Die Briten sind ja bekannt für ihren ganz eigenen Humor. Dass die Polizei aber einen öffentlichen Streit mit einer Kosmetikfirma vom Zaun bricht, ist selbst für die Insel reichlich kurios. Wobei eigentlich die Kosmetikmarke angefangen hat. Oder doch die Polizei?

Doch worum geht es eigentlich? Das Unternehmen Lush, bekannt für seine handgemachten und müllarmen Kosmetikprodukte, sorgte Ende Mai mit seiner Spycops-Kampagne für Aufsehen. Sowohl mit Dekorationen in Schaufenstern als auch auf Social Media mit prominenten Bannern protestierte Lush gegen einige fragwürdige Ermittlungsaktionen der britischen Polizei.

Die hatte jahrelang verdeckte Beamte beschäftigt, die vorsätzlich langfristige Beziehungen mit Anwältinnen oder Aktivistinnen eingegangen sind, um Einblick in über 1000 politische Gruppierungen zu bekommen. In einem Fall ist daraus sogar ein Kind geboren. Die Behörden selbst haben schon eingestanden, mit der Aktion die Menschenrechte der betroffenen Frauen verletzt zu haben. Obwohl Undercover-Einsätze bekanntlich zum Repertoire der Ermittlungsbehörden gehören, ist die britische Polizei hier einen Schritt zu weit gegangen – findet auch Lush. Ergo die Spycops-Kampagne.

Es geht um transparente, öffentliche Statements

Zunächst einmal Kudos an Lush für die Kampagne und die damit verbundene Kritik an „Cover-ups“. Die Antwort der Polizei ließ aber auch nicht lange auf sich warten. Vertreter der britischen Behörden kritisierten Lush Anfang Juni für die Kampagne, da sie für einen bleibenden Schaden im öffentlichen Ansehen der Polizei sorgen würde.

 

 

Diesen Vorwurf konnte Lush so nicht stehen lassen und antwortete mit einem Statement, das eine Geisteshaltung zeigt, die vielen Unternehmen heutzutage fehlt, und die dennoch so wichtig ist: Es geht um eine klare politische Haltung. Dass man überhaupt einmal ein – öffentliches – politisches Statement setzt.

Dass sich Firmen politisch engagieren, ist jedem klar, der schon einmal den Begriff „Lobbying“ gehört hat. Das Problem: Dieses Engagement findet meist unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Besonders große Konzerne vermeiden es tunlichst, sich in politischen Fragen öffentlich irgendwie zu positionieren.

Man will keine Kunden verprellen und redet sich gerne noch ein, dass Wirtschaft und Politik ja sowieso getrennt sind – ähnlich wie Sport und Politik. Das ist gerade in einer Zeit besonders fadenscheinig und schlicht falsch, in der Neoliberalismus, Kapitalismus und Marktlogiken die bestimmenden Ideologien sind – sogar das Denken in allen Lebensbereichen leiten. Ganz abgesehen davon, dass die Politik immer auch das rechtliche Rahmenwerk für die Wirtschaft definiert und die beiden somit untrennbar miteinander verbunden sind.

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Mit einer aufgeklärten Konsumentenschaft spielt jedoch ein anderes Argument eine wichtige Rolle: Transparenz. Ich will als Kunde wissen, wofür eine Firma steht. Heutzutage sind nicht mehr nur Qualität und Preis eines Produkts entscheidend, sondern eben auch, welche Weltanschauung damit unterstützt wird. Gerade in Zeiten von Social Media passiert es schnell, dass ein Zitat falsch interpretiert wird (Grüße an New Balance) oder eine unglückliche Spende ans Licht kommt und schon bleibt nur noch die Frage, wie groß der Shitstorm wird.

Auch Mitarbeiter interessiert die Politik ihres Unternehmens

Was Unternehmen auch nicht unterschätzen sollten, ist der interne Druck. Das spüren gerade große Firmen wie Facebook, Google oder Microsoft derzeit. Die einen – Facebook – haben sich zu lange ihrer gewachsenen Verantwortung entzogen und damit aktuelle und ehemalige Mitarbeiter verprellt. Die anderen – Google und Microsoft – sorgen bei ihren Angestellten für Unmut, weil sie fragwürdige Deals mit dem US-Militär eingehen.

Vor allem haben Unternehmen aber eine gesellschaftliche Verantwortung. Das macht Lush auch in seinem Statement deutlich. Darin heißt es etwa, dass jeder Bürger besorgt sein sollte, wenn politischen Entscheidern Menschenrechte egal werden. Lush wollte mit seiner Aktion deswegen auch bewusst Druck auf die Politik und Polizei ausüben. Sie wollen erreichen, dass alle Hintergründe der Undercover-Aktion öffentlich gemacht werden, dazu gehören auch die Namen, die die Polizisten benutzt hatten. Dafür hat das Unternehmen zusammen mit der NGO Police Spies Out of Lives auch mit Opfern der Aktion gesprochen.

Lush zeigt damit etwas, das eigentlich selbstverständlich sein sollte: dass Unternehmen Teil der Öffentlichkeit und der Bevölkerung sind. Und als solche können sie auch eine politische Haltung einnehmen. Sie sollten es sogar, gerade in einer Zeit, in der grundlegende Ideale und Werte unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft ausgerechnet vonseiten der Politik angegriffen und zersetzt werden.

 

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