Graue Kacheln, müde Augen, Stille – mittlerweile kennen die meisten dieses Gefühl der ewigen Videochats. Doch nicht nur die Pandemie hat effektive Kommunikation mit digitalen Medien zu einer Herausforderung gemacht, welcher sich zahlreiche Menschen weltweit stellen müssen. Ein wiederkehrendes Schlüsselwort in der Diskussion ist Empathie: Wie können wir auch im digitalen Raum empathisch kommunizieren und vertrauensvolle Beziehungen etablieren? Wie können wir Empathie in digitalen Teams fördern? Was soll der ganze Wirbel um das Thema Empathie überhaupt?

Empathie ist viel mehr als ein Modebegriff

Empathie. Laut Duden beschreibt der Begriff die "Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Einstellungen anderer Menschen einzufühlen". Klingt simpel, ist es aber nicht. Karriere-Coaches und Management-Gurus werben für die Wichtigkeit von Kompetenzen im Bereich Empathie inklusive Selbsttests und Seminaren. Auch gesamtgesellschaftlich erlangt der Begriff sein Momentum. So erachtet die Politologin, Sachbuchautorin und Aktivistin Emilia Zenzile Roig die Bekämpfung eines allgemeinen Mangels an Empathie als wichtigen Ansatzpunkt in Antidiskriminierungsdebatten. Die Diskussion erstreckt sich zunehmend über verschiedene Felder und zeigt auf: Empathie ist ein komplexes Konstrukt.

 

Forscher*innen unterscheiden zwischen kognitiver, affektiver und mitfühlender Empathie. Kognitive Empathie beschreibt, dass man sich in Andere auf intellektueller Ebene hineindenken kann, affektive Empathie ein unbewusstes Einfühlen und mitfühlende Empathie ein handlungsorientiertes Hineinversetzen (Weiterlesen: Powell & Roberts, 2017). Wissenschaftler*innen sind sich uneinig darüber, welche der zahlreichen Variablen und Faktoren das Empathievermögen wie beeinflussen. Im Fokus stehen häufig die Effekte des genutzten Mediums und Kommunikationskanals, denn diese können Empathie erschweren oder begünstigen: (Video-)Telefonate machen Empathie besonders leicht, Instant Messaging Chats aufgrund der zeitverzögerten Kommunikation sehr schwer (Weiterlesen: Tsui, Desai & Yanco, 2012).

Nachhaltiger Erfolg durch empathische Zusammenarbeit?

Besonders im Bereich der Teamarbeit ist Empathie ein essentieller Erfolgsfaktor. Wer es schafft, Hürden innerhalb eines Teams abzubauen und langfristig eine offene, inklusive Kommunikation zu ermöglichen, schafft nicht nur eine bessere Arbeitskultur, sondern sichert sich langfristigen Erfolg. Probleme können schneller erkannt, Fehler produktiver verarbeitet und einzelne Stimmen klarer gehört werden.

 

Um langfristig erfolgreich sein zu können, ist gute Teamarbeit also unentbehrlich. Mit Beginn der Pandemie hat gerade der Umstieg auf digitale Kommunikationstools soziale Interaktionen deutlich verändert. Was geschieht, wenn wir in die Stille grauer Kacheln hineinsprechen? Wer zieht sich zurück? Wie können wir Online-Treffen trotz Zoom-Müdigkeit mit gedanklicher Präsenz, Fokus und Engagement durchführen? Um aufeinander zu achten und produktiv arbeiten zu können, müssen wir auch unsere Methoden anpassen.

Ein Booklet mit 15 Übungen zur digitalen Empathie

Verschiedene Fähigkeiten, Praktiken und Bedingungen können Empathie im digitalen Raum fördern. Während die Qualität der digitalen Kommunikation (z. B. Internetempfang) sowie die Wahl des Kommunikationskanals (das Videogespräch ist persönlicher als eine E-Mail) noch vor der eigentlichen Interaktion Empathie begünstigen, gibt es konkrete Aktivitäten, die uns helfen können, empathische Beziehungen zu etablieren.

 

So hat sich das Team des Social Change Hub der Leuphana Universität Lüneburg näher mit der Problematik auseinandergesetzt. Mit der Überzeugung, dass gute digitale Zusammenarbeit auch in einer postpandemischen Zeit relevant bleiben wird, stellte das Team verschiedene Übungen zusammen, die die digitale Empathie fördern und somit die Online-Zusammenarbeit verbessern sollen. Das Booklet umfasst kurze und einfache Einstiegsübungen, intensive Übungen sowie Reflexionsübungen, die für eingespielte Teams und neue Gruppenkonstellationen geeignet sind.

Empathie üben für Einsteiger*innen: Achterbahn

Diese spielerische Methode schafft ein starkes gemeinsames Bild von den Gefühlen in der Gruppe. Checking-in mit der Achterbahn ist eine einfache Möglichkeit ein Meeting oder einen Workshop zu beginnen. Durch die Metapher der Achterbahn unterstützt diese Version die Teilnehmenden dabei neu über ihre Gefühle nachzudenken. Hierfür öffnet eine Person das Whiteboard und zeichnet eine Wellenlinie, die einer Achterbahn mit Loopings, steilen Abschnitten und flachen Abschnitten ähnelt. Alle Teilnehmenden werden gebeten, sich auf der Achterbahn einzuzeichnen und zu teilen, warum sie sich an jener Position verorten. So kann die emotionale Temperatur der Gruppe gemessen und potenzielle Ängste, Sorgen oder Bedürfnisse aufgedeckt werden.

Empathie üben für Fortgeschrittene: Wertschätzende Interviews

Durch Austausch und Selbstreflexion werden die Ursachen von Team-Erfolgen identifiziert, um darauf aufzubauen. Zunächst berichten die Teilnehmenden in Zweierteams über Situationen, in denen sie mit anderen an einer Herausforderung gearbeitet haben und stolz auf das Erreichte sind. Was hat den Erfolg möglich gemacht? Nachdem sie die Antworten gesammelt haben, überlegen sie zunächst für sich selbst und dann zu zweit, wie sie in diese Bedingungen und Faktoren investieren können und welche Möglichkeiten sie sehen, mehr zu tun. In erweiterten Vierergruppen teilen sie jeweils die Geschichten ihrer Partner*innen, während die anderen auf Muster achten. Abschließend werden die Breakout-Räume aufgelöst und die Ergebnisse in der Gesamtgruppe diskutiert (idealerweise werden diese auf einem Whiteboard festgehalten). Durch das Teilen persönlicher Geschichten wird aktives Zuhören trainiert und Anonymität reduziert.

 

Details zu diesen Übungen und viele weitere Übungen zum Ausprobieren findet ihr in dem Booklet. Ihr lernt dabei mehr digitale Empathie durch:

Das Booklet steht für alle frei zugänglich hier zum Download bereit. Bei Fragen und Anmerkungen, sendet uns eine Nachricht an [email protected] Das SCHub-Team wünscht viel Spaß beim Ausprobieren!

 


 

Lena Kostuj studiert Kulturwissenschaften, arbeitet für das Social Change Hub (SCHub) der Leuphana Universität Lüneburg und interessiert sich für Arbeitsbedingungen im digitalen Raum. Das SCHub ist eine Einrichtung des Centre for Sustainability Management (CSM) der Leuphana Universität Lüneburg. Es unterstützt Studierende dabei, unternehmerische, nachhaltige und emotionale Kompetenzen zu entwickeln, um auf dieser Grundlage eine gesunde, gerechte, innovative und mitfühlende Welt zu gestalten.

 

Referenzen

 

Powell, P. A., & Roberts, J. (2017). Situational determinants of cognitive, affective, and compassionate empathy in naturalistic digital interactions. Computers in Human Behavior, 68, 137-148.

 

Tsui, K. M., Desai, M., & Yanco, H. A. (2012, March). Towards measuring the quality of interaction: communication through telepresence robots. In Proceedings of the workshop on performance metrics for intelligent systems, 101-108.