Das Silicon Valley gilt als Wiege der Innovation, angeführt von kreativen IT-Genies, die die Welt verbessern wollen. Doch es rumort im Valley: Immer mehr Tech-Arbeiter*innen protestieren gegen die lukrativen Geschäfte ihrer Arbeitgeber*innen und die prekären Arbeitsbedingungen ihrer Kolleg*innen.

Hightech-Paradies Silicon Valley

Das Silicon Valley im US-Bundesstaat Kalifornien gilt als bedeutendster Hightech-Standort der Welt. Die Region ist besonders bekannt für erfolgreiche Start-ups, die heute als IT-Unternehmen Milliardenumsätze einfahren. Große Namen wie Google, Apple, Facebook, Microsoft und Amazon haben hier ihren Firmensitz.

Die Stadt ist dafür bekannt, voll von abenteuerlustigen Entrepreneuren, Start-ups, Workaholics und Freidenkern zu sein, die Technologien entwickeln um die Welt zu retten. Die Aufopferung der Tech-Genies scheint sich auszuzahlen: Steve Jobs, Mark Zuckerberg und Larry Page machen vor, wie man mit brillanten Ideen zum Billionär werden kann. Auch unter deutschen Gründer*innen häufen sich die Erfolgsgeschichten aus dem Valley. Die Berichte vom American Hightech-Dream erzählen dabei alle dieselbe Geschichte: vom Internet, das für eine gute Sache eingesetzt wird und von Nerds, die alleine für ihre Leidenschaft und ihrem Streben danach, die Welt zu verbessern, jedes Risiko eingehen. Doch die Fassade beginnt zu bröckeln. 

New Tech Worker Movement – das Ende einer neoliberalen Hegemonie?

Rund drei Millionen Menschen leben im Silicon Valley, ihr Lohn ist im Schnitt dreimal höher als in Berlin. Doch das trifft nicht für alle zu. Neben all den Ingenieur*innen, Designer*innen, Produktmanager*innen und IT-Spezialist*innen gibt es auch viele „unsichtbare Arbeitskräfte“, die unter prekären Arbeitsbedingungen arbeiten und den Betrieb im Silicon Valley am Laufen halten. Sie arbeiten nicht, weil sie dazu berufen wurden, sondern weil sie es müssen.

Gemeinsam organisieren sie sich in Zusammenschlüssen wie der Tech Worker Coalition – als Arbeiter*innen, die ihre Arbeitskraft verkaufen, um zu überleben. Die Mitglieder dieses „New Tech Worker Movement“ hören sich so gar nicht mehr nach den „Hippie Yuppies“ aus den Erzählungen über das SIlicon Valley an. Vielmehr verkörpern sie eine Arbeiter*innenbewegung, die sich für gemeinsame Interessen einsetzt und den Silicon Valley Eliten die Stirn bietet. 

Eine*r für alle, alle für eine*n

Die Bewegung umschließt nicht nur die Arbeiter*innenschaft, sondern auch hochqualifizierte Arbeitnehmer*innen. Sie haben im Allgemeinen ein wesentlich besseres Standing innerhalb ihrer Unternehmen und nutzen ihre privilegierte Position, um sich für Beschäftigte des Niedriglohnsektors einzusetzen. Die Tech-Worker erklären sich solidarisch mit ihren Kolleg*innen – seien es Hausmeister*innen, Shuttlefahrer*innen, Securities oder Caféteria-Mitarbeiter*innen. Dabei engagieren sie sich für eine Arbeitsumgebung frei von Sexismus und Diskriminierung und fordern bessere Löhne und Arbeitsbedingungen für alle, die das Valley am Laufen halten. Erst Ende letzten Jahres protestierten 20.000 Google-Mitarbeiter*innen im Rahmen des #GoogleWalkout mit einem Arbeitsstreik gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz.

Die größte Herausforderung dabei ist, dass Unternehmen ihre Arbeiter*innen häufig  separieren. Dem Cafeteria-Personal bei Google sei es beispielsweise nicht gestattet, sich außerhalb ihrer Schichten auf dem Google-Campus aufzuhalten, sich mit anderen Arbeitnehmer*innen zusammenzuschließen oder Führungspositionen einzunehmen. Der Grund dahinter ist, dass Google nicht möchte, dass die Arbeitnehmer*innen von den unterschiedlichen Arbeitsbedingungen ihrer Mitarbeiter*innen erfahren. Umso wichtiger, dass das Tech-Worker Movement all diesen Arbeitnehmer*innen nun die Chance bietet, sich auszutauschen und einen gemeinsamen Protest zu organisieren. 

Der Aufstieg der Tech-Arbeiter*innen

Der Bewegung geht es um schwangere Frauen, die gekündigt werden, weil sie sich für einen Arztbesuch frei nehmen. Oder junge Väter, die sieben Tage die Woche 12 Stunden am Tag arbeiten müssen. Die Mitglieder des Tech-Worker Movements übernehmen aber auch aktiv die Verantwortung für ihre Entwicklungen. So setzen sie sich gemeinsam dafür ein, dass Unternehmen für ihre Produkte zur Rechenschaft gezogen werden und ihre Mitarbeiter*innen nicht für eine “schlechte” Sache missbraucht werden. 

So haben im Rahmen der Bewegung Mitarbeiter*innen von Amazon beispielsweise von Geschäftsführer Jeff Bezoz gefordert, ein Mitspracherecht darüber zu bekommen, welche Produkte entwickelt und wofür sie eingesetzt werden. Tech Worker bei Google haben ihre Arbeitgeber*innen aufgefordert, die Zusammenarbeit mit dem Pentagon zu stoppen. Mehr als 3.000 Google Mitarbeiter*innen haben eine Petition gegen das Google Projekt „Maven“ unterzeichnet, das dafür genutzt werden konnte, um den Einsatz von Drohnen im Kampf zu verbessern. Und der Protest zeigt Erfolge: Google stellte aufgrund der Proteste seine Kooperation mit dem Verteidigungsministerium 2019 ein.

Ein neues Paradigma von Tech-Arbeiter*innen

Das New Tech Worker Movement leitet eine neue Ära im Silicon Valley ein. Denn anders als früher, sind auch die Unternehmen im Silicon Valley heute nicht mehr von reinem Idealismus geprägt sondern verfolgen eine klar profitorientierte Agenda. Das zeigt sich auch an den Technologien, die sie entwickeln. Statt der Menschheit zu helfen, nutzen sie nur einem kleinen privilegierten Nutzerkreis. Dabei sind Firmen wie Amazon und Google längst nicht mehr nur Firmen, vielmehr agieren sie mittlerweile selbstständig, fast wie eigenständige Staaten. Die Arbeiter*innenbewegung macht diese Veränderung transparent und ändert so das Paradigma einer billiardenschweren Tech-Industrie, die unser aller Leben täglich beeinflusst. 

Die ganze Diskussion – initiiert durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung – die vor Kurzem in Berlin zu diesem Thema stattfand, könnt ihr bei Soundcloud anhören.