Statt gemeinsam im Büro, sitzen wir isoliert im Home Office. Bisher gültige Regeln der Kommunikation in Teams werden auf den Kopf gestellt und wir stehen vor neuen Herausforderungen. Hier erfahrt ihr, wie ihr in diesen Zeiten Konflikte vermeidet oder konstruktiv nutzt – für ein gelungenes Miteinander in Isolation!

Durch Selbstreflexion zur gemeinsamen Basis 

Wie wollen wir von zu Hause aus miteinander arbeiten? Wie wollen wir kommunizieren? Neben praktischen Fragen, wie den Entscheidungen darüber, wie oft, wie lange, mit welchen Tools, in welcher Konstellation und zu welchen Themen der Austausch im Team stattfindet, gibt es grundlegende Konzepte der Kommunikation, die ein wertschätzendes und zugleich produktives Zusammenarbeiten – auch aus der Ferne im Home Office – ermöglichen. Wie immer fängt das Wir beim Ich an. Indem ich mir darüber klar werde, welche Wünsche ich für die Ausgestaltung des Miteinanders habe und diese Wünsche meinen Kolleg*innen mitteile, gehe ich den ersten wichtigen Schritt. Ein kurzes Brainstorming im Vorfeld kann Klarheit darüber schaffen, wie ich gerne arbeite, was ich will und was mir wichtig ist. Küre dazu deine TOP3 der gelungenen Zusammenarbeit und sage deinen Kolleg*innen, worauf du wert legst. Zum Beispiel auf Transparenz, Wertschätzung und Verbindlichkeit. Achte darauf, dass es deine für den Arbeitskontext vorrangigen Werte sind. So könnt ihr – erst jede*r für sich und anschließend alle gemeinsam – leitende Werte der arbeitsbezogenen Interaktion formulieren. Absprachen gestalten das soziale Miteinander. Aber auch wenn solche Vereinbarungen getroffen werden, können die Herausforderungen des Home Office Arbeitsalltags manchmal auf die Stimmung schlagen.

Vom Auslöser zum Gefühl

Um zu verstehen, wie unsere Gefühle durch äußere Gegebenheiten beeinflusst werden, tauchen wir kurz in die Hintergründe der Emotionsentstehung ein. Wir Menschen lieben einfache Kausalitäten! Auch was unsere Gefühle betrifft, denken wir deshalb häufig – vermeintlich logisch – in Ursache-Wirkung-Zusammenhängen. Wenn sich meine Kollegin verspätet bei Zoom einwählt, bin ich genervt. Ursache-Wirkung: Die Kollegin ist schuld an meiner miesen Laune. So simpel ist es allerdings nicht! Was wir dabei vernachlässigen, ist der Zwischenschritt zwischen dem auslösenden Ereignis (A) und unserem Gefühl (C): nämlich unsere Bewertung (B). In unserem Beispiel führt also nicht die Verspätung der Kollegin unmittelbar zur Genervtheit, sondern erst die persönliche Beurteilung der Verspätung sorgt für schlechte Gefühle. Meine Überzeugungen und Annahmen sind also entscheidend dafür, wie ich auf ein bestimmtes Ereignis reagiere. Genauso verhält es sich mit unseren Reaktionen auf nicht erledigte Arbeitsaufträge, stockende Streams oder laute Hintergrundgeräusche. Meine persönlichen Werte wie Zuverlässigkeit oder Produktivität werden verletzt und gefühlstechnisch ziehen Wolken auf. Albert Ellis beschreibt diese Gesetzmäßigkeit der Entstehung von Gefühlen und Verhaltensweisen in seinem eingängigen ABC-Modell. 

Warum Gefühle Verantwortung bedeuten

Zugegeben die Erkenntnis, dass auf Auslöser nicht unmittelbar Gefühle folgen, hat einen großen Vorteil, aber leider auch einen Nachteil: die damit einhergehende Verantwortung. Gut daran ist, dass ich selber Einfluss nehmen kann, anstrengend hingegen, dass ich selbst anpacken muss. Wenn ich Eigenverantwortung für meine Gefühle übernehme, bin ich nicht abhängig vom Verhalten und der Stimmung anderer, sondern kann meine Gemütslage bewusst regulieren. Die Gefühle sind frei! 

Jetzt denkst du vielleicht „Meine Kollegin darf also unzuverlässig sein und ich bin jetzt selbst schuld daran, dass ich schlecht drauf bin? Na vielen Dank auch!“. Natürlich könnten wir Dampf ablassen, die Kollegin anpflaumen, warum sie denn schon wieder unpünktlich war und warum sie sich eigentlich nie an Absprachen hält. Damit kriegen wir vielleicht eine Auszeichnung für besondere Eskalationsfähigkeit, aber erreichen unser eigentliches Ziel nicht. Was wollen wir wirklich? Wir wollen ernst genommen und respektiert werden, wollen dass unsere Zeit als kostbar angesehen wird. Je nach persönlicher Prägung können hier unterschiedliche Bedürfnisse und Werte im Vordergrund stehen. 

Ziele erreichen und Beziehungen stärken

An dieser Stelle kommt ein mächtiges Werkzeug zum Einsatz: Die Gewaltfreie Kommunikation (GfK) nach Marshall B. Rosenberg. Gewaltfrei deshalb, weil diese Form der Sprache ohne Vorwürfe, Anklagen und Verletzungen auskommt. Als Psychologe entwickelte Rosenberg die Methode mit der Annahme, durch diese Art der Kommunikation mehr Vertrauen zu ermöglichen, Ziele angenehmer und schneller zu erreichen und gleichzeitig Konflikteskalationen vorzubeugen. Klingt nach einem Hauptgewinn oder? Der Leitfaden ist leicht zu merken: Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis, Bitte. Außerdem elementar: Ich-Botschaften! Übertragen auf die obige Kollegin könnte die Umsetzung in etwa so aussehen: „Du Emma, beim Blick auf die Uhr stelle ich fest, dass wir schon 9:15 haben, wir hatten uns aber für 9:00 verabredet. Ich merke, dass mich das ärgerlich stimmt. Viel lieber würde ich aber gut gelaunt in unseren Call starten, damit wir gut miteinander arbeiten können. Kannst du ab morgen bitte pünktlich sein?“ Die Vorteile im Überblick: Ich beschreibe objektiv den Sachverhalt ohne Verallgemeinerungen zu nutzen. Ich zeige mich authentisch mit meinen Gefühlen. Ich fühle mich wohl dabei und stärke meine Beziehungen. Ich äußere eine Bitte und das dahinterstehende Bedürfnis. So kann ich gleichzeitig meinem Ärger Ausdruck verleihen, ohne einen Konflikt vom Zaun zu brechen und lösungsorientiert nach vorne schauen und wiederholten negativen Gefühlen vorbeugen. Die arbeitstaugliche Ausgestaltung kann natürlich variieren, je nachdem ob ich meine Chefin, einen Kollegen oder eine Kundin am Telefon habe und je nachdem was zu mir passt oder womit ich mich wohl fühle. Außerdem braucht die Umsetzung der GfK Übung. Da hilft am besten spielerisches und neugieriges Ausprobieren. Und ja: Gewaltfreie Kommunikation ist auch nach dem Lockdown noch hilfreich! Nicht nur beruflich!


Selbstcoaching-Fragen zu Kommunikationsmustern

- Wie teile ich anderen meine Gefühle/Bedürfnisse/Wünsche/Ziele mit? Mache ich das überhaupt? Wie reagieren andere darauf?
- Warum mache ich es auf genau diese Weise? Ginge es auch anders?
- Wie erfahren andere, wie es mir geht? Wodurch bringe ich das zum Ausdruck? 
- Ändert die Arbeit im Home Office etwas an der Wirksamkeit meiner bisherigen Strategien und Kommunikationsformen?
- Was ist mir für Zusammenarbeit wichtig? Worauf lege ich großen Wert?
- Was möchte ich in Zukunft im Austausch mit Kolleg*innen beibehalten? Was möchte ich ausprobieren und anders machen?

Zum Weiterlesen

Training der Gefühle. Wie Sie sich hartnäckig weigern, unglücklich zu sein – Albert Ellis
Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens – Mashall B. Rosenberg & Ingrid Holler
Das können wir klären! Wie man Konflikte friedlich und wirksam lösen kann – Marshall B. Rosenberg

 

Katharina Schuler arbeitet als Psychologin und Beraterin mit Klient*innen zu Themen der beruflichen Orientierung und persönlichen Entwicklung. Ihre Mission: Menschen auf dem Weg zu mehr Selbstkenntnis, mehr Wachstum und mehr Sinn zu begleiten. Sie liebt den Zauber von Veränderungen und Neuanfängen!