Das bedingungslose Grundeinkommen bedeutet eine grundsätzliche Veränderung der Arbeitswelt. Denn bedingungslos zu arbeiten, erlöst vom Arbeitszwang, beruht auf Freiwilligkeit. Welche Möglichkeiten sich daraus für uns selbst bis hin zum Klimaschutz ergeben, das haben wir Philip Kovce, Ökonom und Philosoph, gefragt. Er ist Experte und Vordenker, wenn es ums Grundeinkommen geht, und hat kürzlich den Sammelband „Bedingungsloses Grundeinkommen. Grundlagentexte“ herausgegeben. Darin zeigt er, wie das Grundeinkommen vom 16. bis ins 21. Jahrhundert immer wieder als Mittel zur Armutsbekämpfung und als Freiheitsgarant diskutiert wurde. Warum es ausgerechnet heute an der Zeit ist und wie es die Arbeitswelt konkret verändert, das hat er uns im Interview erzählt.

Philip, Du betonst immer wieder, dass das bedingungslose Grundeinkommen ein Grundrecht ist. Warum?

Ein Grundeinkommen als Sozialleistung haben wir bereits. Ein solches Grundeinkommen ist jedoch nicht bedingungslos. Vielmehr ist es an Bedürftigkeit und Wohlverhalten gebunden und gehört zu den mehr oder weniger milden Gaben des modernen Sozialstaats. Siehe Hartz IV. Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist davon grundverschieden. Es ist keine Sozialleistung, sondern ein Grundrecht. Es ist kein Almosen der Reichen für die Armen oder der Starken für die Schwachen, sondern adressiert Bürger als Gleiche unter Gleichen. Bedingungslos. Kurz gesagt: Als Sozialleistung für wenige ist das Grundeinkommen alt. Als Grundrecht für alle ist das Grundeinkommen neu.

Wie funktioniert das bedingungslose Grundeinkommen und welche Auswirkungen würde es Deiner Meinung nach haben?

Das bedingungslose Grundeinkommen funktioniert im Prinzip ganz einfach. Alle finanzieren es mittels Steuern auf Leistung oder Verbrauch. Und allen garantiert es den existenzsichernden Anteil des Individualeinkommens. Praktisch führt das dazu, dass der latente Arbeitszwang von heute wegfällt. Freiwilligkeit wird zum Qualitätsstandard der Arbeit. Für schlechte Arbeitsbedingungen sieht es dann schlecht aus!

Sorgt das bedingungslose Grundeinkommen nur für bessere Arbeitsbedingungen oder zieht seine Wirkung weitere Kreise?

Das bedingungslose Grundeinkommen verändert die gesamte Gesellschaft. Es sorgt nicht nur für bessere Arbeitsbedingungen, sondern ebenfalls dafür, dass wir uns nicht mehr vorranging über Erwerbsarbeit definieren müssen. Wir sind viel mehr als das, wofür wir bezahlt werden. Insgesamt führt das bedingungslose Grundeinkommen dazu, dass sich unser angespanntes Verhältnis zu Arbeit und Einkommen lockert. Existenzielle Lebensfragen von der Berufs- bis zur Partnerwahl, von der Familien- bis zur Unternehmensgründung werden entökonomisiert, das heißt von finanziellen Erwägungen unabhängiger.

Bringt das bedingungslose Grundeinkommen damit auch den Umwelt- und Klimaschutz voran?

Zunächst stellt das bedingungslose Grundeinkommen eine Art sozialen Umweltschutz dar. Es schützt Menschen davor, auf dem Arbeitsmarkt finanziell erpresst und ausgebeutet zu werden. Dieser soziale Umweltschutz ist zugleich die beste Voraussetzung für einen Schutz der natürlichen Umwelt jenseits von Vorschriften und Verboten. Denn wer sich heute zwangsweise beschäftigen lassen muss, um sein Einkommen zu sichern, der gibt es danach oftmals auch noch zwanghaft für irgendwelchen Unsinn aus. Dieser ökologische Teufelskreis wird erst durchbrochen, wenn wir die Ausbeutung von Mensch und Natur stoppen und Menschenrechte und Naturschutz endlich zusammendenken.

Führen mehr Freiwilligkeit im Berufsleben und mehr Zeit für sich selbst automatisch dazu, nach Sinn zu streben?

Nein. Aber sie geben dem Bedürfnis danach mehr Raum. Wen äußere Zwänge dauerhaft stressen oder langweilen, der wird nicht nur unglücklich, sondern krank. Wer hingegen sein Schicksal nicht nur erleiden muss, sondern gestalten kann, dem stehen ganz andere Sinnhorizonte offen.

Wenn Sinn aber etwas Subjektives ist, gäbe es dann nicht die Gefahr, dass das Ganze in noch mehr Bullshit und Konsum endet?

Wenn das tatsächlich das wäre, was wir wirklich wollen, warum sollte es dann nicht dort enden? Ich bezweifle jedoch, dass es das ist, was wir wirklich wollen. Jedenfalls deutet nichts darauf hin, dass Bullshit und Konsum nachhaltig befriedigen. Eher sie sind eine Ersatzbefriedigung, die mehr mit Frust als mit Lust zu tun hat. Lust bereitet längerfristig vor allem, was nicht nur ich allein, sondern auch andere sinnvoll finden. Das befreit die Sinnsuche aus dem Subjektivitätsgefängnis.

Müsste nicht vor dem bedingungslosen Grundeinkommen eine komplette Veränderung des Wirtschaftssystems hin zu mehr Gemeinwohl statt blindem Wachstum stattfinden?

Wer die bessere Welt schon für den nächsten Schritt dorthin voraussetzt, der steht sich selbst im Weg. Das bedingungslose Grundeinkommen ändert von sich aus wenig, aber es ermöglicht viel. Unter anderem, dass wir uns gemeinwohlorientierter verhalten. Wenn ich nicht mehr um mein eigenes Einkommen kämpfen muss, dann kann ich den Bedürfnissen der anderen besser dienen. Damit ist viel mehr gewonnen als mit irgendwelchen überstürzten Systemwechseln. Das bedingungslose Grundeinkommen ist der nächste Schritt!


Philip Kovce, 32, Ökonom und Philosoph, forscht am Basler Philosophicum sowie an der Universität Witten/Herdecke. Er gehört dem Think Tank 30 des Club of Rome an und veröffentlichte jüngst im Suhrkamp-Verlag den Sammelband „Bedingungsloses Grundeinkommen. Grundlagentexte“.