Eigentlich braucht es mittlerweile nur noch drei Dinge, um in vielen Berufen arbeiten zu können: Strom, Internet und Kaffee. Warum also nicht einfach mal an Orten arbeiten, an denen man sonst Urlaub machen würde? Ob das tatsächlich funktioniert und inwieweit es deine Konzentration fördert, hat unsere Autorin im Selbstversuch herausgefunden.

Wenn der Blick vom flimmernden Laptop-Bildschirm abschweift und man mal eben kurz in die malerische Landschaft mitten auf einem Weinberg in Werder an der Havel schaut, dann ist das kein Tagtraum, sondern „Workation“-Alltag. Das Worthybrid aus „work“ und „vacation“ beschreibt das kreative Arbeiten an wunderschönen Urlaubsorten ganz in der Nähe. Das Coworken an der frischen Luft soll die Konzentration steigern, der Blick in die Natur neue Ideen hervorbringen und der Austausch mit anderen neue Perspektiven schaffen. Soweit so verheißungsvoll.

Zwei Frauen beim Workation an der Havel© launchlabs

Design Thinking wird immer beliebter

Ausgedacht hat sich dieses Konzept das Beratungsunternehmen launchlabs zwar nicht, doch es verbindet die Idee geschickt mit der des Design Thinking. Bei launchlabs werden normalerweise etablierte mittelständische bis große Unternehmen mit Methoden und Arbeitsweisen von Start-ups zusammengebracht, um Kreativität und Innovationen zu fördern. Einer der Gründer und Geschäftsführer ist Simon Blake. Er ist Experte in Sachen Design Thinking und neue Arbeitsformaten: 2007 hat er die School of Design Thinking am Hasso-Plattner-Institut (HPI) mit aufgebaut und war im Anschluss Manager des dortigen Design Thinking Executive Education Programms.

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Design Thinking existiert bereits seit den 90er Jahren. Seine Ursprünge hat es im Industriedesign und bis dato hat das Konzept viele Fans und Nachahmer gefunden – es scheint nicht ohne Grund eine beliebte Arbeitsweise zu sein, mit der interdisziplinäre Teams durch Erproben und Sammeln neuer Perspektiven Prototypen mit Innovations- und Problemlösungscharakter entwickeln.

„Workation“ im Selbstversuch

An diesem sommerlichen Donnerstagmorgen trifft sich das Team von launchlabs jedoch nicht in ihrem Kreuzberger Büro, sondern versammelt sich mit Kollegen, Freunden und Netzwerkpartnern am Bahnhof der Blütenstadt Werder. Mit dem Zug ist man von Berlin aus kaum länger als 40 Minuten unterwegs – die durchschnittliche Fahrzeit zum Arbeitsplatz innerhalb der Hauptstadt. Mit zwei Großraumtaxis geht es hinauf auf den Wachtelberg. Dort angekommen empfängt uns ein atemberaubender Blick über die Weinreben, bis hinunter zur Havel. Wie Farbtupfer säumen sich rote Dächer am Fuße des Berges aneinander, ein leichter Windzug weht uns um die Nase – Urlaubsfeeling pur.

Doch schon bald schmuggelt sich wieder ein Gedanke in die idyllische Stimmung: Eigentlich bin ich ja zum Arbeiten hier.
Die Rahmenbedingungen stimmen, der Kaffee steht bereit, das WLAN-Passwort wird verkündet und Obst vom verwandten Bauern ist auch ausreichend da.

Eine Gastwirtschaft umgeben von Weinreben ist heute unser Arbeitsplatz. Während die Winzerin in der Küche Snacks und Getränke vorbereitet, nehmen wir „Fast-Urlauber“ auf den Bierbänken der Terrasse Platz und legen los. Das WLAN ist zwar langsam, doch die Arbeit geht trotzdem leicht von der Tastatur, vielleicht auch, weil es der Plan war, hier kreativ zu arbeiten, anstatt sich von einer schnellen Internetverbindung abhängig zu machen.

Eine Frau im Weinberg© launchlabs

Postkarte für Oma

Zwischen dem obligatorischen Beantworten meiner E-Mails, schmiede ich neue Ideen und schreibe eine Postkarte an meine Oma. Denn auch daran haben unsere Gastgeber gedacht: Ein Fotodrucker, Briefmarken und ein „Briefkasten“ stehen bereit, damit – wie sich das gehört – ein analoger Gruß an die „Daheimgebliebenen“ verschickt werden kann. Es fällt mir nicht gerade leicht, meiner 93-jährigen Großmutter meinen „Workation“-Ausflug zu erklären, aber ich gebe mein Bestes.

Am frühen Mittag wird es immer windiger und erste Tropfen fallen vom Himmel. Diese natürliche Pause wird für das Mittagessen in der Gaststube genutzt und natürlich für den Austausch unserer ersten Erfahrungen. Die Künstlerin neben mir schwärmt, wie gut sie hier in Gesellschaft arbeiten kann. Die Personalerin gegenüber erzählt von ihrem Projekt, ein Kinderbuch zu veröffentlichen und nebenbei erfahre ich auch noch, wie Kristine, Design-Thinking-Trainerin, über ihre Neugier an Bildungsthemen zu launchlabs gekommen ist.

Nach dem Essen bietet Kristine einen kleinen Visualisierungs-Workshop an. Meine Tischnachbarn und ich fangen an, hochkonzentriert Symbole und Zeichen auf Papier zu bringen. Diese Fertigkeit, erklärt mir Kristine, sollte man für Projekte und Meetings im Design-Thinking-Stil immer wieder trainieren, um auch spontan Gedanken und Ideen visualisieren und somit besser vermitteln zu können.

Der Tag endet bei Kaffee, Kuchen und weiteren Gesprächen. Laut Simon war die „Workation“ dieses Mal ein bisschen mehr wie eine Netzwerk-Veranstaltung, es gab aber wohl auch schon Tage, an denen nur still gearbeitet wurde.

Workation ermöglicht einen Perspektivwechsel

Ob sich die Workation für mich nun eher nach Urlaub oder doch nach Arbeit angefühlt hat, kann ich nach nur einem Versuch gar nicht sagen. Der Tag war für mich aber auf jeden Fall erfolgreich. Vielleicht nicht auf eine „To-Do-Listen-Abhaken“ Art und Weise, sondern eher auf der Ebene des Perspektivwechsels – also ganz im Sinne des Design Thinkings.

Der Austausch mit Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen, das Verlassen der eigenen Komfortzone und der Blick in die Natur, waren im Zusammenspiel definitiv inspirierend. Es sind genau diese Erfahrungen, die einen ganz subtil und doch tiefgründig prägen – so wie beim Reisen eben auch.

 

Vielen Dank an launchlabs, den BVMW und Weinbau Dr. Lindicke für die Einladung und den inspirierenden Tag in Werder!

 

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