Liegt die Zukunft der Gründungsszene auf dem Land?

Die Herausforderungen, vor denen ländliche Räume stehen, sind vielschichtig. Seit Jahren leiden viele Regionen unter einem demographischen Aderlass und daraus ergeben sich negative Folgeerscheinungen: Wie können Menschen in ihrem Dorf gut versorgt alt werden? Wer hilft, wenn kein*e Ärztin*Arzt mehr in der Nähe ist? Wie werden Mobilität und Nahversorgung nachhaltig sichergestellt? Und warum profitiert die Landwirtschaft nicht längst von der Digitalisierung?

Aber Herausforderungen von heute sind gleichzeitig Chancen und potenzielle Geschäftsmodelle von morgen. Und dieses Potenzial gilt es zu heben. Dafür muss es allerdings gelingen, die Gründungsszene auf dem Land zu stärken. Bisher zieht es viele Startups in die Städte. Niedersachsen hat als Flächenland gegenüber Hotspots wie Berlin oder Rhein/Ruhr mit inzwischen 9,8% der Startup-Firmensitze zwar aufgeholt. Der Startup-Monitor 2019 zeigt aber auch, dass der Großteil der Startups in Niedersachsen in Hannover und Braunschweig ihren Sitz haben und nicht etwa in der niedersächsischen Provinz. 

Hier müssen wir ansetzen. Denn die Zukunft der ländlichen Räume wird eben nicht in den Städten gemacht. Innovationen für die Menschen auf dem Land entstehen insbesondere durch Engagement vor Ort. Nur wenn es gelingt, auch die dörflichen Gemeinden zu stärken, kann das mancherorts bestehende Stadt-Land-Gefälle mit all seinen negativen Folgen verringert werden. Eine Bertelsmann-Studie von 2018 hebt hervor, dass auch kleine und mittelgroße Städte stetig an Attraktivität gewinnen. Diese Entwicklung ist aber noch nicht sehr dynamisch.

Lab4Land: Förderung von nachhaltigen Geschäftsmodellen im ländlichen Raum

In Schöppenstedt bei Braunschweig in Niedersachsen findet vor diesem Hintergrund im September ein Experiment statt. Der Lab4Land Accelerator will mutige Menschen vom Land und aus der Stadt zusammenbringen, um die Zukunft ländlicher Räume aktiv zu gestalten. Sie sollen innovative Konzepte für aktuelle und zukünftige Herausforderungen entwickeln und diese mit professioneller Hilfe zur Marktreife bringen. Lab4Land ist der erste Accelerator in Deutschland, der sich nicht nur auf den ländlichen Raum fokussiert, sondern gleichzeitig das Potenzial von Social Entrepreneurship hervorhebt. Diese Kombination ist bisher einmalig.

Das Programm richtet sich an Gründer*innen teams im frühen Stadium, die bereits eine konkrete Geschäftsidee ausgearbeitet haben und nun den nächsten Schritt Richtung Marktreife, Pilotkunden und Finanzierung einschlagen wollen. Anfang September werden sieben Teams für vier Wochen konzentrierte Arbeit nach Schöppenstedt in den Coworking Space DSTATION eingeladen. Sie werden von Mentor*innen beraten, vernetzen sich mit lokalen Akteur*innen aus der Praxis und werden durch ein Team aus Coaches, erfolgreichen Unternehmer*innen und kreativen Köpfen bei der Weiterentwicklung ihrer Geschäftsidee unterstützt. 

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Social Entrepreneurship schafft soziale Innovationen

Aber warum hat gerade Social Entrepreneurship so viel Potential auf dem Land? Hier kommen die strukturellen Schwächen von vielen ländlichen Regionen ins Spiel. Gerade weil dort nicht viele Menschen leben, die Infrastruktur schlecht ist und der Bus nur einmal in der Stunde kommt, ist das klassische Konkurrenzdenken der urbanen Startup-Szene fehl am Platz. Es bringt Gründer*innen dort einfach nicht weiter. Stattdessen ist Kooperation gefragt, technische Innovationen müssen mit sozialen Innovationen Hand in Hand gehen. Erfolgversprechend sind offene Geschäftsmodelle, die sich nicht nur auf eine spitze Zielgruppe ausrichten, sondern unterschiedliche Stakeholder zur Zusammenarbeit motivieren. Und Organisationen, die das Gemeinwohl zum Ziel haben und nicht den maximalen finanziellen Gewinn.

Genossenschaften bieten für diese Art von Geschäftsmodell zum Beispiel einen praktikablen und etablierten rechtlichen Rahmen. Viele alteingesessenen Genossenschaften leiden aber seit Jahren unter Mitgliederschwund und Überalterung. Sie sind nicht mit der Zeit gegangen. Dabei haben Genossenschaften in Kombination mit digitalen Plattform-Modellen ein riesen Potential, auch auf dem Land. Denn damit ließe sich nicht nur eine gleichberechtigte wirtschaftliche Teilhabe realisieren, sondern auch demokratische Mitbestimmung bei wichtigen lokalen Entscheidungen. Denn es macht schon einen Unterschied, ob ein anonymer Großkonzern oder lokale Bürger*innen die Gewinne des Windparks einstecken, der auf der Anhöhe die Sicht verschandelt.

Das Land muss gestärkt werden - darin sind sich alle einig

Seit Jahren wird in Deutschland darüber diskutiert, warum die Kluft zwischen Stadt und Land immer größer wird. Viele Großstädter*innen rümpfen die Nase, wenn die AfD in einigen Regionen Ostdeutschlands wieder zweistellige Stimmenanteile erhält. Aber die Lebensumstände für die Menschen und die Infrastruktur vor Ort wird trotzdem nicht besser. Es muss wieder eine Perspektive geschaffen werden und dafür sind alle gemeinsam verantwortlich: Die Politik, aber auch die Bürger*innen selbst, die regionale Wirtschaft und eventuell auch Rückkehrer*innen aus der Stadt.

Fakt ist aber auch, dass die Rezepte der Vergangenheit nicht helfen werden. Wir brauchen keine neuen Autobahnen, Fabrikhallen oder Schweinemastbetriebe. Wir brauchen inklusive, kooperative Unternehmen und Startups, die mit sozialen und nachhaltigen Geschäftsmodellen das Leben und Arbeiten auf dem Land wieder attraktiv machen. Gesucht werden Gründer*innen, die sich der großen gesellschaftlichen Herausforderungen annehmen und diese unternehmerisch zu lösen versuchen. Genau diese Gründungsideen möchte Lab4Land in den nächsten Monaten fördern.


Bewerbungen können noch bis zum 07. August eingereicht werden. Alle Infos zum Programm findest Du auf www.lab4land.de oder bei Instagram und LinkedIn