Schon ohne Corona stehen viele Eltern unter Druck, ihr Berufsleben mit Familie zu vereinbaren. Es ist nicht immer leicht, den verschiedenen Ansprüchen gerecht zu werden: als Eltern, Berufstätige, Ehepartner*innen. So passiert es leicht, dass in diesem eng getakteten Alltag die persönliche Ebene, die Selbstfürsorge, und die Paarebene, die Zweisamkeit, unter die Räder kommen. Und jetzt auch noch Corona! In diesem Artikel teilen wir unsere Erfahrung über die Vereinbarkeit von Homeoffice und Familie.

„Ja, Homeoffice mit Kindern. Ich darf mitmachen!“ Zitat der 5-jährigen Tochter des Autors

Die meisten Eltern kennen das: Wenn die Kinder krank werden, kommt ihr mühsam aufgebautes, fragiles System durcheinander. Es muss von einer Minute auf die nächste spontan umgeplant werden. Oft ist der Alltag ein kontinuierliches Jonglieren und Aneinanderreihen von unterschiedlichsten Anforderungen. Früh morgens – wenn alle noch schlafen – oder spät abends – wenn wieder alle schlafen – kann schnell gearbeitet werden. In Zeiten von Corona wird dieses fragile System noch einmal mehr auf die Probe gestellt. Auch, weil manche Optionen nicht zur Verfügung stehen (zum Beispiel die Hilfe durch die Großeltern) und weil eine viel längere Zeit als sonst zu überbrücken ist. Hinzu kommen existentielle Ängste um den Job, Überforderung durch digitale Arbeitsorganisation und das nicht absehbare Ende. 

Im Home Office mit Kindern gibt es zwei Möglichkeiten:

1. Quality-Arbeitszeit 
Diese „Quality-Arbeitszeiten“ ist im Home Office die Zeit, in der der Partner oder die Partnerin die Kinder betreut. Diese sollte man nutzen, um anspruchsvolle Tätigkeiten durchzuführen. Hier gibt es die Möglichkeiten, im Wechsel, ganze Tage zu nutzen oder einzelne Blöcke von 4 bis 5 Stunden am Tag. Wichtig ist, sich komplett auf die Arbeit zu fokussieren und nicht nebenbei Kinder oder Haushalt zu versorgen. In der Parallelität der Aufgabenbewältigung ist der Kern des Burn-Outs angelegt. Am einfachsten rechnet sich die Familie durch, wer wieviel dieser Arbeitszeit bekommt. Meine Frau und ich kommen (ohne Wochenenden) auf jeweils 5 Blöcke á 4 bis 5 Stunden. Eine Möglichkeit Überforderung zu vermeiden, ist die tageweise Aufteilung von Sorge- und Lohnarbeit. Anstatt an einem Tag Lohn- und Sorgearbeit zu kombinieren werden einfach 2 Blöcke, also ca. 9 Stunden, zusammengelegt. Die andere Person hat die Kinder. Dadurch kann man sich viel besser auf die Kinder beziehungsweise die Arbeit einlassen und ist nicht so gestresst durch die ständigen Wechsel. Idealerweise baut man sich immer wieder kleine Pausen ein.

2. Du bist allein mit den Kindern
Lässt es sich nicht vermeiden, muss die Zeit, die eigentlich für Kinderbetreuung vorgesehen war, als Arbeitszeit genutzt werden. Während dem Home Schooling ist das nicht immer leicht. Idealerweise hebt man sich für diese Zeit nicht zu anspruchsvolle Aufgaben auf, z. B. Buchführung oder Mails bearbeiten. Es ist auch hilfreich, wenn es Aufgaben sind, die immer wieder unterbrochen werden können durch „Papa, ich habe Durst“ oder „Mama, ich muss auf’s Klo“. Wichtig ist aber, den Anspruch nicht zu hoch zu hängen: Definiere erreichbare Arbeitszeiten und -ziele. Das knappste Gute ist Zeit für sich zur Erholung – jede Pause zählt. Außerdem hat es sich bewährt, die Kinder einzubinden. Klare, absehbare Aufgaben bieten sich an, so wie wöchentliche Dienste, Tisch decken oder abräumen. Sehr bewährt hat sich auch eine gemeinsame „Aufräum-Halbe-Stunde“ nach dem Abendessen. Alle helfen mit, die Wohnung bleibt halbwegs ordentlich. Allein mit Kindern heißt auch, dass es Kinder-Fokus-Zeit geben muss. Erwachsene im „Ich-muss-arbeiten-Modus“ vergessen manchmal, dass die Kinder auch Bedürfnisse haben und Aufmerksamkeit und Verständnis brauchen. In der Kinderzeit sollten Computer und Handy aus sein. Der Fokus liegt allein auf den Kindern.

Das sensible System stärken – So funktioniert‘s

Drei wichtige Punkte sind hilfreich bei der Vereinbarkeit von Home Office und Familie:

Priorisierung bedeutet unterschiedliche Arbeitszeiten mit unterschiedlichen Konzentrationslevel zu definieren und die erledigten Aufgaben dementsprechend zu sortieren.

Selbstfürsorge scheint in der Corona-Elternzeit aussichtslos. Doch selbst wenn es nur für fünf Minuten Durchatmen beim Abspülen des Geschirrs sind, in der du wieder Kraft und Energie für die nächste Baustelle tankst, ist das in so einer Ausnahmesituation wichtig. Denn je gestresster du bist, desto gestresster werden die Kinder. Umso wichtiger ist es, die Selbstfürsorge ernst zu nehmen und stabil zu bleiben. Die 10 Säulen der Selbstfürsorge helfen dir dabei.

Ein transparenter Dialog bedeutet dem Arbeitgeber und den Kolleg*innen zu kommunizieren, dass nicht das gleiche Pensum an Arbeit geschafft werden kann und flexible Arbeitszeiten sinnvoll sind. Absprachen zu treffen, wie gearbeitet werden kann, auch wenn es nur zwei Stunden am Tag sind, schafft ein Gefühl von gegenseitigen Vertrauen und verhindert Überbelastung.

Mittlerweile hat sich ergeben, dass vor September eigentlich nicht damit zu rechnen ist, dass die Schulen wieder regulär funktionieren. Umso wichtiger ist es, ein stabiles System zu entwickeln. Probieren Sie verschieden Varianten aus. Finde eine tragfähige Struktur: Für dich, die Kinder, deine Partner*innen, die Chef*innen. Und ganz wichtig: den Humor nicht vergessen!

 

Dieser Gastartikel wurde von Dr. Christoph Gran und Hannah Strobel von ZOE erstellt. ZOE ist ein Think & Do Tank. Gemeinsam mit Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft entwickeln wir richtungsweisende Impulse für die fundamentalen Fragen einer zukunftsfähigen Ökonomie.