Herr Hegerl, Sie und Ihr Team haben herausgefunden, dass psychische Erkrankungen eines der größten Hemmnisse bei der Vermittlung von Langzeitarbeitslosen sind. Macht Arbeitslosigkeit depressiv?

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Nein. Das kann man so nicht sagen. Depressionen sind eine eigenständige Erkrankung und in den allermeisten Fällen nicht Folge, sondern Ursache von Arbeitslosigkeit. Aber sie werden noch zu oft als Reaktion auf äußere Umstände gesehen. Wir setzen sie gleich mit dem, was wir erleben, wenn wir mit den Bitternissen des Lebens konfrontiert werden: Frustration, Enttäuschung, Trauer. Deswegen glauben viele Menschen, dass man in der Arbeitslosigkeit quasi automatisch depressiv wird. Das ist aber schlichtweg falsch. Allerdings lassen sich Depressionen inzwischen sehr gut behandeln. Sie sind ein Vermittlungshemmnis, das sich gut beseitigen lässt.

Kann man das denn überhaupt trennen, was Ursache und was Wirkung ist?

Ja, das zeigt schon die Erfahrung in der Klinik. Wir arbeiten hier ja jeden Tag mit Menschen, die immer wieder in depressive Krankheitsphasen rutschen, die unbehandelt ja meist mehrere Monate anhalten, und deswegen ihre Arbeit verloren haben. Es gibt genügend Studien, die zeigen, dass Menschen mit Depressionen häufiger und schneller in der Arbeitslosigkeit landen.

Welche psychischen Erkrankungen spielen im Zusammenhang mit Arbeitslosigkeit denn noch eine Rolle, neben Depressionen?

Depression ist mit Abstand die häufigste. Zu nennen sind weiter Angsterkrankungen, Suchterkrankungen oder manisch-depressive Erkrankungen. In unserer Untersuchung hatten etwa 60 Prozent der älteren Langzeitarbeitslosen eine psychische Erkrankung. Und wir haben eben auch festgestellt, dass bei den allermeisten Betroffenen diese Krankheiten gar nicht erkannt oder diagnostiziert, geschweige denn korrekt behandelt war. Deshalb haben wir das „Psychosoziale Coaching“ entwickelt.

Was verbirgt sich dahinter?

Prof. Dr. Ulrich Hegerl im Porträt
Ulrich Hegerl, 65, Direktor der Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig und Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe
© Stefan Straube

Zunächst werden die Mitarbeiter darin geschult, besser zu erkennen, ob bei einem Klienten möglicherweise eine psychische Erkrankung vorliegt. Das Wissen fehlt ja auch zu großen Teilen in der Bevölkerung. Es geht einfach um mehr Bewusstsein und Aufmerksamkeit. Also zum Beispiel klarzumachen, dass eine Depression keine Befindlichkeitsstörung, sondern eine gut behandelbare Erkrankung ist.

Wie helfen Sie damit den Arbeitslosen?

Es gibt zusätzlich für sie eine Anlaufstelle, an die sie die Mitarbeiter in den Jobcentern vermitteln. Dort werden die Betroffenen von Psychotherapeuten betreut, deren Aufgabe jedoch explizit nicht die Behandlung ist. Sie lotsen Arbeitslose mit psychischen Erkrankungen lediglich an die richtige Stelle im Gesundheitssystem. Dazu prüfen sie, ob eine Erkrankung vorliegt. Ist dies der Fall und wird diese  bisher nicht korrekt behandelt, dann informieren sie den Betroffenen über die Behandlungsmöglichkeiten und motivieren, diese zu nutzen. Ergänzend werden nach Maßnahmen wie Jogginggruppen oder Übungen zur Muskelentspannung angeboten. Aber wie gesagt: Am wichtigsten ist, die Menschen in Therapie zu bringen.

Gibt es schon erste Erfolge?

Das Programm wird seit einigen Jahren in Leipzig, Marburg, Lichtenberg und einigen anderen Städten eingesetzt. Und eine Studie hat inzwischen gezeigt, dass über 30 Prozent der Teilnehmer des Coachings im Anschluss eine Arbeit finden – gerade bei Langzeitarbeitslosen eine überdurchschnittlich gute Vermittlungsrate, die wir auch dem Coaching zuschreiben. Deshalb fordern wir, dass das „Psychosoziale Coaching“ jetzt in allen Jobcentern angeboten wird. Denn die meisten Betroffenen wissen gar nicht, dass sie an einer Erkrankung leiden, die möglicherweise gut behandelbar ist. Auch Orientierung in unserem unübersichtlichen Versorgungssystem zu bekommen, ist für viele Betroffene bereits wichtig. Hinzu kommt, dass sich auch die Angestellten in den Jobcentern deutlich besser auf ihre Arbeit vorbereitet fühlen.

 

Hilfe und mehr Informationen

Sofortige Hilfe

In scheinbar ausweglosen Lebenslagen ist die Telefonseelsorge eine erste Anlaufstelle. Die Telefonnummern dafür sind 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222. Die Beratung ist anonym, kostenfrei und wird auf keiner Telefonrechnung vermerkt. Es gibt auch eine Beratung per Chat, E-Mail und Face-to-Face.

Persönliche Hilfe

Sozialpsychiatrische Dienste beraten Menschen mit psychischen Krankheiten und deren Angehörige. Dabei geht es um Prävention, begleitende Hilfe und Nachsorge stationärer Aufenthalte. Die Dienste sind in der Regel Teil des örtlichen Gesundheitsamts. Anlaufstellen findet man auf der Seite des Robert-Koch-Instituts.

Mehr Informationen

Die Deutsche Depressionshilfe hat auf ihrer Website zahlreiches Material, um sich zum Thema Depression eingehend zu informieren. Dazu gehören ein Info-Telefon, ein Selbsttest sowie Wissen und Adressen rund um das Thema. Das Angebot richtet sich an Betroffene und die breite Öffentlichkeit.

 

Dieser Artikel erschien zuerst im enorm Magazin.