Die Arbeitswelt befindet sich im Umbruch: “Sinnstiftende Jobs für alle!” rufen die intrinsisch motivierten Generationen Y und Z. Aber brauchen wir das wirklich und ist das überhaupt möglich? Business Coach Marilena Berends betrachtet die New Work Bewegung etwas kritischer. Wir haben sie im Interview dazu befragt. 

Sinnvollen Jobs wird oft ein niedriges Gehalt unterstellt. Welchen Stellenwert hat das Geld deiner Meinung nach in der heutigen Gesellschaft?

Ich glaube, dass in vielen wirtschaftlichen Bereichen, zum Beispiel im Marketing  oder Vertrieb, Geld sowie die gesellschaftliche Bedeutung und Akzeptanz dieser Berufe eine große Rolle spielen. Einige Menschen wählen ihre Berufe aus dem Anreiz, um diese Faktoren zu befriedigen. Ich selbst wollte eine ganze Weile lang Unternehmensberaterin werden, aber nicht in erster Linie aus Interesse. Zwar würde mir das Berufsfeld liegen, denn ich genieße die Arbeit mit Menschen und lerne gerne immer wieder Neues hinzu. Dennoch lag mein Hauptfokus damals eher auf dem gesellschaftlichen Ansehen des Berufes und in gewissermaßen auch auf dem Gehalt. Diese Erkenntnis hatte ich natürlich erst später mit etwas Abstand und durch Selbstreflexion. Gerne werden „Bullshitjobs“ – wie der Autor Rutger Bregman sie bezeichnet – mit verhältnismäßig hohem Gehalt und Jobs „mit Sinn“ aber weniger Gehalt als Diskrepanzen gegenübergestellt. 

Dabei sollte nicht vergessen werden, dass bis zu einem bestimmten Grad der Lohn den fehlenden tieferen Sinn in der Arbeit durchaus rechtfertigen kann. Ein relativ eintönigen Job, der aber – subjektiv empfunden – gut entlohnt wird, kann durchaus zufriedenstellend sein. Denn ein hohes Gehalt bietet manchmal mehr Möglichkeiten, die Freizeit sinnvoll zu gestalten. Nicht jeder hat den Anspruch, einen „sinnerfüllten“ Job auszuführen. Und das ist okay, solange die Tätigkeit nicht zu stark belastet und das Gehalt alle Mittel heiligt.

Denn dass Geld alleine glücklich machen kann, ist bereits widerlegt worden. Ab einem bestimmten Geldbetrag steigt Studien zu Folge das persönliche Wohlbefinden nicht mehr an – auch das Easterlin-Paradox genannt. Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman fand heraus, dass diese positive Abhängigkeit zwischen Geld und Zufriedenheit existiert, aber ab einem Jahreseinkommen von 60.000 Euro stagniert. Dennoch besteht in unserer kapitalistischen Gesellschaft immer noch der Irrglaube, dass Geld uneingeschränkt glücklich macht.

Würdest du demzufolge sagen, dass ein eintönig empfundener Job dennoch sinnstiftend sein kann?

Absolut! Ich kann mir vorstellen, dass einige Tätigkeiten an sich vielleicht nicht mit ganz so viel Sinn beladen werden im Vergleich mit Jobs im sozialen oder nachhaltigen Bereich. Aber die Arbeit ist nicht der einzige Aspekt im Leben, der Sinn geben kann. Insofern trägt ein eintönig aber als gut bezahlt empfundener Job dennoch zur sinnhaften Auslebung des Lebens bei, indem das Geld dafür zur Verfügung gestellt wird. Wir müssen “leider” arbeiten, d.h. wir leben in einer Welt, in der nur diejenigen Personen gut leben können, die nach gesellschaftlichen Maßstäben Leistung erbringen. Alternativ gibt es Hartz 4, welches uns aber ein äußerst unbeliebtes Stigma aufdrückt. De Facto gibt es für viele Menschen gar keine andere Option. Zum “Arbeitszwang” kommen jetzt auch noch Sinnansprüche hinzu. Arbeit soll nicht einfach nur Mittel zum Zweck sein, sie soll Spaß machen und einen Beitrag leisten. Diese angeblich neuen Anforderungen der Millenials und jüngerer Generationen an ihre Arbeit, werden ja in letzter Zeit zu Genüge thematisiert. Verglichen mit der „traditionellen“ Auffassung von Arbeit – beispielsweise zu Zeiten der Industriellen Revolution – ist dieser Gedanke komplett neu. Keineswegs will ich damit sagen, dass Arbeit keinen Spaß machen darf, aber sie muss auch nicht zwanghaft unseren Lebenssinn definieren, d.h. zur Grundlage unserer Identität werden. 

Wo gibt es in unserem Arbeitssystem noch Verbesserungsbedarf?

SPD Arbeitsminister Franz Müntefering zitierte vor einiger Zeit die biblischen Verse des Apostels Paulus: “Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen”, um Hartz 4 zu rechtfertigen. Diese Aussage beschreibt meiner Meinung nach ganz gut, wie unsere Gesellschaft funktioniert. 

In unserem Grundrecht steht “die Würde des Menschens ist unantastbar” – aber wo bleibt die Menschlichkeit, wenn wir uns zum Arbeiten zwingen? Natürlich bietet Hartz 4 eine gewisse Absicherung, aber gleichzeitig bringt es auch eine soziale Ausgrenzung mit sich, denn wer nicht arbeitet gilt automatisch als faul. Arbeitslos bedeutet in unserem System nicht arbeitslos, sondern arbeitssuchend. Dementsprechend entsteht ein stetig steigender Druck für Betroffene, Jobs anzunehmen, die eventuell gar nicht zu ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen passen. Hinzu kommen Veränderungsprozesse durch Globalisierung und Digitalisierung, die enorme Auswirkungen auf unseren Arbeitsmarkt haben werden. Einige Wissenschaftler*innen sprechen von einer neuen Ära der Massenarbeitslosigkeit, die uns bevorsteht. Ich bin gespannt, wie wir damit umgehen werden, sollte es dazu kommen. 

Wie könnte eine menschlichere Arbeitswelt aussehen?

Glücklicherweise werden Alternativen zum herkömmlichen System in der öffentlichen Diskussion immer lauter. Dazu gehört zum Beispiel das bedingungslose Grundeinkommen, wodurch wir freier entscheiden könnten, in welchem Bereich wir einen Beitrag zur Gesellschaft leisten möchten und wie dieser aussehen soll. Der Neurologe und Psychiater Viktor Frankl unterstellt dem Menschen in seiner Sinntheorie ein universelles Bedürfnis, Teil von etwas Größerem zu sein. Statistiken aus der ehrenamtlichen Branche bestätigen das natürliche Bestreben nach einer sinnvollen Tätigkeit. Kritiker*innen des Grundeinkommens sehen diese Alternative als Risiko des Systems, in dem niemand freiwillig arbeiten würde. Ich bezweifle das und sehe es eher als eine Sache der Organisation und Anpassung, die natürlich ihre Zeit braucht; denn vielen bietet diese Alternative eine Chance, ihre eigenen Ideen und Projekte zu realisieren. Außerdem würden Jobs, die wirklich Wert generieren – wie Krankenpfleger*in oder Lehrer*in – eine angemessene Wertschätzung erhalten.

Ein zweite Option, die ich ganz spannend finde, ist die sogenannte Grundversorgung von Paul Aries. Dabei sollen alle Menschen eine kostenlose Versorgung der Grundbedürfnisse erhalten, ohne dafür eine bestimmte Leistung erbringen zu müssen. Zuvor müsste auf gesellschaftlicher Ebene festgelegt werden, welche Dinge wir zum täglichen Leben brauchen, z.B. Wasser, Strom, Lebensmittel, aber auch Bildung, Internet und öffentlicher Nahverkehr. Dadurch könnten wir die Umwelt entlasten und hätten eine gerechtere Aufteilung der lebenswichtigen Ressourcen unabhängig von Leistung und Erfolg.

Wie würde man es dann mit den Arbeiten handhaben, die eher unbeliebt sind, aber unbedingt verrichtet werden müssen? Gibt es da nicht ein Problem?

Es gibt sicherlich ein paar Jobs, wie z.B. Busfahrer*in, die nicht ihrer Bedarfshöhe entsprechend beliebt sind. Ich glaube gerade in Arbeitsbereichen, die von vielen als eintönig empfunden werden, bietet die Digitalisierung einen großen Nutzen. Durch autonome Busse könnte in diesem Fallbeispiel ausreichender Nahverkehr sichergestellt werden, ohne Menschen durch Druck in sinnlos empfundene Jobs zu zwingen. Allerdings glaube ich auch, dass es noch eine Menge Redebedarf, Diskurs und Ideenaustausch bzgl. dieses Themas gibt. Dafür muss es allerdings auch erstmal ernst genommen werden.

Welche Schritte müssen unternommen werden, um unsere Arbeitswelt zu verbessern?

Oscar Wilde sagte: “Muße, nicht Arbeit ist das Ziel des Menschens”. Ich glaube, gerade in einer Gesellschaft, in der Zeit zu einem extrem raren Gut geworden ist, wird sie umso essentieller. Zeit zur Selbstreflexion und, um überhaupt die Kapazität und Ressourcen zu haben, uns Gedanken darüber zu machen, wie wir leben wollen, als Individuum und als Gemeinschaft.

Mehr Informationen über Marilena Berends' Angebot als Coach, ihre Workshops und ihren Podcast "Sinneswandel" findet ihr hier.