Nachhaltigkeit

Mobilität der Zukunft – sollten wir alle kein Auto mehr fahren?

Wie sieht nachhaltige Mobilität aus? Wir haben bei Expert*innen und GoodCompanies nachgefragt, wie die Mobilitätswende gestaltet werden kann.

Julia Dillan

23.05.2022

Menschen auf Fahrrädern stehen an einer Ampel – Ansicht von hinten

Nomadic Julien via Unsplash

Obwohl im Automobilsektor konsequent an Innovationen gearbeitet und der CO2-Fußabdruck des einzelnen Autos reduziert wurde, steigt der Anteil der Emissionen aus  dem Mobilitätssektor weiter an. In den letzten 25 Jahren ist laut dem Umweltbundesamt der Verkehr enorm angestiegen – sowohl im Personenverkehr (um rund 16,5 Prozent im Jahr 2020), als auch im LKW-Verkehr (um rund 74 Prozent). Über 20 Prozent der globalen CO2-Emissionen werden durch den Transportsektor verursacht. Ist die Elektromobilität das Licht am Ende des Tunnels oder sollten wir alle komplett auf das Auto verzichten? Wir haben bei Expert*innen und GoodCompanies, die sich mit der Mobilitätswende auseinandersetzen, nachgefragt.

Kann Elektromobilität die Klimakrise abwenden?

Wahrscheinlich kennst du die Antwort schon – wir sollten uns nicht zu sehr auf die E-Mobilität verlassen. Wenn es darum geht, Mobilität nachhaltig und klimaneutral zu gestalten fällt den meisten trotzdem neben der Reduktion von klimaschädlicher Mobilität der Wechsel auf strombetriebene Fahrzeuge ein. Doch das würde erstens eine enorme Neuproduktion von Fahrzeugen, die sich in ihrer Klimabilanz erst nach vielen Jahren rechnen bedeuten und zweitens noch von einem ganz anderen Prozess abhängen: der Energiewende. Dem Umweltinstitut München zufolge ist es aktuell nicht möglich, den gesamten PKW-Verkehr zu elektrifizieren, da wir dafür ungefähr die gleiche Strommenge benötigen würden, die wir aktuell schon erzeugen. Damit die besagten E-Autos dann auch tatsächlich umweltfreundlich sind, sollten sie von Strom aus erneuerbaren Energiequellen angetrieben werden. Doch bislang haben wir erst einen Anteil von 40 Prozent erreicht – und der Ausbau der Erneuerbaren Energien stockt.

Bedeutet das, wir sollten lieber ganz auf das Auto verzichten?

“Gegen das Auto als Fortbewegungsmittel gibt es erst einmal nicht so viel auszusetzen. Wir glauben, dass die Nutzung anders gedacht werden muss. Es wird immer Fahrtanlässe geben, bei denen Rad oder ÖPNV an ihre Grenzen kommen. Etwa, wenn der Kühlschrank nicht aufs Lastenrad passt, die Bahnanbindung zu den Eltern aufs Land sehr schlecht ist oder oder oder. Sich aber extra für diese Fälle einen privaten Pkw zuzulegen – das finden wir unnötig und wenig ressourcenschonend.” – so Carsharing Anbieter cambio.

Laut einer Befragung von 2019 würden 58 Prozent der Deutschen unter bestimmten Umständen (zum Beispiel kostenlosem ÖPNV) auf ein eigenes Auto verzichten, 36 Prozent gaben an, unter keinen Umständen verzichten zu können. Wer nutzt das Auto, weil es bequem ist, wer, weil es unumgänglich oder einfach sicherer ist? Diesen Fragen widmet sich Mobilitätsexpertin Katja Diehl in ihrem Buch “#Autokorrektur”. So oft hören wir, dass es auf dem Land oder mit mehreren Kindern einfach nicht möglich ist, auf das Auto zu verzichten, an konkreten Vorschlägen zur Umsetzung einer Mobilitätswende scheitert es jedoch. Diehl hat dort angesetzt, und mit unzähligen Menschen darüber gesprochen, wie sie ihre Mobilität gestalten und warum.

Warum Menschen teilweise ungewollt auf das Auto zurückgreifen

So sprachen Menschen auf dem Land zum Beispiel darüber, dass sie gern mit dem Zug zur Arbeit fahren würden, sie mit dem frühesten aber nicht pünktlich erscheinen oder mehr als doppelt so lang wie mit dem PKW benötigen würden. Genauso spricht Katja Diehl mit Trans Personen und People of Color, die sich in den öffentlichen Verkehrsmitteln nicht vor Übergriffen – egal ob physisch oder mit Worten – sicher fühlen können und sich aus dem Grund in ihren persönlichen Safe Space der Mobilität, ins eigene Auto, zurückziehen. Diehls Lösung dafür: eine Person pro Waggon, die explizit auf die Bedürfnisse und die Sicherheit  der Passagier*innen achtet. Eine Unterstützung, die auch Menschen mit Behinderungen stark begrüßen würden. Was klar im Buch heraussticht: Vielen Menschen fehlt schlichtweg die nötige Infrastruktur, um autofrei leben zu können.

Eine Vision der Mobilität von Morgen

Wenn man sich die Nutzungszahlen des Autos anschaut, wird allerdings klar, dass es nicht unbedingt um Verzicht, sondern um eine andere Nutzung geht. Ein durchschnittlicher deutscher PKW wird nur 3 Prozent des Tages bewegt – also ungefähr 45 Minuten – und wird mit 1,2 Personen besetzt. Das zeigt, dass wir Mobilität gemeinsamer denken müssen.

Sowohl Katja Diehl, als auch die von uns kontaktierten GoodCompanies teilen eine gemeinsame Vision: eine Mobilität, die die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt stellt, nicht mehr die Bedürfnisse an die Gegebenheiten anpasst. In Diehls Vorstellung der Zukunft “können die Menschen Auto fahren, so sie es denn wollen. Sie müssen es aber nicht mehr – denn es gibt attraktive Alternativen.” Für cambio Carsharing ist der Verkehrssektor ökologisch und sozial nachhaltig, “wenn Städte für Menschen gebaut werden und nicht für Autos, wenn die unterschiedlichen Mobilitätsangebote so gut vernetzt sind und ineinander greifen, dass ein Wechsel je nach Anlass ohne Weiteres möglich ist, wenn die Möglichkeit besteht, für jeden Anlass das passende Verkehrsmittel zu wählen. Und wenn diese unterschiedlichen Mobilitätsbausteine bezahlbar sind.”

Was steht dem entgegen? Der Verkehrsclub Deutschland e.V. sagt: “der veraltete Rechtsrahmen. Was fehlt sind übergeordnete Ziele und Strategien, wie Mobilität und Verkehr unter Nachhaltigkeitsaspekten und über alle Verkehrsmittel hinweg entwickelt werden können. Um dies zu ändern, braucht es einen Paradigmenwechsel in der Verkehrspolitik – einen neuen modernen Rechtsrahmen, der Verkehr neu denkt und integriert betrachtet. Der VCD hat hierfür den Vorschlag für ein Bundesmobilitätsgesetz entwickelt.” 

Ein Zitat, das uns aus Katja Diehls Buch in Erinnerung geblieben ist: “Wer Autostraßen baut, erntet mehr Autos – wer gute Gehwege baut, mehr Fußgänger*innen.”

Fazit: Wir sollten dann, wenn es uns nach persönlichem Ermessen möglich ist, auf nachhaltige Fortbewegungsmittel wie die Bahn oder das Fahrrad umsteigen, gleichzeitig uns aber auch laut werden für den Ausbau der Infrastrukturen für nachhaltige Alternativen und eben auch für die Energiewende. Du brennst für das Thema nachhaltige Mobilität und möchtest dich dafür auch beruflich einsetzen? Dann klick dich hier durch unsere Jobs im Themenfeld Mobilität und Verkehr!

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