Karriere

Geld für Sinn: Wie viel Gehalt du verlangen kannst

„Bitte geben Sie Ihre Gehaltsvorstellungen an“. Definitiv ein wichtiger Teil der Bewerbung! Denn auch wenn Umfragen zeigen, dass vielen der Sinn im Job wichtiger ist als ein hohes Gehalt – gerade ein GoodJob sollte fair bezahlt werden. Aber wie viel darfst du eigentlich verlangen?

Lea Thin, Julia Dillan

19.08.2021

Dein Anschreiben haut jede*n Personaler*in vom Hocker und dein Lebenslauf lässt keine Wünsche offen. Und dann das: „Bitte geben Sie Ihre Gehaltsvorstellungen an“. Definitiv eine wichtige Frage! Denn auch wenn diverse Umfragen zu dem Schluss kommen, dass vielen der Sinn im Job wichtiger ist als ein hohes Gehalt –  gerade ein GoodJob sollte fair entlohnt werden. Aber wie viel darfst du eigentlich verlangen?

Gehalt – zählen nur Qualifikationen und Arbeitserfahrung?

Unsere GoodJobs Userumfrage von 2019 ergab, dass 84 Prozent aller Befragten einen GoodJob einem Job mit höherem Gehalt vorziehen würden. Doch wann ist die Bezahlung gut, wann ist sie schlecht? Diese Frage kann man so pauschal nicht in Zahlen beantworten. Denn welches Gehalt zu dir passt, hängt von vielen Faktoren ab. Arbeitest du in Voll- oder Teilzeit? Wirst du viel reisen? Musst du auch nachts oder am Wochenende arbeiten? Bist du in einer Personalverantwortung? 
 
Letztendlich ist dein Gehalt aber auch eine Widerspiegelung deiner Qualifikationen und deiner Arbeitserfahrung. Als Berufseinsteiger*in wirst du sicherlich etwas niedriger stapeln müssen. Besonders fies: Viele Unternehmen zählen die Nebenjobs und Praktika während des Studiums nicht (voll) mit. Trotzdem war dein Einsatz nicht umsonst. Wer im Lebenslauf schon mit einschlägiger Praxiserfahrung glänzen kann, wird eher zum Vorstellungsgespräch eingeladen als ein reiner Vollzeitstudierender ohne jeglichen Plan vom Arbeitsalltag. Ähnlich ist die Lage für Quereinsteiger*innen. Zwar bringen sie oft nicht die klassische Qualifikation mit, die für eine Stelle verlangt wird, zusätzliche Berufserfahrung in anderen Bereichen können für potenzielle Arbeitgeber*innen allerdings durchaus relevant sein und dir einen Wettbewerbsvorteil im Bewerbungsprozess verschaffen.

Wie viel Geld benötigst du im Monat?

Neben den Faktoren, die für deine*n zukünftige*n Arbeitgeber*in eine Rolle bei den Gehaltsverhandlungen spielen, gibt es auch eine Reihe an Kriterien, die du für dich selbst reflektieren solltest. Denn auch, wenn du für ein kleines Social Business mit wenig finanziellem Spielraum arbeitest – du musst trotzdem mit deinem Gehalt deinen Lebensunterhalt bestreiten. Gerade mit Anfang Dreißig kann es wichtig sein, mehr Geld in der Tasche zu haben, um in Sachen Lebens- und Familienplanung voranzukommen. Oder hast du vielleicht schon eine Familie, die du mit deinem Lohn miternährst? Auch dein Arbeits- und Wohnort spielen eine große Rolle. Schließlich müssen Zeit und Geld für die tägliche Anfahrt in Gehaltsüberlegungen einbezogen werden. Lebenshaltungskosten unterscheiden sich von Stadt zu Stadt gewaltig – aber auch zwischen Land und Stadt gibt es große Unterschiede bei den monatlichen Ausgaben, wie etwa der Miete. Und gerade wer auf Nachhaltigkeit achtet hat Extrakosten: Biolebensmittel, Fairtrade-Produkte, Naturkosmetik – Dinge des Alltags, die nicht auf Kosten von Mensch und Natur hergestellt wurden, haben nunmal ihren Preis.

Bei einer Umfrage in unserer LinkedIn Community kam heraus, dass 31 Prozent der 741 Befragten mit 1500 bis 2000 Euro monatlich ihre Fixkosten decken und etwas Geld beiseite legen können. 48 Prozent der Befragten gaben an, dass sie über 2000 Euro benötigen. Der größte Faktor, der den Bedarf in die Höhe treibt war definitiv die Versorgung von Kindern. Unsere Community ist nach unserer Userumfrage sehr akademisch geprägt, viele haben einen Bachelor- oder Masterabschluss.

2020 lag das Durchschnittsnettoeinkommen in Deutschland laut Statista bei 2.084 Euro netto monatlich. In dieser Zahl sind allerdings alle Arbeitnehmer*innen einbezogen, auch diese, die einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen. Tendenziell verdienen circa zwei Drittel der Deutschen "unter dem Durchschnitt" und ein Drittel zieht den Verdienst sehr stark nach oben. Das kann zu einer verzerrten Sichtweise führen.
Statista hat in einer anderen Datenerhebung ermittelt, dass die durchschnittlichen Ausgaben pro Haushalt bei circa 2500 Euro im Monat liegen - es wurden dabei 8.000 Haushalte befragt. Selbstständige waren nicht mit eingeschlossen. 

Gehaltsvorstellungen – in Zahlen

In unserer GoodJobs Userumfrage haben wir gefragt, wie viel Gehalt sich unsere Nutzer*innen selbst auszahlen würden, wenn sie dafür in einem Job mit Sinn arbeiten können. Die Vorstellungen reichten von bescheidenen 500 Euro netto pro Monat bis hin zu mehr als 6500 Euro netto monatlich. Die Mehrheit allerdings gab ein Wunschgehalt zwischen 1500 und 2500 Euro netto an. Eine gute Orientierungshilfe, um eine angemessene Gehaltsvorstellung zu formulieren, ist der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst, kurz TVöD. In einer Entgelttabelle kannst du sehen, welche Qualifikation du mitbringen musst. Bachelor-Absolvent*innen oder Personen mit dreijähriger Berufsausbildung werden beispielsweise bei Entgeltgruppe E9-E12 eingestuft, mit einem Masterabschluss oder Diplom kannst du schon auf E13-E15 aufsteigen. Zeitgleich spielt auch die Arbeitserfahrung eine Rolle. So gibt es innerhalb einer Entgeltgruppe verschiedene Gehaltsstufen. Mit einem Masterabschluss hättest du nach TVöD E13, der niedrigsten Entgeltgruppe die dir für deine Qualifikation zusteht, bei Einstellung einen Anspruch auf ein monatlichen Brutto-Einkommen von 3996,72 EUR. Nach drei Jahren wärst du in Gehaltsstufe 3 angelangt und schon bei 4685,32 EUR pro Monat. Eine Übersicht mit konkreten Zahlen findest du hier. Hört sich gut an, leider gibt es auf solch ein Einkommen aber keinen Rechtsanspruch. Gleichzeitig lohnt es sich daher, einen Blick darauf zu werfen, was andere in deiner Branche tatsächlich verdienen. Ein Gehaltsvergleich wird dir zeigen, ob ein Gehalt nach TVöD für deine Branche realistisch ist. Was du am Ende netto auf dem Konto hast, kannst du über spezielle Online-Tools ausrechnen. 

Werden Jobs mit Sinn wirklich schlechter bezahlt?

Auch wenn sich gerade die Generation der Millienials laut Umfragen vor allem einen sinnstiftenden Job wünscht, Sinn allein reicht den meisten als Wertschätzung nicht aus. Das muss kein Widerspruch sein. Auch wenn Jobs mit Sinn den Ruf haben sie seien schlechter bezahlt – gerade Arbeitgeber*innen, die sich für eine bessere Welt einsetzen und ihren Mitarbeiter*innen individuelle Arbeitsbedingungen ermöglichen, liegt auch eine faire Entlohnung am Herzen. Ein Job ist nur dann sozial und fair wenn er auch sozial und fair entlohnt wird. Konzerne mit Milliardenumsätzen haben finanziell natürlich oft ganz andere Möglichkeiten für Ausschüttungen an Mitarbeiter*innen. Aber geben diese ihre finanziellen Erfolge wirklich genauso nach unten weiter? Vielmehr sind es doch diejenigen an der Spitze, die davon profitieren, während an der breiten Arbeitnehmer*innenschaft für noch schnelleres Wachstum und höhere Profite eingespart wird. 

Unser Gesschäftsführer Paul sagte dazu in einer Diskussion mit DEARWORK: "Es gibt bereits profitable, nachhaltige Unternehmen, die gute Gehälter zahlen. Aber in der DNA nachhaltiger Unternehmen steht nun mal nicht die Profitmaximierung an erster Stelle, sondern zum Beispiel die Investition in vernünftige Lieferketten. Ernst gemeinte Nachhaltigkeit bringt Kosten mit sich, da bleibt am Ende weniger übrig." 

Da fragen wir uns, ob ein etwas höheres Gehalt in einem nicht nachhaltigen Job sich vielleicht eher wie ein Schmerzensgeld anfühlt - dafür, Arbeit zu leisten, mit der man sich vielleicht nicht identifiziert.

Gut verhandelt ist halb verdient

Vor allem junge Berufstätige würden laut einer Studie der Online-Jobbörse Monster gerne wissen, was ihre Kolleg*innen verdienen um sich selbst gehaltstechnisch besser einordnen zu können. 62 Prozent wünschen sich sogar, dass die Gehälter aller Mitarbeiter*innen vollkommen transparent offengelegt werden. Gerade für viele Frauen ist das Thema Geld am Arbeitsplatz ein Tabu, mit der Folge, dass sie sich unter Wert verkaufen. In der Studie heißt es, acht Prozent der Männer und „elf Prozent der Frauen trauen sich überhaupt nicht, nach mehr Geld zu fragen, aus Angst vor Zurückweisung“. Auch wenn in der Stellenanzeige seitens des Unternehmens ein Gehalt angegeben wird, kannst du trotzdem noch verhandeln, je nachdem, welche Qualifikationen und Erfahrungen du vorweisen kannst, die das Unternehmen bereichern. 

Jede*r sollte unbedingt regelmäßig Gehaltsverhandlungen führen. So stellst du nicht nur sicher, dass das eigene Gehalt auch der Arbeitserfahrung gerecht wird, auch die erst einmal unangenehmen Gespräche über den eigenen Lohn werden zur Routine. Bleib bei solchen Gesprächen realistisch, verkaufe dich aber nicht unter Wert. Denk auch an deine Perspektiven: Hast du gute Aufstiegschancen und damit vielleicht schon bald mehr auf dem Konto? Lernst du über diesen Job etwas, was deine Qualifikation und damit die Voraussetzungen für deine nächsten Gehaltsverhandlungen verbessert? Dann kannst du auch ein paar Abstriche beim Gehalt hinnehmen, denn der Job scheint sich anderweitig für dich zu lohnen! 

Ein Faktor, den du besonders in der aktuellen New Work-Debatte mit einbeziehen kannst, sind angebotene Zusatzleistungen. Zahlt dein*e Arbeitgeber*in vielleicht Mobilität, Mittagessen oder Gesundheitsangebote? Wie sieht es mit Weiterbildung oder Absicherung fürs Alter aus? Wenn diese Bereiche vielleicht sowieso Bestandteil deiner Fixkosten waren, kannst du dir durch diese Leistungen ein großes Polster anlegen. 

Diese Fragen solltest du dir vor der nächsten Gehaltsverhandlung stellen:

1. Hat mir mein vorheriges Gehalt ausgereicht?

2. Welcher TVÖD-Stufe gehöre ich an?

3. Was verdienen andere in meiner Branche?

4. Welche Fixkosten habe ich monatlich/jährlich?

- Miete

- Strom/Internet/Nebenkosten

- Handyvertrag

- Mobilität (z. B. Bahncard, Monatsticket)

- Mitgliedschaften (Parteien, Vereine, Fitnessstudio, etc.)

- private Versicherungen (private Rentenvorsorge, Zahnzusatzversicherung)

- Lebensmittel / Kosmetik 

- Ausgehen (Kino, Konzerte, Restaurants, Bars, sonstige Freizeitbeschäftigungen)

- Sonstige Ausgaben (Haustier, Friseur, Nagelstudio etc.) 

5. Welche Extraausgaben habe ich für diesen Job? (Anfahrten, Kleidung, etc.)

6. Muss ich eine Familie mitfinanzieren?

7. Muss ich einen Kredit abbezahlen?

8. Was sind meine (kostspieligen) Zukunftspläne für die nächsten fünf Jahre? (Hausbau, Wohnungskauf, Familie gründen, etc.)

9. Muss ich Geld für eine Anschaffung zurücklegen? 

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