter dem Hashtag #nazifrei öffentlich machte – mit dem Aufruf, dass möglichst viele Unternehmen und Organisationen dem Beispiel folgen.

Gesicht zeigen gegen Rechts

Bei Social Impact kommt der Urlaubstag aus einem viertägigen Sonderurlaub, den sich sowieso jeder für soziale Arbeit nehmen könne. Sollte jemanden diesen schon ausgeschöpft haben, gibt es einen zusätzlichen Urlaubstag. Bei Lemonaid ist es einfach ein zusätzlicher Urlaubstag, allerdings nicht die erste spontane Aktion dieser Art: Schon 2015 habe man kurentschlossen einen „Refugees Welcome Space“ eingerichtet und sich gemeinschaftlich in der Flüchtlingshilfe engagiert.

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Aber warum das Ganze – und warum gerade jetzt? „Uns ist es wichtig, Gesicht zu zeigen; zu zeigen, dass wir es nicht dulden, wenn Menschen Angst haben müssen, auf die Straße zu gehen“, sagt Spangenberg. „Unsere Position ist klar.“ Man stehe als Unternehmen sowieso für Integration, Weltoffenheit und ein friedliches Miteinander aller Kulturen.

Ähnlich sieht es Aileen Puhlmann, die den Lemonaid & ChariTea e.V. leitet. „Es geht darum, sich klar zu positionieren. Wir sehen Chemnitz, wir sehen all die Menschen, die sich hier seit Jahren in antirassistischen Aktionen engagieren – und wollen die natürlich unterstützen.“

Allerdings sei man auch bei Social Impact und Lemonaid ob der Hemmungslosigkeit der rechten Demonstrationen in Chemnitz „erschüttert“ gewesen. Darum auch der spontane Sonderurlaub. Man wolle, so Spangenberg, „verhindern, dass noch mehr Leute unter den Deckmantel rechter Parolen verschwinden und sich einfangen lassen“. Puhlmann ergänzt: „Wenn es einen Moment gibt, an dem man nicht mehr zusehen und danebenstehen kann, dann gerade jetzt.“ Denn, so steht es auch in dem Aufruf von Lemonaid: „Es gibt Tage, da gibt es Wichtigeres als Arbeit.“

 

Dieser Artikel erschien zuerst bei enorm.