Wir stehen in der Pflege- und Gesundheitswirtschaft vor vielen Herausforderungen und Problemen. Um das System für alle Beteiligten fairer und lebenswerter zu gestalten müssen Unternehmen und die Politik viel ändern. Immer wieder gibt es aber auch einzelne Initiativen und Einrichtungen, die sich für verschiedene Aspekte einsetzen, die wir als GoodJobs auch als Kriterien für eine GoodCompany sehen. Zu den GoodJobs Kategorien gehören u. a. die Umwelt zu schützen, Gesellschaft fair zu gestalten, Wissen zu vermitteln, Menschen zu helfen und bewusst zu wirtschaften. Auch Fairness gegenüber der eigenen Mitarbeiter*innen ist ein wichtiger Aspekt. 

Die folgenden Unternehmen sind sicherlich nicht perfekt, allerdings schaffen sie einen persönlichen Impact in verschiedenen Bereichen. Wir finden, dass es diesen zu unterstützen gilt. Vielleicht kann sich der*die ein oder andere von diesen Verbesserungen inspirieren lassen und wir können gemeinsam lösungsorientiertes Handeln fördern.

 

Immanuel Seniorenzentrum (Berlin)

In dieser Pflegeeinrichtung für ältere Menschen mitten in Berlin Schöneberg wird das Pflegepersonal aktiv mit in den Planungsprozess einbezogen. Festgelegter Dienstplan der Führungsebene? Fehlanzeige. Die Leitung gibt die Dienstpläne in blanko heraus, die die Mitarbeiter*innen selbstständig ausfüllen. Wie die Schichten zu besetzen sein sollten wird auch vom Team entschieden. Dieses System hat für eine höhere Mitarbeitendenzufriedenheit, weniger getauschte Schichten und so auch für eine höhere Arbeitsqualität geführt. 

Als bundesweit erstes Pflegeheim hat das Immanuel Seniorenzentrum 2018 auch das Qualitätssiegel „Lebensort Vielfalt“ erhalten, welches eine Garantie für die LGBTQI-Community gibt, dass sie in dieser Pflegeeinrichtung einen geschützten Raum finden und die Pflege und Zuneigung erhalten, die allen Menschen zusteht. Wir finden, dass sollte selbstverständlich sein, allerdings sind solche Bemühungen in der noch sehr diskriminierenden Gesellschaft in der wir leben, von enormer Wichtigkeit.

Was wir auch besonders inspirierend finden, ist die Kategorie „Schöneberger Leben“ auf der Webseite des Seniorenzentrums. Dort werden diverse Geschichten von Bewohner*innen oder Mitarbeitenden gesammelt, die ihr Leben Revue passieren lassen. Menschen zuzuhören und ihnen eine Plattform zu geben ist das Wichtigste, was wir tun können, um eine vielfältige Gesellschaft zu fördern.

 

Mindful Doctor 

Das Gesundheitswesen benötigt gesunde Mitarbeiter*innen, das ist klar. Mindful Doctor ist eine Initiative, die aus Ärzt*innen besteht, welche Teamkulturen und Organisationsstrukturen in Krankenhäusern verbessern wollen. Um dies zu erreichen organisiert Mindful Doctor jährliche Konferenzen und regelmäßige Webinare, die Arbeitnehmer*innen in der Branche zu den Themen Achtsamkeit, Kommunikation, nachhaltige Gesundheit, Umweltbewusstsein, Digitalisierung und Wandel in der Medizin informieren und inspirieren soll. 

Das Unternehmen hat es geschafft, eine Plattform zu erschaffen, auf der sich Ärzt*innen über das „Krankenhaus der Zukunft“ austauschen können. Die nächste (Online) Konferenz findet Ende September statt. 

 

Voize

Das Startup hat einen digitalen Sprachassistenten entwickelt, mit dem Pflegekräfte Dokumentationen am Smartphone einsprechen und sich so automatisch strukturierte Dokumentationseinträge in ihr System generieren lassen können. In der Entwicklung hat Voize eng mit Pflegekräften zusammengearbeitet, um herauszufinden, vor welchen Problemen sie stehen und diese zu lösen. Digitale Innovationen haben großes Potenzial, Pflegekräfte bei dem enorm großen Arbeitsaufwand zu entlasten und so bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen. Natürlich funktioniert dies nicht nur mit einem digitalen Sprachassistenten, er kann allerdings eine Unterstützung darstellen.

 

Kreiskliniken Reutlingen (Baden-Württemberg)

In der Nähe von Stuttgart versuchen drei Kliniken, mehr Transparenz in die Gehaltsstrukturen zu integrieren. In Stellenanzeigen werden seit Mitte März diesen Jahres Gehaltsspannen angegeben. Auch wenn in vielen Arbeitsbereichen Tarifverträge gelten, haben viele Bewerber*innen im Vorfeld Schwierigkeiten, den richtigen Tarifvertrag mit der richtigen Entgelttabelle zu finden. Transparente Gehaltssysteme können in Stellenanzeigen und auch der Arbeitswelt der Zukunft allgemein dafür sorgen, dass im außertariflichen Bereich unter anderem stärker gegen den Gender Pay Gap vorgegangen werden. Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung!

Bei der Recherche wurde auch deutlich, dass die Kliniken es schaffen, Mitarbeiter*innen die Unterstützung zu bieten, die sie für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie benötigen, was in der Gesundheitswirtschaft leider noch immer nicht selbstverständlich ist.

 

Who Cares - App

Care Arbeit, also sich kümmern - meist unbezahlt - ist in unserer Gesellschaft noch immer sehr weiblich konnotiert. Obwohl heutzutage die Frauen-Erwerbsquote bei knapp 47% liegt, was zumindest ein geringer Anstieg in den letzten Jahrzehnten darstellt, fällt die Sorgearbeit zuhause meist auf die Frauen zurück, selbst wenn beide Partner*innen erwerbstätig sind. Die App „Who Cares“ versucht, Sichtbarkeit für unbezahlte Care Arbeit zu schaffen. Du kannst deine tägliche Sorge- und Pflegearbeit zeitlich erfassen und dir in Lohn umrechnen lassen. In übersichtlichen Statistiken wird dargestellt, für welche Tätigkeiten wie viel Zeit in Anspruch genommen wird. Die Ergebnisse können dann im Haushalt gemeinsam als Diskussionsgrundlage für eine zukünftig bessere Organisierung dieser Aufgaben genutzt werden.

 

Sozial-Holding Mönchengladbach

Der Träger der städtischen Altenheime versucht auch, ganz nach New Work Manier, die Mitarbeiter*innen mit in die Entscheidungsprozesse zu integrieren. Die Führungskräfte der Einrichtungen wurden mithilfe externer Unterstützung darin geschult, mit ihren Mitarbeiter*innen eine Zukunftswerkstatt zur Leitbildentwicklung durchzuführen. So konnten die Pflegekräfte ihre Erfahrungen, Wünsche und Bedürfnisse mit in das Gespräch einbringen und gemeinsam einen noch wertschätzenden Arbeitsalltag ermöglichen.

Auch in Nachhaltigkeitsaspekten hat die Sozial-Holding Mönchengladbach erste Maßnahmen umgesetzt. So wird unter anderem Bio-Essen serviert, das Projekt „Klimaretter-Lebensretter“ unterstützt, eigene Photovoltaikanlagen genutzt und Mitarbeitende für die Thematik des Energiesparens sensibilisiert.

 

Das Buurtzorg-Modell

Der niederländische Krankenpflegedienst wurde 2007 von vier Pflegenden gegründet und heute arbeiten über 10.000 Mitarbeitende in mehr als 700 selbstorganisierten Teams. Zentrale Merkmale des Modells „Buurtzorg“ sind Selbstorganisation, eine ganzheitlich ausgerichtete Pflege und der intelligente Einsatz von IT-Anwendungen. Ein wichtiges Ziel des Modells ist die Förderung und der Erhalt der Selbstständigkeit der Gepflegten durch die Einbeziehung des gesamten sozialen Umfeldes sowie der Entwicklung eines individuellen Pflegeplans. Die Pflegekräfte rechnen nach einem pauschalen Stundensatz ab und entscheiden selbst, wieviel Zeit sie für eine solche Pflege aufwenden. Für eine zu pflegende Person kommen maximal drei bis vier Pflegekräfte, welche idealerweise aus der direkten Umgebung kommen. Die Pflegeteams organisieren alles selbst, von Weiterbildungen, der Tourenplanung, der Einstellung neuer Kolleg*innen bis hin zur Verwaltung der Finanzen – alles ohne Chef*in. Diese Selbstorganisation hat den Vorteil, dass das mittlere Management wegfällt und die Verwaltungskosten so erheblich reduziert werden können.

 

Auch in Deutschland gibt es jetzt ein paar Teams, die nach dem niederländischen Erfolgsmodell der „Nachbarschaftshilfe“ arbeiten. Leider benötigen die Teams aber eine Sondergenehmigung bei der Krankenkasse für die Abrechnungsform nach Stundensätzen - diese Art der Pflege ist leider noch ausschließlich als Modellprojekt angelegt. Die Voraussichten stehen allerdings gut: Pflegedienste in 24 Ländern haben ihre ambulante Betreuung an dem Buurtzorg-Modell ausgerichtet.

 

Ich und Du Pflege GmbH (Freiburg im Breisgau)

Inspiriert von dem Buurtzorg Modell liefert der Pflegedienst ein menschenzentriertes Modell der Pflege, nicht nur für die zu pflegenden Personen, sondern auch für die Mitarbeitenden. Familien oder Physiotherapeut*innen der zu pflegenden Personen werden in den Prozess miteinbezogen. Auch in diesem Pflegedienst wird nichts von Hierarchien in der Teamarbeit gehalten, es gibt keine Teamführung. Diese New Work Strategie sorgt zwar für mehr Verantwortung, aber auch für mehr Selbstständigkeit und Motivation.

Was wir zudem cool finden: Die Ich und Du Pflege GmbH ist auch Mitglied der Entrepreneurs for Future!

 

Evangelisches Krankenhaus Hubertus (Berlin)

In einem Nebengebäude, abseits der Patient*innenversorgung, produziert das Krankenhaus in Zehlendorf seine eigene Wärme mit einem erdgasbetriebenen Generator. Durch entstehenden Strom und Abwärme kann die Klinik sich selbst effektiv versorgen und zeigen, dass ein Krankenhaus nicht zwangsläufig veraltete Technik nutzen muss. Als erstes Krankenhaus in Deutschland überhaupt erhielt es 2001 das Siegel „Energie sparendes Krankenhaus“ des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Die Modernisierung war nur durch ein “Energie-Einspar-Contracting” möglich – die Kosten der Maßnahmen werden nach und nach bei der durchführenden Firma mit den eingesparten Energiekosten abbezahlt. Insgesamt reduzierten sich der Strombezug des Krankenhauses um 75 Prozent und die Energiekosten um 43 Prozent. Zudem bewässern sie ihre Parkanlage ausschließlich mit selbst aufgefangenen Regenwasser.

 

 

All diese Unternehmen und Initiativen setzen sich auf die ein oder andere Art dafür ein, dass die Pflege- und Gesundheitswirtschaft für alle Parteien fairer und lebenswerter wird. Diese Liste hat natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit - gern teilen wir mehr innovative Projekte! Ihr kennt wen oder setzt selbst ein spannendes Projekt um? Wir freuen uns über eure Kontaktaufnahme! Unser Ziel ist es, uns für eine gesellschaftliche Aufwertung von Berufen im Gesundheitssektor einzusetzen und eine Plattform zum Austausch zwischen Betrieben und Arbeitssuchenden zu schaffen. Hier könnt ihr mehr über unsere Kampagne erfahren!