Nach TV-Eklat bei Höhle der Löwen: Unser Gründer Paul Berg kommentiert warum wir die Deutungshoheit über die Sinnhaftigkeit von Sozialunternehmen nicht Ramschverkäufern in einer Fernsehshow überlassen dürfen:

Im Rahmen der Fridays-for-Future-Bewegung gehen aktuell Millionen von Menschen auf die Straße, um sich für eine klimagerechte Welt einzusetzen. Vor einer Woche stand besonders das neue Klimapaket der Bundesregierung im Fokus. Auf dem UN-Klimagipfel schleuderte Greta Thunberg fast zeitgleich Regierungschefs aus aller Welt ihre potentiell geschichtsträchtige „How dare you“-Rede an den Kopf.  

Viel zu selten allerdings halten diejenigen als Adressaten her, die nicht nur die größten Klimasünder sind, sondern auch noch den stärksten Hebel für Veränderung in der Hand halten: Manager*innen und Unternehmer*innen. Für einen gesellschaftlichen Wandel brauchen wir nicht nur die Zivilgesellschaft und Politik, sondern eben auch die Wirtschaft. Deshalb war es ein wichtiger Anfang, dass sich letzten Freitag einige (meist sozialunternehmerische)  Firmen mit der Bewegung solidarisierten und als „Entrepreneurs 4 Future“ Verantwortung gezeigt haben, indem sie mit ihrer gesamten Belegschaft in den Klimastreik gegangen sind. Natürlich waren wir mit GoodJobs auch am Start.

Raphael Fellmer ist Umwelt-Aktivist UND Sozialunternehmer

Einer, der im Vorfeld wochenlang Organisationen davon überzeugt hat bei diesem Klimastreik mitzumachen, ist der Aktivist und Unternehmer Raphael Fellmer. Der Mitgründer von Foodsharing.de setzt sich seit gut einem Jahrzehnt für Umwelt- und Ressourcenschutz ein, lebte 5 Jahre lang in einem Geldstreik, um auf die heutige Überflussgesellschaft aufmerksam zu machen und betreibt mit Sirplus seit 2017 ein Social Impact Startup (in unserem Podcast hat er seine ganze Geschichte erzählt). Bei Sirplus werden überschüssige Lebensmittel zurück in den Kreislauf geführt, indem sie in sogenannten Rettermärkten oder im Online-Shop günstiger weiterverkauft  werden, anstatt in der Mülltonne zu landen. Auf diese Weise setzt sich Raphael Fellmer mit seinen knapp 100 Sirplus-Kolleg*innen gegen Lebensmittelverschwendung und für Ressourcenschutz ein. Langfristig sorgt so ein Konzept nämlich dafür, dass die Nachfrage nach Neuware in kommerziellen Discountern sinkt, insgesamt weniger Lebensmittel produziert werden und die Umwelt weniger belastet wird. Tolles, aber recht simples Konzept sollte man meinen.

Der TV-Eklat bei DHDL...

Nun bewarb sich am Dienstag nach Klimastreik und Klimagipfel, der gleiche Raphael Fellmer mit seinem Unternehmen Sirplus bei der reichweitenstarken Fernsehshow „Die Höhle der Löwen“ auf das Geld von Promi-Investoren, um das Konzept seiner Rettermärkte in ganz Deutschland ausrollen zu können. Leider ohne Erfolg. Schlimmer noch: Er wurde nicht nur zerrissen, sondern musste sich vor einem Millionenpublikum besonders von dem Investoren Georg Kofler (seine eigene Vita liest sich wie ein Gruselkabinett deutscher Wirtschaftsgeschichte: ehem. Mitarbeiter von Leo Kirch, Prosieben, Premiere, HSE24 Teleshopping,  Rhein-Ruhr Energie) persönlich beleidigen und als unglaubwürdigen Kapitalisten darstellen lassen:

"Was mich fundamental stört, ist euer moralisierendes Schöngerede von eurem Geschäftsmodell", so Kofler in der Show. "Ihr sagt: Lebensmittel retten – ne! Ihr kauft Lebensmittel günstig ein und verkauft sie teurer weiter. Ihr macht ein normales kaufmännisches Geschäft und tretet hier an wie die Moralapostel, die die Welt retten wollen". Außerdem sei Raphael Fellmer ein verlogener Selbstdarsteller und "obergieriger Kapitalist", der sich als "etwas Besseres" darstelle, da seine Frau zum Ende seines 5 jährigen Geldstreiks das staatliche Kindergeld benutzt hat, um die Krankenkasse seines Neugeborenen zu bezahlen.

Hier zum Zusammenschnitt der Show  

Mehr als nur ein "Ausraster"

Jeder normale Mensch, der Raphael kennt oder sich mit seiner Person auseinandergesetzt hat, wird hierbei nicht nur wütend, sondern muss richtig schlucken.

Die gleichen Medien, die zuvor Greta Thunberg und ihre die Fridays-for-Future-Bewegung gefeiert haben, kulten den Ausraster des Star-Investors ab und bemerken mit Randnotiz, dass Raphael entgegen der Meinung von Kofler eigentlich doch ein ganz guter Typ sei. Die Show, Koflers gedankliche Fehlleistungen, sein respektloser Ausraster und die diesbezüglich ausbleibende kritische Empörung der Öffentlichkeit dazu sind für mich nicht nur ein Fall von kollektivem Versagen, sondern Sinnbild für ein grundlegendes Problem unserer Gesellschaft. Wir sind immer noch blind für die Auswüchse des Kapitalismus und verkennen das Potential von alternativen Wirtschaftsformen als Chance für einen gesellschaftlichen Wandel. Selbst, wenn diese Chance direkt vor uns steht.

Das Potential von nachhaltigen Unternehmen wird verkannt

Wenn das geldgierige Wirtschaftstier Georg Kofler, das jahrzehntelang mit wahlweise menschenverachtenden oder umweltschädlichen Inhalten skrupellos  Millionen gescheffelt hat, einen lupenreinen Aktivisten und Sozialunternehmer wie Raphael in aller Öffentlichkeit vor einem Millionenpublikum beschimpft und alternative sozialunternehmerische Wirtschaftskonzepte (die wir dringend brauchen) als verlogenere Form von Kapitalismus diskreditiert, dann verdient das nicht nur eine kleine Richtigstellung als Randnotiz. Das war eine Chance für soziales und nachhaltiges Unternehmertum mit einem wirkungsvollen Konzept an eine breite Öffentlichkeit zu gelangen und wir überlassen die Deutungshoheit über die Sinnhaftigkeit einer solchen Alternative den Ramschverkäufern und Drückerbaronen aus der „Die Höhle der Löwen“-Jury. Georg Koflers Ignoranz und Respektlosigkeit mit der er Raphael Fellmer persönlich angeht und seinen Geldstreik nicht nur marginalisiert sondern auch noch unrechtmäßig missbilligt ist ohnehin nicht zu toppen. Aber darüber hinaus schien die gesamte Jury das Wirkungsmodell von sozialem Unternehmertum und insbesondere von Sirplus nicht verstanden zu haben, weil es nicht auf das Abschöpfen einer reinen Arbitrage fokussiert ist, sondern bei Erfolg dazu führt, dass insgesamt Millionen Tonnen von Ressourcen geschont werden und auf das wichtigste Thema unserer Zeit, den Umweltschutz, aufmerksam macht. Also sind Koflers Aussagen nicht nur unverschämt und dämlich, sondern auch noch grob fahrlässig, da z.B. im Falle von Sirplus das gesamte Konzept der Lebensmittelrettung als wirkungslos dargestellt wird. Außerdem: Wie kann Raphael Fellmer ein "geldgieriger Kapitalist" sein, wenn er 80% (!) der Gewinne von Sirplus in nachhaltige Projekte steckt und der Kernzweck seines Unternehmens im Ressourcenschutz liegt?

Wir brauchen Sozialunternehmer

In den letzten Jahren sind in Deutschland ganz still und leise beeindruckende Sozialunternehmen entstanden, die sich entgegen der herkömmlichen kommerziellen Wirtschaft nur betriebswirtschaftlicher Instrumente bedienen, um ein gesellschaftliches Problem zu lösen. Unternehmer*innen wie Joana Breidenbach, Armin Steuernagel,  Raphael Fellmer oder Christian Kroll verzichten auf hohe Gehälter (Fellmer zahlt sich 2.500€ brutto aus) und verschenken teilweise ihre Firmenanteile im Wert von Millionen von Euro, weil sie an einen gesellschaftlichen Wandel durch soziale Unternehmen glauben. Wenn wir überhaupt eine Chance haben wollen, die Zukunft ökologisch und sozial zu gestalten, sind wir auf solche alternativen Vorbilder angewiesen. Wenn Raphael Fellmer ein geldgieriger Kapitalist ist, weil er Geld für ein soziales Unternehmen sammelt, dann brauchen wir mehr solcher geldgieriger Kapitalisten und eine Öffentlichkeit, die das anerkennt!