Marcel ist Regenbogenvater: Er und sein Mann sind Väter zweier Zwillingsjungs. Neben seinem Job beim Blutspendedienst des Deutschen Roten Kreuzes spendet er Kinderbücher an Kindergärten. Das sind Bücher, die von der „Andersartigkeit“ erzählen; von Patchwork Familien, Pflegekindern oder  – so wie bei ihm selbst – von Regenbogenfamilien. Auf seinem Instagram-Account „regenbogenpapi“ gibt er Einblick in sein Familienleben. Wir wollten im Interview vor allem von ihm wissen, ob und was bei ihm „anders“ ist – privat und im Job.

Hallo Marcel, deine Familie besteht aus dir, deinem Partner und zwei Kindern. Wie sieht euer Alltag aus? Arbeitet und kümmert ihr euch beide gleichermaßen um die Kinder oder habt ihr eine spezifische Aufteilung?

Seit gut fünf Jahren dürfen mein Mann Christian und ich Eltern unserer Zwillingsjungs sein, die wir mit Hilfe einer Leihmama im Ausland bekommen haben. Wir sind eine Regenbogenfamilie, haben jedoch genau die gleichen Themen, wie jede andere Familie auch. 

Mein Mann und ich waren das erste Jahr nach der Geburt unserer Kinder zuhause, da wir dachten, dass zwei Erwachsene für zwei Kinder eine gute Idee wären. Heute denken wir, es wäre vielleicht einfacher gewesen, wenn nur ein Elternteil sich um beide Kinder gekümmert hätte. Wir haben gemerkt, dass wir beide auch wieder arbeiten möchten, da wir immer gearbeitet haben. Wir brauchten auch wieder andere Themen über die wir sprechen können, als einzig und allein „nur über die Kinder“.

Mein Mann ist gelernter Bankkaufmann, der sich jedoch gerade beruflich umorientiert. 
Ich bin staatlich geprüfter Hotelbetriebswirt für Hotel- und Gaststättengewerbe, zertifizierter Hoteltester und Tele-Coach. Jedoch habe auch ich mich von der Hotellerie gelöst und arbeite seit einigen Jahren beim DRK-Blutspendedienst in Kassel, wo ich sehr glücklich bin. Wir beide haben eine Dreiviertel Stelle inne, da uns Zeit über die Maßen wichtig ist, insbesondere mit und für unsere Kinder. 

Seit wir Eltern sein dürfen, haben wir gemerkt, dass Zeit Lebensqualität ist und nicht etwa Geld oder Titel. Wir haben uns sehr bewusst für unsere Kinder und auch uns als Paar entschieden und sind dankbar über diese Erkenntnis.

Zuhause macht jeder alles, wobei ein Elternteil eher die einfühlsamere, „mütterliche“ Rolle eingenommen hat, hingegen der andere den strikteren Part. 

Wie empfindet ihr die Vereinbarkeit von Familie und Beruf? 

In unserem Empfinden wird in unseren heutigen Unternehmen, wo wir arbeiten, auf Familien mit Kindern Rücksicht genommen, sei es bei der beruflichen Umorientierung von Christian oder bei mir im DRK-Blutspendedienst Kassel. Es gab Arbeitgeber, die kein Verständnis hatten. Weder für uns, noch für die Kinder. Wir haben uns daraufhin rasch gegen diese Arbeitgeber entschieden. 

Doch heute ist es anders. Wenn die Kinder krank sind, früher aus dem Kindergarten abgeholt werden „müssen“ oder Termine anstehen, dann wird das in der Regel alles möglich gemacht. Unsere Arbeitgeber sind wahnsinnig menschlich, herzlich und verständnisvoll, was wir in dieser Form auch noch nicht kennenlernen durften.

Wie sieht es mit Elternzeit, Sonderurlaub und weiteren familienbedingten Regelungen aus? Gibt es Unterschiede zu verschiedengeschlechtlichen Eltern?

Wir haben keine Unterschiede festgestellt. Jedoch wurde uns die ersten zwei Monate kein Kindergeld ausgezahlt, da unsere Söhne als Deutsche in der Nicht-EU geboren und wir nicht sofort nach der Geburt ausreisen konnten. 

Was entgegnest du Menschen, die behaupten, dass Kindern in Regenbogenfamilien einem höheren Diskriminierungsrisiko ausgesetzt sind und darunter psychisch leiden könnten?

Bis heute haben wir keine negative Erfahrung machen müssen. Und obwohl wir in einem (großen) Dorf leben, sind wir akzeptiert, integriert und schlichtweg angekommen. Es ist großartig in solch einer offenen und tollen Gemeinde wie Kaufungen bei Kassel zu leben. Zudem gibt es viele Studien, die belegen, dass Kinder einer Regenbogenfamilie nicht benachteiligt sind.

Nachhaltigkeit ist uns ziemlich wichtig und das nicht nur auf unsere Umwelt bezogen, sondern auch im Hinblick auf Toleranz und Akzeptanz. 

Gibt es noch Vorurteile, die euch in Bezug auf euer Familienmodell im Arbeitsleben begegnen?

Nein. Ich für mich sehe es als Vorteil und nutze diesen. Soweit ich weiß, habe ich mich bei einer Vielzahl von Bewerbungen durchgesetzt. Meine Bewerbung habe ich sehr direkt, unverblümt und offen verfasst. Beispielsweise habe ich die Punkte, die „vielleicht“ für einen Arbeitgeber Ausschlusskriterien sein können, direkt in den ersten Satz geschrieben, nämlich zwei kleine Kinder und homosexuell. Diese Punkte sind mir sehr wichtig und das habe ich ganz bewusst zum Ausdruck gebracht. Mein Mann hatte damals gefragt „Wie, die haben dich eingeladen?!“ und dann als ich die Zusage bekommen habe nochmal (lacht). Denn wie meine Bewerbung angefangen hat, so endete sie auch. Ich habe sinngemäß geschrieben, dass auch ich nach dem Vorstellungsgespräch JA sagen muss, nicht nur der Arbeitgeber. Es ist wie in der Ehe, beide müssen JA sagen.

Was muss sich deiner Meinung nach ändern, um Regenbogenfamilien besser in der Arbeitswelt zu integrieren? Was wünschst du dir von gesetzlicher Seite und wo gibt es Aufholbedarf bei den Unternehmen?

Losgelöst von der Regenbogenfamilie, die wir sind, ist unser Sichtwechsel interessant, seit wir Kinder haben. Es sind wohl momentan noch immer die Frauen, vor denen ich meinen Hut ziehe. „Wie, du arbeitest nicht?!“ versus „Wie, du arbeitest schon wieder?!“. Sich um die Kinder kümmern, da man ja die Mama und biologisch im Vorteil ist, arbeiten, einkaufen, den Haushalt schmeißen, kochen, sich mit den Kindern beschäftigen, bis der Mann von seinem anstrengenden Vollzeitjob kommt. Die Frau arbeitet ja nur Teilzeit. Früher haben wir vielleicht auch geurteilt und über Teilzeit-Mamas und -Papas geschmunzelt. Wir wussten es nicht besser. Heute wissen wir, dass es als Teilzeit-Mama und -Papa gar nicht so einfach ist. 

Während Corona hat man kurzweilig die Pflegekräfte, Ärzt*innen usw. bejubelt und ihnen eine einmalige Zahlung zugesprochen. Als Held*innen wurden sie betitelt. Die Kinder hat man mal zwischendurch gelobt. Wo sind die Eltern in der ganzen Geschichte? Auch sie sind wahre Held*innen! Und das nicht nur während Corona. Abschließend ist zu sagen, dass Familien im Allgemeinen sehr sehr viel besser unterstützt werden sollten.