Die steigende Dynamik durch den technologischen Wandel führt nicht nur zur Veränderung unserer Lebens-, sondern auch unserer Arbeitswelt. Wie die Arbeit in einer technologisierten Welt der Zukunft aussehen kann, beschreibt Dr. Heiko von der Gracht, Professor für Zukunftsforschung.  

Herr von der Gracht, Sie sind Zukunftsforscher und versuchen dabei genaueste Prognosen zu nennen. Beginnen wir gleich mit unserer brennensten Frage: Wie schlägt sich der technologische Wandel auf die heutige Arbeitswelt nieder?

Innovationen in den Bereichen Künstliche Intelligenz, 3D-Druck, Echtzeit-Sprachübersetzung und der 5G-Mobilfunk-Standard werden zwangsweise zu veränderten Arten der Kommunikation und Kollaboration führen. Wir werden uns also in den kommenden Jahren kontinuierlich im Umgang mit neuen Technologien weiterbilden müssen, um nicht den Anschluss zu verlieren. Erst ab dem Zeitpunkt, an dem wir unseren persönlichen KI-Advisor (Stichwort: Cognitive Computing, z.B. IBM Watson) immer in der Hosentasche haben, wird vieles wieder leichter. 

Unternehmen werden also neue Technologien entwickeln und nutzen, die bisher eher aus der Science Fiction-Welt bekannt waren?

Genau. Technologien, die uns nur aus der Science-Fiction-Welt bekannt sind, werden ihren Weg in den Markt finden. Das ist übrigens eine eigene Zukunftsforschungsmethodik: Science Fiction Prototyping. Hierbei werden systematisch SciFi-Quellen für die eigene Technologieentwicklung analysiert. Für viele der Visionen liegen die Prototypen bereits in den Laboren vor. Es ist also weniger eine Frage, ob die Technologien ihren Einstieg in unser Leben finden, sondern vielmehr wann sie dies tun.

Wir kennen alle inzwischen die Virtual Reality Technologie von Oculus oder Sony. Vor nur wenigen Jahren war das Ganze für viele noch unvorstellbar. Bald schon könnten so phantastische Technologien wie interaktive Hologramme (z.B. von Leia Display System) oder aber Lernerfolgsmessung via Hirnströme (s. Sandia Labs) zum Alltag gehören. Auch das multisensorische Internet ist nicht mehr fern, bei dem Sinneseindrücke wie Geruch und Geschmack digitalisiert und wiedererlebbar gemacht werden. Aktuell häufig auf After-Work Events diskutiert: der Vocktail, ein Virtuelles Cocktail Glas, das Farbe, Geschmack und Geruch einstellen kann.

Wie kann unser Arbeitsalltag in Hinblick auf die genannten Entwicklungen in der Zukunft aussehen?

Zukunftsforscher versuchen ja nicht, die Zukunft vorherzusagen, sondern arbeiten mit der Szenariotechnik, um den möglichen Zukunftsraum zu simulieren. Wenn wir einen Blick in die Arbeitswelt 2040 wagen, sehe ich vor allem vier Szenariowelten: 
Szenario 1 „Auf zu neuen Ufern“ beschreibt eine Welt, in der Algorithmen einen Großteil der Büroarbeit übernehmen und wir Menschen uns auf schöpferische Tätigkeiten und die persönliche Entfaltung konzentrieren. KI’s werden gleichberechtigte Mitglieder in Gremien sein, so wie es bei der Investment-Firma Deep Knowledge Ventures bereits seit dem Jahr 2014 der Fall ist.
Ein zweites Szenario „König der Daten“ skizziert eine Welt der Quantified Enterprises, in der wir das Datensammeln und -Interpretieren perfektionieren. Bis 2030 werden wir vielleicht schon 500 Milliarden IP-fähige Geräte auf der Welt haben, die uns den Datenschatz für automatisierte Prozesse und Entscheidungsvorbereitungen liefern.
In Szenario 3 „Welt der Projektwirtschaft“ haben wir keine klassischen Funktionsbereiche mehr – Organisationen werden „fluide“. Über Freelance Management Systeme staffen Projektleiter in virtuellen Collaboration Rooms die richtigen Fachkräfte. Festanstellungen verlieren an Bedeutung.
In einem Szenario 4 „Kreativbüro“ arbeiten wir in einer fortgeschrittenen Kreativwirtschaft. Der Chief Caring Officer sorgt für die harmonische Integration der Arbeits- und Lebenswelt – schon heute investieren Konzerne in eigene Fitness-Center, Restaurants und Reisebüros für Mitarbeiter. In diesem Szenario spielt sich zukünftig ein Großteil der Lebenswelt auf dem Firmen-Campus ab.

Welches Szenario wird Ihrer Einschätzung nach am ehesten eintreten?

Alle vier Szenarien sind plausibel. Viele der beschriebenen Phänomene werden vielleicht sogar gleichzeitig an verschiedenen Orten der Welt stattfinden.
Aktuell gibt es Entwicklung in Richtung des Projektwirtschaft-Szenarios vor allem in den USA, wo über 30 Prozent der Arbeitnehmer heute bereits als Freelancer arbeiten. Das Kreativbüro könnte ein wahrscheinliches Szenario für das innovative Skandinavien sein, während sich die KI-Welt vielleicht als erstes in China manifestiert. 
Viel wichtiger für unsere heutigen Entscheidungen ist: Je fundierter wir mittels der Zukunftsforschung solche Szenarien beschreiben und simulieren, desto weitreichender können wir die eigene Zukunft auch aktiv gestalten.

 

Prof. Dr. Heiko von der GrachtProf. Dr. habil. Heiko von der Gracht ist Inhaber des Lehrstuhls für Zukunftsforschung an der School of International Business and Entrepreneurship (SIBE) der Steinbeis-Hochschule. In den letzten 15 Jahren führte er disziplinübergreifend über 100 wissenschaftliche Zukunftsstudien mit mehr als 5.000 Experten weltweit durch.

Zum Weiterlesen
•  von der Gracht, H.A. (2013) Survive: So bleiben Manager auch in Zukunft erfolgreich (Redline)
•  von der Gracht, H.A.; Salcher, M.; Graf Kerssenbrock, N. (2015) Herausforderung Energie: Der Energieführerschein für die Entscheider von Morgen. Redline München.