Was haben Xing, Flixbus und About You gemeinsam? Sie alle gehören zur magischen Herde der deutschen Einhörner. Damit sind Tech-Startups gemeint, deren Marktbewertung schon vor einem Börsengang oder Exit über eine Milliarden US-Dollar beträgt. Die Bezeichnung als Fabelwesen verdanken sie ihrer seltenen Vorkommnis. Denn, um solch eine hohe Bewertung zu erhalten, braucht es schon sehr viel Vertrauen und Überzeugung von Seiten der Investor*innen. Für viele Unternehmen scheint das genauso wahrscheinlich, wie die Begegnung mit einem Einhorn.

Die “Jagd” nach den Einhörnern hat aber auch ihre Schattenseiten: wenn Investor*innen sich mit milliardenschweren Unternehmen schmücken wollen, entsteht ein hoher Druck bei jungen Start-ups. Sie sollen schnell wachsen, sonst werden sie uninteressant und erhalten keine Unterstützung mehr. Hop oder Flop – wer nicht hoch genug springt, verliert alles. Bald schon könnten diese seltenen Fabelwesen aussterben. Nicht, weil es immer schwieriger wird hohe Investitionssummen zu erhalten, sondern weil eine neue Spezies aufgetaucht ist und die ehrgeizigen Einhörner von der Spielwiese des Kapitalismus verdrängt: Das Zebra.

Vor drei Jahren wurde es das erste Mal in den USA gesichtet, als die vier US-Gründerinnen Astrid Scholz, Mara Zepeda, Jennifer Brandel und Aniyia Williams über die negativen Folgen von Einhörnern und alternative Business Modelle schrieben. Die Zebra Bewegung hat sich seitdem schnell verbreitet und ist jetzt auch vermehrt auf dem europäischen Kontinent zu finden. Zebras – so legten die Gründerinnen fest – sind Startups, die sich als Dienstleister für die Gesellschaft verstehen und gleichzeitig profitorientiert agieren. 
Purpose und Gewinn unter einem Hut – das kennen wir doch schon von den Sozialunternehmen? Kasia Odrozek von Zebras Unite und Evgeni Kouris von NewMittelstand (eine Transformationsinitiative für den Mittelstand um die zukünftige Sinn-Wirtschaft zu gestalten) treiben die Zebra Bewegung in Deutschland voran und erklären den Unterschied: “Der Zebra Begriff geht weiter als die traditionelle Sozialwirtschaft – es geht nicht nur darum soziale Probleme zu lösen. Profit und Purpose sind bei Zebras gleich wichtig – die Zebras halten diese Polarität aus.”Die Bewegung will also nicht nur klassische Social Entrepreneure ansprechen, sondern auch ehrgeizige Unternehmer*innen und sie ermutigen, ihr Business auf eine nachhaltige und verantwortungsbewusste Weise auf- und eben auch umzubauen.

Was kann ein Zebra?

Viele von uns können auf den ersten Blick nicht viel mit Zebras anfangen, da hat das Einhorn schon einen weitaus größeren Bekanntheitsgrad. Es gibt aber viele Gründe, weshalb wir die “neue” Spezie gerade in schwierigen Zeiten unterstützen sollten: 

1. Zebras sind schwarz-weiß, das heißt sie stehen für Profit und Gemeinnützigkeit. Die einfarbigen Einhörner dagegen fokussieren sich nur auf den Gewinn.

2. Durch ihre Agilität können Zebras sehr schnell auf Veränderungen reagieren. Neue Märkte oder Technologien sind kein Problem, sondern eine bereichernde Herausforderung.

3. Zebras sind echte Herdentiere, denn sie arbeiten gerne mit anderen zusammen und unterstützen sich gegenseitig. Das bedeutet auch, dass sie nicht wahllos abgrasen, was sie zwischen die Zähne bekommen, sondern auf einen nachhaltigen Planeten achten.

4. Einhörner gibt es nur im Märchen! Zebras dagegen sind echt. Sie kümmern sich um reale Probleme und erfinden keine “Needs” von Kunden, um schnell die erste Milliarde zu scheffeln. 

5. Man kann es noch so oft versuchen; ein Zebra lässt sich nicht zähmen und reiten. Es ist viel zu stolz, um die eigenen Werte zu verkaufen. Anpassung ja, aber nur, wenn die Bedingungen vertretbar sind.

6. Zebras gibt es schon seit Millionen Jahren und sie werden noch lange bleiben. Das verdanken sie ihrem nachhaltigen Geschäftsmodell. Entscheidungen werden nicht aus kurzfristigen Gewinnspekulationen heraus getroffen, sondern mit einer allumfassenden Weitsicht.

Warum müssen Einhörner aussterben?

Natürlich könnten Einhörner und Zebras friedlich nebeneinander weiden. Jedoch haben die Einhörner in der Vergangenheit sehr viel Schaden angerichtet. Aktionärsrendite wurden über das Gemeinwohl gestellt, Quantität vor Qualität und Konsum vor Kreativität. Facebook wurde benutzt, um Fake News während der Präsidentschaftswahl zu verbreiten, während Uber sich Vorwürfe wegen der Tolerierung einer toxischen Arbeitskultur anhören musste – nur um ein paar greifbare Beispiele zu nennen. Wir sollten die Einhörner nicht weiter füttern und lieber auf Zebras setzen. Sie reparieren die Löcher, die durch herangezüchtete Verhaltensweisen im Umgang mit den Unicorn Produkten und Dienstleistungen entstanden sind. 

Dazu gibt es ein sehr schönes Beispiel aus der Tourismusbranche: Das Community-Portal Airbnb gehört zu den bekanntesten Einhörnern und galt zu seinen Gründungsjahren als sozial und ökologisch nachhaltig. Inzwischen steht es hoch in der Kritik, denn durch sein Wachstum soll der bezahlbare Wohnraum in attraktiven Städten immer rarer werden. Das eigentliche Sharing-Modell wurde von vielen Vermieter*innen als steuersparendes Geschäftsmodell missbraucht. Das geht auch anders, dachte sich eine Kölner Student*innengruppe und gründete 2018 mit Socialbnb eine alternative Plattform, die Reisende und Hilfsorganisationen verknüpft. Letzteren mangelt es nämlich oft an finanziellen Mitteln aber nicht an Platz. Die Gäste bezahlen für eine preisgünstige Unterkunft, unterstützen damit sinnvolle Projekte und bekommen einen hautnahen Einblick in die Arbeit lokaler NGOs. Socialbnb löst damit gesellschaftliche Probleme, die teilweise durch Airbnb entstanden sind: Wohnraum wird frei und kleine Hilfsorganisationen können unabhängiger von Spenden handeln. 


Warum brauchen wir Zebras in der aktuellen Krise?

Das Coronavirus legt einen düsteren Schleier über das globale Wirtschaftssystem. Lieferketten sind unterbrochen, Produktionen werden gestoppt, der Ölpreis rauscht in den Keller und kleine Unternehmen stehen kurz vor dem aus. Mehr denn je sind wir auf ein gemeinschaftliches Handeln angewiesen. Agilität im Hinblick auf Veränderungen und Teamwork – das sind Werte, die Zebras schon lange predigen und die gerade jetzt wichtig sind, um die drohende Wirtschaftskrise zu meistern.

Laut Kasia Odrozek verbirgt sich hinter diesen Eigenschaften großes Potenzial: “Ich hoffe, dass diese Krise uns zumindest bewusst macht, was für einen Wert die Gesellschaft als Ganzes für jeden Einzelnen von uns hat und dass wir das öffentliche Interesse auch bei der Wirtschaft stärker mitdenken müssen. In Zeiten der Krise trifft es uns alle gleichmäßig und es ist einfach schlauer das Gemeinwohl des Systems von Anfang an mitzudenken, anstatt nur an die Maximierung eigener Profite. Insofern hoffe ich, dass die Zebra Bewegung nach der Krise noch mehr an Momentum gewinnt.”

Aktuellen Entwicklungen an der Börse unterstreichen die Bedeutung der Zebras. In der Krise schnitten die ESG-Investitionen (Nachhaltige Geldanlagen nach bestimmten Kriterien) bisher deutlich besser ab als andere Investitionen. 

Schnelles Wachstum, wie bei den Einhörnern zu sehen, führt zu großen Investitionen. Da werden 100 Mitarbeiter*innen auf einmal eingestellt, die in Krisenzeiten wieder entlassen werden. Natürlich kann von keinem Unternehmen erwartet werden, eine weltweite Pandemie mit einzukalkulieren und mit Sicherheit leidet auch Socialbnb unter dem aktuellen Reisestopp.Dennoch – oder gerade deswegen – sollten soziale und nachhaltige Unternehmen besser gefördert werden. Sie bilden das Fundament, auf das wir uns in schwierigen Zeiten stützen können. Unser Bilderbuch-Beispiel macht das deutlich: ohne die Förderungen von lokalen Hilfsorganisationen würden wir in Notlagen wie heute ganz schön alt aussehen. Sie kümmern sich um pflegebedürftige Menschen, organisieren ehrenamtliche Hilfe und leisten Aufklärungsarbeit.

“Zugang zum Kapital ist bestimmt ein entscheidender Faktor, um zu überleben” bestätigt Kasia, “daher brauchen wir auch eine Veränderung in Prioritätensetzung in der Finanzwelt beziehungsweise Alternativen. Dafür gibt es die Bewegung.”

Können aus Einhörner Zebras werden?

Stellt sich nur noch die Frage, ob nicht einfach alle Einhörner zu Zebras mutieren können.
“Grundsätzlich ja” meint Evgeni Kouris, “aber sie müssten dann das Monopol, das sie aufgebaut haben wieder aufgeben und zum Beispiel. so eine Art Wikipedia-Modell entwickeln, indem sie dieses Monopol in Hände von einer Stiftung geben, die wiederum eine Vielzahl von Zebras damit finanziert. Viele von den Mittelstandsunternehmen, die ein Monopol halten und oft auch “Unicorns” sind, machen gerade diese Veränderung durch, z.B. mit Hilfe der Stiftung Verantwortungseigentum (Purpose AG).”

Was unsere Marktwirtschaft braucht, ist mehr Pluralität und weniger Monopolmacht. Nur dadurch können wir einen gesunden Wettbewerb am Leben erhalten, der Innovationen fördert. Die Zebras machen das vor: Sie treffen sich in Meetups und Konferenzen, lernen voneinander und suchen nach Synergien. Sie haben verstanden, dass die Herde stärker ist, als das Dasein bissiger Einzelgänger.