Hunderte Menschen entscheiden gemeinsam und gleichberechtigt über ein einziges Unternehmen. Was wie eine Utopie klingt, ist jetzt schon Realität – beim Getränkehersteller Premium. Auch deswegen sagt Gründer Uwe Lübbermann: Das eigentliche Produkt sind nicht Cola oder Bier, sondern ein Betriebssystem für Konsensdemokratie in Unternehmen. Ein Interview

 

 

Die Cola von Premium zeichnet sich vor allem durch den maximal möglichen Koffeinwert von 250 Milligramm pro Liter aus. Aber was macht das Unternehmen Premium so besonders?

Drei Dinge. Zuallererst versuchen wir, Unternehmen neu zu denken. Bisher betrachtet man das als geschlossenes System, was in unserer netzwerkartigen Wirtschaft aber gar nicht mehr geht. Wir wollen alle, von denen Premium betroffen ist und die von Premium betroffen sind, in die Organisation einbinden. Das zweite ist unsere Definition von „Erfolg“. Das macht man normalerweise an Geld fest, bei Premium ist das aber nur einer von sechs Aspekten. An oberster Stelle steht die Gleichberechtigung aller Beteiligten: Jede Zulieferin, jede Mitarbeiterin, jede Kundin ist gleichberechtigt. Das treiben wir mit unserer Konsensdemokratie, mit der wir alle Entscheidungen im Unternehmen treffen, auf die Spitze. Und das Dritte ist das Ergebnis, was dabei entsteht.

Okay, einen Schritt zurück: Konsensdemokratie in einem Unternehmen? Das musst Du erklären.

Bei uns kann jeder, der irgendwie von Premium betroffen ist, mitbestimmen: Endkundinnen, Lieferantinnen, Mitarbeiterinnen. Jede unternehmerische Entscheidung wird von diesem Kollektiv einstimmig getroffen, jeder Beteiligte kann ein Veto einlegen.

Und das funktioniert?

Seit 15 Jahren. Es gibt nur äußerst selten Querulanten, die alles blockieren. Man braucht einen Plan B, falls man sich lahmlegt. Stecken wir fest, kann ich mit einer Art Notstandsgesetz eingreifen und eigenständig entscheiden. Das musste ich aber erst drei Mal machen.

Warum?

Zwei Mal ging es um die Gestaltung der Etiketten – einmal um ein Kunstbildchen auf der Rückseite, einmal um eine Textzeile vorne drauf. Ein drittes Mal mussten wir eine fehlproduzierte Charge Cola zurückrufen. Da sind wir gesetzlich verpflichtet, sofort zu handeln, da kann man nicht erst ein Kollektiv von 2000 Leuten befragen. Ansonsten läuft das System aber problemlos.

Was macht ihr noch anders?

Wir machen vieles falsch, wenn man in der klassischen BWL denkt. Ein Beispiel sind Gewinne: Natürlich brauchen wir die schwarze Null, um weiter bestehen zu können. Aber alles, was darüber hinausgeht, geht auf die Kosten anderer. Deswegen verzichten wir auf Gewinne – genauso wie auf Werbung, Verträge, feste Arbeitszeiten und -orte, und verschiedene Löhne. Wir hatten noch keinen Rechtsstreit, eine Steuerprüfung ohne Beanstandung, mit Behörden gab es auch noch keine Probleme. Was wir machen ist total systemkonform – was manchmal schon fast schmerzhaft ist.

Aber es gibt doch sicherlich auch Nachteile.

Man muss am Anfang sehr viel Zeit und Arbeit investieren. Im ersten Jahr von Premium haben wir endlose Diskussionen geführt, das war manchmal anstrengend. Außerdem braucht es eine gewisse Zeit, wenn neue Dinge entschieden werden müssen: Man muss erst alle befragen, Meinungen einholen und so weiter. Aber wenn es einmal eine Entscheidung gibt, in der alle Beteiligten, Meinungen und Bedürfnisse abgebildet sind, hat man deutlich weniger Stress.

Euer Konzept funktioniert vielleicht bei Premium, weil Ihr ein sehr kleines Unternehmen seid. Coca Cola würde sich Konsensdemokratie wahrscheinlich etwas schwerer tun.

Sicherlich, aber dann muss die Antwort eine andere sein. Da halte ich es mit Niko Paech und seiner Postwachstumsökonomie: Wir müssen zurückkommen zu Organisationsgrößen, die man noch sozialverträglich bewegen kann. Wenn das nicht geht, muss das Unternehmen kleiner werden.

Außer zu große Unternehmen: Für wen ist das Premium-Konzept noch nichts?

Wo es mit Konsensdemokratie schwierig wird, sind zeitkritische Organisationen wie ein Notarzt-Team. Außerdem gibt es Produkte, die von sich aus bereits darauf ausgelegt sind, ihre Benutzer zu benachteiligen, Zigaretten zum Beispiel. Die machen qua Definition süchtig. Würde man das mit Kunden ausdiskutieren, wäre damit womöglich bald komplett Schluss. Der Extremfall sind natürlich Rüstungsunternehmen. Auf die Spitze getrieben müsste man die Menschen, auf die die Panzer nachher schießen werden, fragen: Wollt ihr das? Auch da sollte die Antwort klar sein. Ansonsten kann unser Konzept aber in jedem Unternehmen – schrittweise und langsam eingeführt – zu Verbesserungen führen; vor allem was Klugheit, Soziales und Effizienz anbelangt.

Die Entscheidungen, die das Kollektiv trifft, sind also automatisch besser?

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Ich persönlich würde sagen ja, aber das kommt ganz auf den Standpunkt an. Ich verdiene wie alle anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen Einheitslohn von 18 Euro brutto die Stunde. Viele würden sagen, das ist für einen Inhaber und Geschäftsführer lächerlich wenig, ich stelle mich damit schlechter. Grundsätzlich können wir aber durch unseren Ansatz alle Beteiligten einbeziehen und so eine breitere Informationsbasis schaffen. Wir müssen letztlich eine Entscheidung treffen, mit der jeder einverstanden ist. So wird niemand ausgebeutet.

Außer der Gründer, der siebeneinhalb Jahre ohne Lohn an dem Projekt arbeitet und sein ganzes Herzblut in die Firma steckt.

Nein. Es ist ja nicht so, dass ich für Premium alles hingeschmissen habe. Das ist mein Rat an alle Gründer: Lasst Euch Zeit, macht langsam! Denn was ist die Alternative? Businessplan schreiben, Investoren suchen, Job kündigen und in drei Jahren den Break-even schaffen? Vor allem in einer Situation, in der man meistens noch keinerlei Erfahrung hat. Da ist es doch besser, einen Job zu behalten, der einen ernährt und nebenbei an dem eigenen Projekt zu arbeiten – so schnell es geht und so lange es eben dauert.

Braucht es dann überhaupt noch ein BWL-Studium oder MBA-Programme?

Ich habe selbst recht spät angefangen zu studieren, Wirtschaftspsychologie. Da gab es nur einen kleinen Teil BWL, aber allein das war furchtbar. Man verkauft den Studierenden so viel als „So läuft’s halt“, wo ich aus meiner Praxis weiß, es läuft auch anders. Diese Studiengänge bringen Dir was, wen Du im konventionellen System arbeiten willst. Wenn Du etwas Unkonventionelles aufbauen willst, bringen sie dir herzlich wenig.

Was muss man Deiner Meinung nach als Gründer noch können?

Entsprechend dem Gedanken von Premium rate ich jedem: Frag’ alle, auf die Du Dich auswirken wirst und die sich auf Dich auswirken werden. Bau sehr viel von deren Wünschen und Bedürfnissen ein, dann hast Du am wenigsten Probleme. Dann sind auch Deine Chancen höher, dass es wirklich was wird. Was ich allen mitgeben möchte ist ein gesundes Maß an Sturheit beim Verfolgen der eigenen Ziele. Auch wenn alle sagen, das ist Quatsch, das steht doch so nicht im BWL-Buch. Wenn Du meinst, Du willst das machen, dann arbeite darauf hin – und gib nicht nach ein oder zwei Jahren auf, sondern zieh’ das durch.

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Aber kann diese Sturheit nicht irgendwann zum Problem werden?

Natürlich braucht es auf dem Weg auch Flexibilität, die Maßnahmen zu ändern. Das lässt sich gut mit einem Segelboot vergleichen: Du kannst Dich vorbereiten, dir einen Plan und Kurs zurechtlegen. Man muss aber täglich improvisieren. Sobald Du losfährst, ist der Plan schon hinfällig.

Apropos: Pläne für die Zukunft, abseits von Premium?

So viel kann ich verraten: Ich will bald – nach der Getränkeindustrie – zwei weitere Branchen ärgern.

Das klingt, als hättest Du den Glauben an das System schon verloren.

Weil das System zutiefst krank ist. Viele sagen ja: Wieso, läuft doch ganz gut. Ja, für Euch vielleicht, weil Ihr hier geboren seid, weil Ihr hier relativ sicher leben könnt, zur Schule gehen könnt. Aber das System funktioniert überhaupt nicht. Man muss sich nur einmal anschauen, wo die eigene Kleidung herkommt und wovon man indirekt profitiert. Das System verteilt nur um. Da geht es auch nicht darum, dass irgendjemand ein größeres Auto hat – sondern da sterben ganz real Menschen.

Wie ginge es denn besser?

Ich wäre gerne so klug, das zu wissen. Wenn ich so schlau wäre, würde ich das System gerne stürzen – bin ich aber nicht. Ich habe Angst, dass es ganz schön fies wird, wenn man das System stürzt oder es sich irgendwann selbst umkippt. Wir sind einfach zu abhängig. Ich frage an Unis oder in Vorträgen gerne: Wer von Euch kann noch selbst Nahrung anbauen? Da kommen maximal ein oder zwei Hände, das geht mir nicht anders. Auch ich bin auf das landwirtschaftliche System angewiesen.

Also doch kein großer Umsturz.

Irgendwann werden wir an natürliche Grenzen stoßen, dann wird uns der Planet unsere Grenzen aufzeigen. Und ich befürchte, dass wir Menschen kollektiv zu doof sind, das vorher zu erkennen. Dafür ist unsere Lebenserwartung schlicht zu kurz. Du denkst vielleicht noch an Deine Enkelkinder, dann war’s das aber auch. Ein kompletter Umsturz des Systems wäre zu großen Teilen wünschenswert, aber wir brauchen es einfach. Deswegen müssen wir es wandeln und nicht wechseln. Ich wüsste auch gar nicht, zu welchem anderen System man wechseln könnte. Das wird mir und Premium oft vorgeworfen: Obwohl wir uns selbst durchaus als linksalternativ sehen, heißt es dann, wir wollten den Kapitalismus nur kuschelig machen. Den Gedanken kann ich nachvollziehen. Aber was ist die Alternative?

 

Dieser Artikel erschien zuerst im enorm Magazin.