Die vorherrschende Pandemie rüttelt an alten Strukturen. Sie stellt uns damit vor Herausforderungen und eröffnet neue Möglichkeiten. Arbeitsminister Heil hält ein Recht auf Home Office für einen wichtigen Schritt und sorgt damit für heiße Diskussionen. Bis Herbst 2020 möchte er ein Gesetz auf den Weg bringen, das auch nach der Krise noch gelten soll. So könnte sich die Arbeitswelt nachhaltig verändern und aus einem bisherigen Privileg ein Recht werden. Revolution oder alter Wein in neuen Schläuchen?

Doppelt so viel Heimarbeit wie vor Corona

Aus der Not heraus zeigte sich in den vergangenen Wochen, in wie vielen Berufen Arbeiten von zu Hause möglich ist. Entgegen vorheriger Überzeugungen ließ sich der Anteil derjenigen Arbeitnehmer*innen in Heimarbeit in Zeiten der Corona-Pandemie von 12 auf 25% steigern. Warum sollte das nicht auch nach Beendigung des Lock Downs optional beibehalten oder sogar noch für viele mehr zum Arbeitsalltag werden können? Denn Schätzungen zufolge wäre es für bis zu 40% der Beschäftigten möglich von zu Hause zu arbeiten.

Es braucht eine wertegeleitete Entscheidung

Vergleicht man Meinungen der Fürsprecher*innen und Gegner*innen fällt auf, dass vor allem die Arbeitgeber*innen und deren Verbände die gesetzliche Verankerung von Home Office ablehnen. Stellt sich die Frage nach dem Warum? Denn die individuellen Vorteile, wie Flexibilität und Gestaltungsspielraum, Zeitersparnis, Stress- und Kostenreduktion sowie Vereinbarkeit von Beruf und Familie liegen auf der Hand. Auch gesellschaftliche Chancen mobilen Arbeitens sollten mitgedacht werden, weil sie mehr Chancengleichheit und nicht zuletzt einer nachhaltigeren Arbeitswelt den Boden bereiten würden. Ebenso spielt eine zeitgemäße Nutzung der Digitalisierung und die globalisierte, ortsunabhängige Zusammenarbeit inter- und nationaler Expert*innen eine bedeutsame Rolle. Wenn das nicht ein Plus für die Wirtschaftlichkeit bedeutet.

Lösbare Herausforderungen

Diesen Möglichkeiten gegenüber stehen seitens der Arbeitnehmer*innen Befürchtungen vor einer räumlichen und zeitlichen Entgrenzung von Arbeit, damit einhergehend die Angst vor Ausbeutung und sozialer Isolation. Diese Argumente sind ernst zu nehmen, aber die Gewerkschaften kennen das Gegenmittel: Arbeits- und Gesundheitsschutz. Arbeitgeberverbände kritisieren eingeschränktes wirtschaftliches Wachstum unter Home Office und zweifeln an der Umsetzbarkeit. Entgegen des langlebigen Vorurteils steigt die Produktivität im Home Office sogar an, allerdings auf Kosten der Beschäftigten – mehr unbezahlte Arbeit, mehr Stress, mehr Schlaflosigkeit. Daher braucht es viel mehr eine Sicherstellung psychischer und physischer Gesundheit der Arbeitnehmer*innen als eine Vertretung wirtschaftlicher Interessen.

Gesetzliche Grundlage für Beschäftigte

Entscheidungsweisend sollten daher die Anliegen und Lebensrealitäten der Arbeitnehmer*innen sein. Um bisher genutzte Schlupflöcher der Arbeitgeber*innen zu schließen, die Home Office ohne ersichtlichen Grund verwehren, ist somit eine gesetzliche Regelung notwendig. Beschäftigte werden ohne diese rechtliche Grundlage nur in Einzelfällen bei gutem Verhandlungsgeschick Heimarbeit erwirken können. Zudem würde ein Gesetz die Schaffung technischer und organisatorischer Umsetzbarkeit beschleunigen, die reibungslose Arbeitsabläufe ermöglicht. In dem Bewusstsein, dass es sich um ein Gesetz handelt, das für einzelne Beschäftigungsgruppen in unterschiedlicher Weise, nicht aber für den gesamten Arbeitsmarkt gelten würde, ist es nicht weniger wichtig, möglichst vielen Menschen diese Chance zu eröffnen. Sich darauf zu verlassen, dass sich Geschäftsführer*innen nach der Pandemie von alleine dazu entscheiden, weiterhin Home Office anzubieten, ist waghalsig.

Forderung nach einem Sowohl-als-auch

Aus dem gegnerischen Lager ertönen Argumente, die ein Entweder-oder bedeuten. Entscheidend ist aber die Gleichzeitigkeit: Ein Recht auf Home Office und Wirtschaftlichkeit. Ein Recht auf Home Office und bessere Betreuungskonzepte. Ein Recht auf Home Office und angemessene Arbeitsbedingungen in Care-Berufen. Genau das könnten gesetzliche Regelungen möglich machen.

Neue Konzepte für Neues Arbeiten

Es steht außer Frage, dass ein Recht auf Home Office neue Konzepte auf struktureller und interaktioneller Ebene braucht – insbesondere Überlegungen zu Arbeitsprozessen, Führung und Zusammenarbeit. Für die Konzeption sollten in den Unternehmen gemeinsam Vertreter*innen aller Hierarchieebenen verantwortlich sein. Dabei geht es neben der praktischen Erarbeitung von Workflows auch um den Abbau von Vorurteilen gegenüber Heimarbeit. Die so wichtige Rahmung für dieses Vorhaben bildet das geplante Gesetz, das unter anderem die Freiwilligkeit auf Arbeitnehmerseite und klare Regelungen bereitstellen soll. Ebenso dürfen keine Nachteile, wie etwa schlechtere Aufstiegschancen für diejenigen entstehen, die von dem Recht Gebrauch machen.

Vertrauen ist gut, Kontrolle nicht besser

In der bisherigen Arbeitswelt ist eine Anwesenheitskultur weit verbreitet, vermutlich weil im Home Office keine direkte Leistungskontrolle durch die Vorgesetzten möglich ist. So könnte die gesetzlich geregelte Heimarbeit einen Kulturwandel hin zur Vertrauenskultur bedeuten – herzlich willkommen New Work! 

Angst vor Veränderung

Wie immer bedeutet Veränderung auch Unsicherheit. Egal wie eingestaubt das Alte sein mag, es ist bekannt und man ist daran gewöhnt. Neues birgt potenzielle Gefahren, die gegebenenfalls noch nicht überblickt werden können. Gerade deswegen sind mutige Pionier*innen und starke Befürworter*innen gefragt. Denn Veränderung bedeutet auch Chance und frischer Wind kann Antrieb verleihen, wenn man das Segel entsprechend ausrichtet. So kann die aktuelle Irritation gewohnter Strukturen uns zu neuen Ufern bringen. Ein Hoch auf Veränderungen! Ein Hoch auf die Heimarbeit!

Die Top 10 für die Heimarbeit

Mit der Aussicht auf Home Office ergibt sich auch ein Bedarf an Kompetenzen im Umgang mit neuen Möglichkeiten. Um Gefahren wie der Verwässerung von Arbeit und anderen Lebensbereichen vorzubeugen, erhöhter Ablenkbarkeit und fehlender Motivation entgegen zu wirken und das psychische und physische Gleichgewicht zu stärken, gibt es hier die Top 10 Home Office Hacks:

1. Rhythmus: Nähre dich dem eigenen Biorhythmus an und behalte ihn am besten sieben Tage die Woche bei.

2. Arbeitsplatz: Schaffe dir einen Rahmen, der möglichst ungestörtes Arbeiten gewährleistet. Wenn möglich, empfiehlt sich ein Raumwechsel, andernfalls ein Sitzplatzwechsel, um zwischen Arbeit und Freizeit zu unterscheiden. Du kannst einen ausgewählten Stuhl zum „Arbeitsstuhl“ ernennen und sogar mit einer entsprechenden Klebenotiz versehen.

3. Struktur: Sorge für eine klare Abgrenzung von Arbeits- und Pausezeiten. Hier hilft Wecker stellen – vielleicht auch gleich mehrere, damit du dich daran hältst.

4. Routinen: Nutze Orientierungs- und Abschlussrituale um Phasen bewusst zu beginnen und abzuschließen.

5. Pausen: Nutze deine Pausen zum Durchatmen. In der Mittagspause kannst du gerne auch mal Dinge, wie einen Arzttermin erledigen, vor allem aber sollten sie dazu dienen, Wohltuendes wie Bewegung, Kochen oder auch einen Powernap einzubauen. Hier geht es nicht um die möglichst effektive Nutzung der Pausenzeiten, sondern um Erholung. Klar ist: Laptop und Handy ausschalten!

6. Achtsamkeit: Halte immer mal wieder inne und lege Atempausen ein. Eine tiefe Bauchatmung und die Wahrnehmung von dem, was da gerade ist, ohne es zu bewerten, helfen das vegetative Nervensystem zu beruhigen und dein Stresslevel zu senken. Apps, die mittels Klangschalen-Sound sanft daran erinnern, können helfen.

7. Zugehörigkeit: Sorge für ausreichend soziale Kontakte, damit du deinem Bedürfnis nach Anschluss nachkommst. Das gelingt sowohl durch kollegiale Kontakte während der Arbeitszeit als auch durch private Gespräche in deinen Pausen.

8. Zusammenarbeit: Trete immer wieder mit deinem Team in Kontakt. Regelmäßige virtuelle Absprachen sind wichtig zur Klärung von Zuständigkeiten, Status Quo und Zielen.

9. Unterstützung: Suche Support bei Kolleg*innen oder Freund*innen und nutze Hilfsmittel wie Kommunikationstools, um dir deinen Arbeitsalltag zu erleichtern. Egal was dich unterstützt, du musst es nicht alleine schaffen.

10. Belohnungen: Mache dir eine Liste mit Dingen, die dir guttun. Darauf steht alles, was dir Energie verleiht und dich motiviert deinen Tag zu meistern. Auch Bilder oder symbolische Gegenstände sind denkbar – alles was hilft!

 

 

Katharina Schuler arbeitet als Psychologin und Beraterin mit Klient*innen zu Themen der beruflichen Orientierung und persönlichen Entwicklung. Ihre Mission: Menschen auf dem Weg zu mehr Selbstkenntnis, mehr Wachstum und mehr Sinn zu begleiten. Sie liebt den Zauber von Veränderungen und Neuanfängen!