Psychologie

Toxische Männlichkeit: Sind Geschlechterrollen noch sinnvoll?

Wer sich mit toxischer Männlichkeit beschäftigt, reflektiert sich selbst und erkennt so die wahre Ursache des Konzeptes, anstatt nur eine gesündere Form von Männlichkeit zu fordern.

Leonard Gabriel Heygster

04.11.2021

Schatten eines lesenden Menschens

Rafael Heygster

Nichts als Symptombehandlung

Es ist wichtig und richtig, das Thema der toxischen Männlichkeit zu beleuchten. 

Aber um sie wirklich zu verstehen, ist es notwendig nachzuvollziehen, durch welche Strukturen sie überhaupt entsteht. Denn wer toxische Männlichkeit zum Thema macht, thematisiert in zweiter Instanz immer etwas Grundsätzliches. Es geht dabei um traditionelle Geschlechterrollen und deren Folgen, die alle Geschlechter betreffen, FLINTA* aber historisch wie heute massiver benachteiligen. (FLINTA* steht für: Frauen, Lesben, Inter Personen - also diejenigen, die sowohl weibliche, als auch männliche Geschlechtsmerkmale aufweisen, Nicht-Binär, Trans und Agender. Der Stern * steht für alle, die sich in der Bezeichnung in keinem der Buchstaben wiederfinden und in unserer patriarchalen Mehrheitsgesellschaft marginalisiert werden. Sprich: Nicht cis hetero männlich sind.. Hier kannst du mehr zu den einzelnen Begriffen lesen.) 

Am Anfang war das Rollenbild

Vereinfacht gesagt beschreibt toxische Männlichkeit destruktive Verhaltens- oder Gedankenmuster, die aus einer eingeengten Sichtweise und einem stereotypischen Bild vom Mann-Sein entspringen. Das eigentliche Problem dabei liegt aber viel tiefer, nämlich in den Annahmen über (Charakter-)Eigenschaften, die traditionellen Geschlechterrollen zugrunde liegen. Sie begründen, wie Männer oder Frauen "zu sein haben" und legen fest, was Männlichkeit oder Weiblichkeit kennzeichnet und wie sich beide Begriffe voneinander abgrenzen. Zudem wird bei diesen mittlerweile veralteten Geschlechterrollen "Männlichkeit" oft als "überlegen, stärker, besser" gelesen.

“Boys don’t cry” - verinnerlichte Rollenbilder

Schon im Kindesalter werden solche Rollenbilder durch die Sozialisierung geprägt: Jungs tragen blau, Mädchen tragen rosa. Jungs spielen mit Autos, Mädchen mit Puppen. Jungs prügeln sich, Mädchen eben nicht. So werden bereits im Kindesalter Eckpfeiler für spätere Geschlechterrollen und im Zuge dessen Einschränkungen in der freien Selbstentfaltung gesetzt. Später heißt es dann: Männern tragen Anzüge, Frauen tragen Kleider. Männer gehen arbeiten, Frauen schmeißen den Haushalt. Männer sind hart und rational, Frauen weich und emotional. 

Ungleichheit, die sich selbst verstärkt

So lernen Jungs schnell, wie sie zu sein haben, um als "vollwertiger Mann" wahrgenommen zu werden. Menschen, die diesem Weltbild nicht entsprechen, wird die gesellschaftliche Teilhabe erheblich erschwert oder sogar verwehrt. Dadurch entsteht eine Art Teufelskreis, da die Personen, welche nicht diesem Weltbild entsprechen oder vielleicht sogar aktiv dagegen arbeiten, nicht unbedingt als “positives Mitglied unserer Gesellschaft” angesehen werden. 

Ein traditionelles Gesellschaftsbild, welches mit seinen Geschlechterrollen FLINTA* von vornherein benachteiligt, suggeriert folgendes:  Um selbst als vollwertiges Gesellschaftsmitglied zu gelten, müssen Männer einem Rollenbild entsprechen, das weiblich gelesene Personen herabsetzt und sich selbst mehr Macht einräumen. 

Ein System ohne Gewinner*innen

Um also dem eigenen Bild von Männlichkeit möglichst zu entsprechen, passiert es schnell, dass Männer nicht nur hart zu anderen sind, sondern vor allem zu sich selbst. Sie erlauben sich selbst keine Schwäche, verbergen jegliche Formen von Angst und Unsicherheit oder sie wehren als schwach oder weiblich assoziierte Verhaltensweisen strikt ab. Sie erlauben sich selbst nicht, anders zu sein, als das Rollenbild es von ihnen erwartet und leiden häufig selbst stark darunter. Gleichzeitig befeuern sie so ein System, dass auf dem Schaffen von Abhängigkeiten, Abgrenzung, Ausgrenzung sowie aus Ausbeutung beruht. Der Autor und Texter Conny bringt es im humansarehappy Podcast auf den Punkt, indem er Männlichkeit treffend als Gefängnis bezeichnet. 

Medizin und ihre Nebenwirkungen

Der Ansatz, das klassische Bild von Männlichkeit aufzubrechen und so zu "legitimieren", dass Männer offen mit ihrer Schwäche, ihrer Sanftheit oder ihrer Emotionalität umgehen, begründet sich oft darin, weniger "toxisch" und mehr "gesund" zu sein. Hier ist es wichtig, sich zwar gegenseitig auf toxisches Verhalten aufmerksam zu machen, allerdings dadurch keine Abgrenzung entstehen zu lassen. Denn jeder Mensch ist an unterschiedlichen Etappen des eigenen Weges, wobei offene Kommunikation der Schlüssel ist. Es gibt hier keine "gesunde" Männlichkeit, sondern eher eine (selbst-)reflektierte.

Mit Selbstreflexion zur kritischen Männlichkeit

Es ist zwar sinnvoll, bestimmte Charaktereigenschaften nicht mehr mit Geschlechtern zu konnotieren, allerdings sollten wir nicht in den Mechanismus verfallen, einfach alles geschlechtsneutral zu sehen. Diese sogenannte "Gender Blindness" würde die Kämpfe von FLINTA* negieren und ihnen diskriminierende Erfahrungen absprechen.

Viel wichtiger ist es, sich selbst zu reflektieren. Die eigenen Privilegien und Unconscious Biases (quasi unbewusste Vorurteile) zu erkennen und zu hinterfragen ist der wichtigste Schritt des individuellen Prozesses. Denn diese haben wir alle – es gibt wahrscheinlich keine Männer, die ausschließlich toxisch oder zu 100 Prozent kritisch sind. Wer allerdings offen dafür ist, zu lernen, betroffenen Personen zuzuhören und an sich selbst zu arbeiten, ist auf dem besten Weg, sich gegen toxische Männlichkeit einzusetzen.

 

Zum Weiterlesen: “Was ist kritische Männlichkeit?”

 

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humansarehappy schafft Verständnis für die Entstehung von Wohlbefinden und vereint wissenschaftliche Aspekte der Glücksforschung mit praktischen Methoden und inspirierenden Lebensgeschichten. 

Im dazugehörigen Podcast spricht Leonard Gabriel Heygster mit Menschen aus den Bereichen Wissenschaft, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu den Themen Wohlbefinden, Glück und Zufriedenheit.  

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