Von der Klimakrise und ihren mal kleineren, mal größeren Katastrophen ist seit den Fridays for Futures viel zu lesen und zu hören. Insbesondere die klimatologischen Befunde erregen Besorgnis und belegen, wie rasant wir uns und anderen die Möglichkeit auf ein gelingendes Leben nehmen. 
Untergehen wird diese Welt wohl nicht, aber bedrohlicher und gewaltvoller wird es auf dem Planeten zugehen – zunächst und zumeist für jene, die dafür am wenigsten können. Auch das ist wissenschaftlich lange erwiesen, ebenso wie das globale Erfordernis einer sozialökologischen Transformation der Wirtschaftsgesellschaften. Die Klimawissenschaften haben ihre sprichwörtlichen Hausaufgaben gemacht – wo aber sind die sozial-, kultur- und geisteswissenschaftlichen Hinweise, welche Konsequenzen aus deren Befunden gezogen werden können? Welche Gesellschaft ist mit einer Netto-Null-Wirtschaft vereinbar? Wie wird eine sowohl sichere als auch souveräne Versorgung mit dem Erforderlichen möglich? Wie kann die Vielfalt der Verschiedenen, die daraus resultiert, demokratisch verständigt werden? Welche Befähigungen braucht es dafür?

Wirtschaft ist keine Tatsache

Die Probleme unserer Zeit sind hinreichend beschrieben. Nun kommt es darauf an, sie an der Ursache zu beseitigen. Dies bringt eine besondere Herausforderung mit sich: Während für viele offenkundig geworden ist, dass die Klimakrise ökonomische Ursachen hat, nimmt die für solche Fragen zuständige Wissenschaft davon ungefähr keine Notiz. Die Wirtschaftswissenschaften klammern sich mehrheitlich unbeirrbar an eine Idee von Wirtschaft, deren Intensivierung über das 20. Jahrhundert just jene Krisen entscheidend mitverursacht hat. Bis zuletzt hemmen sie die transformativen Bemühungen gar aktiv, indem sie mit dem Gestus, dies sei ein unumstößliches Gesetz der Natur und jeder Widerspruch nur Ausdruck von Unkenntnis, behaupten, die bessere Gesellschaft mit mehr Lebensglück für alle sei das Resultat von ehernen Preismechanismen sowie spontanen Ordnungen und entstünde allein dadurch, dass alle die Ellenbogen ausfahren und nur noch auf ihren individuellen Vorteil bedacht sind. Diese Moraltheorie, die sich in der Regel gar nicht mehr als Moraltheorie weiß, ist ausführlich widerlegt durch die vielfältigen Verwerfungen unserer Zeit. Das Ökonomische ist kein Gesetz der Natur, sondern eine Bedeutung der Gesellschaft, das heißt: sie ist hergestellt, veränderbar, gestaltbar.

Jetzt braucht es economists4future

Diese Gesellschaft braucht eine neue Wirtschaft. Dafür sind Kontroversen erforderlich, die nicht nur formbezogen sind, sondern zuallererst inhaltlich ansetzen und klären, wie wir als Gesellschaft unser Beisammen- und Miteinandersein gestalten wollen: wie wir mobil sein wollen, wohnen wollen, Nahrung erzeugen und verzehren wollen etc. Die Corona-Pandemie zeigt in diesem Zusammenhang, was durch die Klimakrise bereits deutlich wurde: eine gestaltungswillige Demokratie braucht eine unbestechliche Wissenschaft, um begründete und reflektierte Entscheidungen treffen zu können. Solange die Wirtschaftswissenschaften jedoch nur Partei ergreifen für die ohnehin bereits Herrschenden und fantasielos auf alle Fragen des Zusammenlebens nur mit "Mehr Markt!", "Mehr Effizienz!", "Mehr Gewinn!" reagieren, bleibt jenen, die darauf hören, nur eines übrig: sich mit dem zerstörerischen Einheitsbrei abzufinden, der daraus resultiert. Demokratische Gesellschaften, in denen die einen ihr Leben so und die anderen ihr Leben anders führen, brauchen hingegen Wirtschaftswissenschaften mit Möglichkeitssinn. Jetzt ist die Zeit der economists4future.


Lars Hochmann ist interdisziplinär arbeitender Wirtschaftswissenschaftler. Er lehrt und forscht an der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung zu Fragen nachhaltigen Wirtschaftens und ist Herausgeber des Buches „economists4future – Verantwortung übernehmen für eine bessere Welt“ (2020, Murmann). Twitter: @larshochmann www.economists4future.de