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Bedingungsloses Grundeinkommen – “Wenn Arbeit etwas ist, das ich geben will”

Ermöglicht uns ein bedingungsloses Grundeinkommen sinnvolles Tun? Wir haben mit Börries Hornemann, Herausgeber des Buches “Sozialrevolution!” gesprochen.

Julia Dillan

21.01.2022

Hände mit Geldscheinen

Christian Dubovan via Unsplash

Ermöglicht uns ein bedingungsloses Grundeinkommen sinnvolles Tun? Wir haben mit Börries Hornemann, Herausgeber des Buches “Sozialrevolution!” über Fragen rund um das Thema Geld, sinnvolles Tun und Gesellschaftswandel gesprochen. Der Mitgründer des Forschungsnetzwerks Neopolis hat 2017 an der Schweizer Volksabstimmung zum BGE mitgewirkt und arbeitet für eine andere Einstellung zu Geld und Arbeit.

Sänger, Start-up Gründer für z. B. verpackungsfreie Food-Lösungen, Journalist, Autor, Forscher, Philosoph, Herausgeber – Du hast in deinem Leben viel gearbeitet. Wie fühlte sich das für dich an, hast du durch den gesellschaftlichen Druck manchmal das Gefühl, dir ein Label geben zu müssen? 

Ganz freimachen vom gesellschaftlichen Druck kann ich mich leider nicht. Wenn ich mir selbst eine Bezeichnung geben müsste, wäre das wohl “Unternehmer”. Das bedeutet, dass ich frei nach dem Trial and Error Prinzip Ideen teste. Schon im Studium habe ich angefangen, zu gründen – das liegt mir und macht mir Spaß.

Wenn man sich den erweiterten Kunstbegriff von Joseph Beuys anschaut, bin ich auch Künstler. Für ihn besteht nämlich die Aufgabe eines jeden einzelnen Menschen darin, Potenziale zu nutzen und den eigenen Lebensraum aktiv zu gestalten, also kreative Antworten auf die Probleme der Gesellschaft zu finden, in der wir leben. Das ist eigentlich die gleiche Definition wie für Unternehmer*innen. Dabei versuche ich, stets Sinn und Freude nicht aus den Augen zu verlieren. 

Aber es gibt Tage, da habe ich das Gefühl, “ich bin nichts, ich kann nichts, habe noch nichts geschafft und weiß nicht, wo ich hin will.” Und es gibt Tage, an denen merke ich: “Wow, ich bin Herr im eigenen Haus, niemand ist so frei wie ich”. Das geht wahrscheinlich den meisten so und das ist okay.

Was hilft dir dabei, dich von dem gesellschaftlichen Druck freizumachen?

Was immer hilft sind Gespräche mit Menschen. Sie sind der Spiegel für das eigene Tun. Die großartigsten Ideen entstehen im Austausch mit anderen – wenn ich anderen erzähle, was ich gerade so mache, merke ich erst ob es taugt oder nicht.

An welchen Ideen arbeitest du denn im Moment?

Ich arbeite zur Zeit mit Kolleg*innen daran, ein Drehbuch zu einer Spielfilmserie zu schreiben. Das hat sich so ergeben und wir sind alle begeistert von diesem Projekt und den Ideen.  

Was bedeutet ein Job mit Sinn für dich? Welche Rolle spielt Geld dabei?

Wenn ich es schaffe, mir selbst eine Aufgabe zu geben – egal, ob fest angestellt oder selbstständig – dann kann ich Arbeitgeber und -nehmer in einem sein. Wir Menschen sind ja erst einmal sinnlos, wenn wir uns nicht selber unseren Sinn geben.

Und Geld ist ein großartiges Ermöglichungsinstrument. Ich war ein Jahr lang bei meiner Lieblingsfirma festangestellt. Bei der Gehaltsauszahlung haben sie eine kleine Änderung vorgenommen: Das Geld wurde immer zu Monatsanfang ausgezahlt unter dem Motto: „Keiner „verdient“ hier etwas, sondern alle bekommen das, was sie zum Leben brauchen”. Ich werde bezahlt, damit ich freigestellt bin zum Arbeiten. Der Gedanke hat mir gefallen. Eigentlich ist Geld ein Mittel zum Zweck, gesellschaftlich wird es aber häufig als Selbstzweck behandelt. Mit dem veralteten Dogma “Geld für Arbeit” sollten wir brechen.

Kommt da das Grundeinkommen ins Spiel?

Ein bedingungsloses Grundeinkommen wandelt dieses Dogma in “Geld für Leben” um. Dann ist Arbeit etwas, das ich geben will. Es gibt ja auch schon verschiedene Formen von Grundeinkommen: Bafög, Stipendien, eine sehr günstige bis kostenfreie Wohnsituation. In meinem Studium habe ich auch Bafög erhalten und konnte so für mich testen, wie es ist, ein Grundeinkommen zu erhalten. Nur bedingungslos war es nicht.

Aus einem bedingungslosen Grundeinkommen kann meiner Meinung nach viel besser die Fähigkeit erwachsen, dass jeder Mensch das tut, was er will – und was ich wirklich will, mach ich auch sehr gut! Bei allen anderen Dingen, die andere von uns wollen, fangen wir an zu tricksen – und führen uns letztlich selbst hinters Licht. Ein BGE kann helfen, dass wir aus dem Selbstbetrug aussteigen und anfangen, das zu tun, was uns wichtig ist. 

Es gibt viele Ideen und Konzepte, wie ein Grundeinkommen umgesetzt werden könnte – welche hältst du für die realistischste und warum?

Mir leuchtet nach wie vor die Idee von Götz Werner, dem Gründer von DM, ein, der ein BGE immer mit einem neuen Steuersystem verbunden hat. Er setzt radikal auf eine Konsumsteuer – also dass die Steuern erst dann erhoben werden, wenn ein Produkt gekauft wird oder eine Dienstleistung stattfindet – und dabei auch tatsächlich als Steuern im Preis erscheinen. Heute haben wir circa 50 Prozent Steuern in jedem Produkt, sehen aber nur die MwSt. ausgewiesen. Ein weiterer Selbstbetrug. Als Idee steht dann: Steuerklarheit und danach eine Anhebung, so dass aus dem Bruttosozialprodukt ein BGE für alle finanziert wird. 

Da wir heute schon genug Geld in Deutschland umsetzen wird deutlich, dass es eine reine Verteilungsfrage ist. Und die läuft aktuell alles andere als optimal – die Arm-Reich-Schere wird größer. 2021 sanken in Deutschland die Löhne um 1,4 Prozent, große Vermögen haben dagegen durchschnittlich 19 Prozent zugelegt, weltweit die Reichsten ihr Vermögen durchschnittlich verdoppelt. Das ist absurd! Psychologisch tut diese Entwicklung niemandem gut, nicht mal den Superreichen. Höchstverdiener*innen sollten also auch höher besteuert werden.

Viele Menschen sagen, dass ein solches Grundeinkommen keine Lösung für all unsere gesellschaftlichen Probleme wäre. Dem stimme ich zu. Allerdings haben wir ohne BGE eben auch keine Lösung. Ein BGE kann uns auf den Weg bringen, dass wir unsere Gesellschaft dahin transformieren, wo wir sie haben wollen und Probleme sichtbarer zu machen.

Bei der Schweizer Volksabstimmung zum Bedingungslosen Grundeinkommen 2016 hast du die medienwirksame Kampagne mitgestaltet. Was hat dich dazu bewogen? Was hast du daraus gelernt, auch aus der ‘Niederlage’? (Schweizweit haben nur knapp 23,1 Prozent für ein BGE gestimmt) 

Ich hatte die erwähnte Festanstellung ohne erfüllende Tätigkeiten. Dann las ich von meinen Freunden Philip Kovce und Daniel Häni das Buch: “Was fehlt, wenn alles da ist?” Das gab mir die Kraft zu kündigen (was ich mich aus den ganz normalen Angstgründen als junger Familienvater nicht getraut hatte). Am nächsten Tag rief mich ein Freund an, der bei der Schweizer Volksabstimmung mitarbeitete und fragte, wie es bei mir in der Arbeit laufe, sie bräuchten mich dringen in der Schweiz für diese Initiative.

Anmerkung von GoodJobs: MIt Philip Kovce haben wir übrigens 2019 auch schon mal ein Interview über das Bedingungslose Grundeinkommen geführt - lest mal rein!

Ich sehe keine Niederlage der Kampagne. Daniel Häni sagt: Demokratie ist kein Gewinnspiel – sondern vornehmlich ein Prozess der kollektiven Bewusstseinsbildung. Das ist langwierig, da braucht es mehr als ein Hau-Ruck. Und quasi ein Viertel der Schweizer*innen sind zu dem Zeitpunkt schon pro-Grundeinkommen gewesen. Das ist beachtlich – und zwar nicht in einer Umfrage, sondern real. Wenn wir jedoch für die Kampagne ein wenig mehr Mittel gehabt hätten, was hätten wir nicht noch alles reißen können! Ein Gedanke, den Menschen Schwierigkeiten haben zu akzeptieren, ist die Bedingungslosigkeit.

2017 hast du gemeinsam mit Armin Steuernagel das Buch “Sozialrevolution!” herausgegeben. Eines meiner wichtigsten Takeaways: So wie sich die Arbeitswelt aktuell wandelt, insbesondere durch die Digitalisierung, ist es quasi unausweichlich, auf eine Form von Grundeinkommen umzusteigen. An welchem Punkt sind wir jetzt, nach knapp zwei Jahren Corona-Pandemie und einem enormen Digitalisierungsschub?

Ich sehe uns aktuell so weit entfernt vom BGE, wie ich es nicht für möglich gehalten habe! Meiner Wahrnehmung nach hat das Misstrauen unter den Menschen so stark zugenommen. Genauso ist die Gesellschaft in einen Glauben an “der Staat soll es regeln” hineingerutscht, dabei ist eine Grundeinkommensgesellschaft stark geprägt von Bürger*innenbeteiligung, Solidarität und Vertrauen. Auf der anderen Seite zeigen die großen Geldflüsse in der pandemischen Lage, dass das Grundeinkommen keine Geldfrage, sondern eine Emanzipationsfrage ist: Nehmen wir die anderen Menschen so für voll, dass wir ihnen Ihr eigenes Leben zusprechen – bis ins Finanzielle hinein? 

Was fehlt uns, damit ein so ‘revolutionäres’ Konzept wie das Grundeinkommen umgesetzt werden kann? Wie kommen wir aus dem Reden heraus, und was sind die Effekte von Experimenten wie der Verein Mein Grundeinkommen e. V. sie durchführt?

In der Schweiz heißt es ja nicht umsonst Volksabstimmung. Der Prozess ist relevant, nicht unbedingt das Ergebnis. Das Wichtigste ist meiner Meinung nach, darüber zu sprechen und an der Idee dranzubleiben. Expert*innen für das Thema gibt es nicht, niemand kann wissen, wie die Gesellschaft mit einem BGE tatsächlich aussehen würde. Studien haben gezeigt, wie viele Menschen es für eine gesellschaftliche Veränderung eigentlich braucht: Man ist von circa 50 Prozent ausgegangen, für eine Bewegung muss die Prozentzahl allerdings nur im einstelligen Bereich liegen – siehe Fridays for Future. Es braucht also nicht alle, um die Idee am Leben zu erhalten und weiterzuentwickeln, aber es ist natürlich schön, alle einzuladen.

Aus dem Grund sind auch Projekte wie ‘Mein Grundeinkommen’ so wichtig – sie bieten keinen Blick in die Glaskugel, sondern werden eigentlich als Kampagnentool für die Sache genutzt. Ich finde es genial, dass Menschen hier aktiv mit (oder ohne) freiwilligem Monatsbeitrag das Testen des Grundeinkommens ermöglichen. Das kurbelt den besagten Bewusstseinsprozess enorm an. Es gibt keine stärkere Realität als das Erleben. 

Danke für das Gespräch Börries!

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