Mein Name ist Johannes Barr, ich habe Gerontologie im Bachelor, und Soziale Arbeit im Master studiert und bin nun ein sogenannter Quereinsteiger in der Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen. Ich arbeite beim Rauhen Haus, einem der größten Träger Hamburgs, der über 1200 Mitarbeiter*innen hat und damit mehr als 3000 Personen Hilfe und Unterstützung bietet. Mein Arbeitsplatz ist ein stationäres Wohnhaus im Hamburger Norden, das 30 Personen einen stationären Wohn- und Lebensort bietet. Daneben werden weitere 30 Personen von uns ambulant in WGs oder Einzelwohnungen betreut. 

Vom Gerontologen zum Sozialpädagogen

Mein erster Kontakt zum Rauhen Haus lief über eine Initiativbewerbung als Gerontologe. Aufgrund des breitgefächerten Angebots und der vielen Arbeitsbereiche im Rauhen Haus, hoffte ich auf eine freie passende Stelle, was aber nicht der Fall war. Durch eigene Erfahrungen, Erzählungen von Kommiliton*innen und trotz der Tatsache, dass Deutschland durch den demographischen Wandel vor enormen Aufgaben steht, sind Gerontolog*innen weitestgehend unbeachtet. Die Folge: Jobs, die auf Gerontolog*innen zugeschnitten sind, werden an die “altbewährten” Sozialarbeiter*innen vergeben. Das war der ausschlaggebende Grund, warum ich im Anschluss an das Gerontologiestudium den Master in der Sozialen Arbeit machte. Letztendlich stellte sich die Kombination aus beiden Professionen als hervorragende Grundlage für die Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen dar. Nach einer kurzen Wartezeit bekam ich eine Stelle als studentische Hilfskraft in der Sozialpsychiatrie und konnte neben meinem Master in der Sozialen Arbeit erste Erfahrungen sammeln. Mit dem Abschluss in der Tasche nahm ich ein Jahr später das Angebot, als Sozialpädagoge dort weiter zu arbeiten, nur allzu gerne an. Das Arbeitsfeld der Psychiatrie kannte ich vorher noch nicht, es fesselte mich aber von der ersten Minute an. Die Arbeit mit psychisch kranken Menschen stellt die Mitarbeiter*innen jeden Tag vor neue Aufgaben und Erlebnisse. Die meisten Bewohner*innen des Hauses leiden seit Jahrzehnten an psychischen Krankheiten, wie Depressionen, Psychosen oder Persönlichkeitsstörungen. Ich darf beispielsweise vor einer Frau im Haus keinen Apfel essen, da sie durch ihr wahnhaftes Erleben, den Apfel mit dem „Verwunschen Apfel“ von Adam und Eva in Verbindung bringt und diese Vorstellung nicht aushält. Ein anderer Klient ist der festen Überzeugung, dass er “der Highlander” und dadurch unsterblich ist. Neben diesen Fällen, bei denen geschmunzelt werden kann und MUSS, gibt es auch sehr grausame Biographien: Klient*innen, die ihre besten Freunde mit vier Promille erschlagen oder das eigene Baby totgeschüttelt haben. Für diese Menschen bieten wir Raum und Unterstützung, um sie möglichst gut in die Gesellschaft zu integrieren. 

Der Arbeitsalltag in einer sozialpsychiatrischen Einrichtung

Mein Tag startet für gewöhnlich damit, den “Newsfeed” im hausinternen Dokuprogramm zu lesen und E-Mails zu checken. Im Anschluss stehen die Einzelgesprächstermine mit den Klient*innen an, die ich mir frei einteilen kann. Meistens lege ich Haustermine mit Klient*innen, die ambulant betreut werden, in den Nachmittag, sodass ich danach in den Feierabend durchstarten kann. Das ist einer der großen Vorteile des Jobs: Ich arbeite selbständig, eigenverantwortlich und flexibel! Außerdem gibt es bei uns keine Stechuhr - stattdessen werden die Arbeitszeiten manuell eingetragen. Wenn keine Termine anstehen, telefoniere ich mit Ärzt*innen, Angehörigen, Amtsmitarbeiter*innen oder gesetzlichen Betreuer*innen, um anstehende Termine zu klären, Unklarheiten auszuräumen oder Rückmeldungen zu geben. Zu meinem Aufgabenbereich gehört auch das Dokumentieren besonderer Vorkommnisse und  Ergebnisse o.Ä. aus Gesprächen (ein weniger spaßiger Part der Arbeit). Ein Mal in der Woche findet die Dienstbesprechung statt, in der aktuelle Themen, Krisen und sonstige Dinge besprochen werden. Die Kommunikation mit den Kolleg*innen ist einer der wichtigsten Bestandteile der Arbeit, da Absprachen oder wichtige Termine allen bekannt sein sollten. Schließlich sollen alle am gleichen Strang ziehen. Durch unsere Teamleitung und die Teamzusammensetzung funktioniert das wunderbar! 

Wie finanzielle Einschränkung sich auf die Integration auswirkt

Die mit der Krankheit einhergehenden Symptome und Defizite grenzen den alltäglichen Handlungsspielraum der Betroffenen innerhalb ihres Sozialraums stark ein. So führen Ängste und Zwänge dazu, dass einige Klient*innen nur sehr eingeschränkt das ÖPNV- Angebot nutzen können, und dies auch nur unter der Voraussetzung, dass sie das Beförderungsentgelt zahlen können. Die Personen, die von uns stationär betreut werden, müssen alle Eigenmittel (Rente, Teil vom Mini-Job Gehalt, etc.) mit einbringen und an das Sozialamt abtreten. Daher bleibt den Klient*innen SEHR wenig Geld für ihre Lebensführung (120€ Taschengeld im Monat und 40€ Verpflegungsgeld /Woche und wenn es gut läuft ca. 150€ aus Nebentätigkeiten).

Die finanzielle Einschränkung ist eine der ausschlaggebendsten Tatsachen, dass psychisch kranke Menschen so schlecht integriert sind (unser Wohnhaus liegt an der Grenze zu Schleswig Holstein). So müssen die Klient*innen, weil ein stationärer Wohnplatz viel Geld kostet, (fast) alle Einnahmen mit einbringen. Zum Beispiel bekommen die Klient*innen in der Arbeitstherapie nur eine sogenannte Motivationszulage von 1,50€/ Stunde und arbeiten meist zwei bis vier Stunden an zwei bis vier Tagen in der Woche. Gehälter aus Mini-Jobs dürfen nur zu einem kleinen Teil einbehalten werden. Folglich haben sie kaum Mittel, um das ÖPNV Angebot zu nutzen, kulturelle und soziale Veranstaltungen zu besuchen oder sich gesund zu ernähren. Die Folge: Der Lebensalltag der Klient*innen beschränkt sich häufig nur auf das Wohnhaus und das nahe Umfeld.
Auch wenn die Arbeit mit oftmals unfassbaren und - im wahrsten Sinne des Wortes - verrückten Biographien der Klient*innen nervenaufreibend sein kann, ist sie zugleich bereichernd und spannend. Täglich geschehen unvorhergesehene Dinge, die einer Lösung bedürfen. Gebrochene Finger (durch ästhetische Übungen), Kriseninterventionen, Zwangsunterbringungen, aber auch positive Ereignisse, wenn beispielsweise ein*e Klient*in einen Job annimmt oder die Zusage für finanzielle Mittel bekommt. Über die Zeit habe ich zudem gelernt, dass auch kleine Erfolge (für uns), große Erfolge für die erkrankten Menschen bedeuten! 

Trotz der schweren Schicksale und des schlechten Images von Psychiatrien würde ich jeder*m den Job als Sozialpädagog*in empfehlen, die/der tägliche neue Herausforderungen sucht und der/dem die Arbeit mit Menschen am Herzen liegt!

Auch bei uns im Stellenportal findest du einen Job in der Sozialpädagogik!