Der Purpose Mythos - Warum die Suche nach dem Sinn dich daran hindert, ihn zu finden

Philipp Apke ist Berufs- und Karriereberater und greift den Purpose-Mythos auf, um vor allem unnötig bestehenden Druck auf dem Weg zum Finden einer erfüllenden Tätigkeit zu entlarven. Stattdessen lädt er zur Reflektion ein.

Philipp Apke

11.05.2021

Der Purpose Mythos - Warum die Suche nach dem Sinn dich daran hindert, ihn zu finden

© Photo by Jukan Tateisi on Unsplash

Spätestens, seitdem das TedX Video “Start with why” von Simon Sinek um die Welt ging, sollte eigentlich jede*r verstanden haben, dass heutzutage Beruf gar nicht mehr ohne Berufung geht, oder? Schon immer gab es Menschen, die nach einer persönlich erfüllenden Mission oder dem ultimativen Daseinszweck gestrebt haben. Heute wird das ganz professionell unter dem Begriff “Purpose” zusammengefasst, was soviel bedeutet, wie die persönliche Erfüllung, den Daseinszweck oder den Sinn des eigenen Seins zu leben. Und das im Job! Welche wichtigen Schritte - hin zu einem sinnstiftenden “Hier und Jetzt” - können gegangen werden?

Mythos Nummer 1: Du musst deinen Purpose so früh wie möglich finden

Nur wenige junge Erwachsene, können ihren persönlichen Purpose schon in der frühen Lebensphase definieren. Warum ist das so? Forschungen zeigen, dass Menschen zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr eine idealistische Lebensphase durchleben. Alles ist möglich, es gibt kaum Grenzen, die Welt liegt einem zu Füßen. Das Problem hierbei ist, dass es einem in dieser idealistischen Lebensphase an Realitätssinn und dem nötigen Fokus zur Umsetzung mangelt. Somit fallen reale Entscheidungen, zum Beispiel zur Definition eines klaren persönlichen Purpose schwer. Doch keine Sorge. Die erste persönliche Krise (neben der Pupertät) kommt schon ganz automatisch, meist Anfang 30 oder auch schon etwas eher. Die Wissenschaft hat das bereits erkannt und spricht hier von einer “Quarterlife Crisis”. In jeder Krise steckt aber auch eine Chance und so ergeben sich gerade in dieser Zeit neue und ernste Gedanken über den eigenen Purpose. Wie will ich eigentlich leben und arbeiten? Was heißt Arbeit für mich? Was bedeutet Erfolg für mich persönlich? Da, wo vorher noch fast alles möglich und so toll war, werden jetzt erste Zweifel an so manchem Glaubenssätzen und Überzeugungen laut, die aber Schritt für Schritt eine viel ehrlichere und authentische Auseinandersetzung mit sich und der Gestaltung des eigenen Berufslebens ermöglichen.  

Mythos Nummer 2: Dein Purpose ist das eine Ding

Viele Menschen versuchen ausdauernd, ihrem Purpose nachzulaufen. Das “Why” zu finden, ist zu einer Suche nach dem “What” geworden. Da werden stundenlange Meditationen durchgeführt, Dreamdays und Retreats gebucht, um nur reichlich genug in sich hineinzuhören, um zum Schluss endlich das eigene Ding oder das ultimative Thema zu finden. Irgendwann muss es ja wohl die Erleuchtung geben und dann… tja dann… kommt oft die große Leere und Ratlosigkeit, da sich nach dem “Why” und “What” schon die nächste Frage stellt: Nämlich die nach dem “How”! Wie soll ich das jetzt umsetzen? Wie passt das zu meiner aktuellen Realität? Ein weiteres Problem mit der Suche nach dem “What” ist, dass es eng an die derzeitige Lebenslage gebunden ist. Ist das “Why” zeitlich überdauernd, ist das “What” immer an die aktuelle Situation geknüpft. Heißt konkret: Wenn ich gerade im richtigen Job bin oder die richtige Tätigkeit ausübe, DANN lebe ich meinen Purpose. Heißt aber auch im Umkehrschluss: Wenn diese “gute” Situation auf einmal nicht mehr da ist, weil ich beispielsweise meinen Job verliere oder krank werde, lebe ich automatisch an meinem Purpose vorbei, da ich nicht mehr das ursprünglich für mich Richtige tun kann. Selbstzweifel, Selbstanklage und das Risiko in Depressionen zu geraten, steigen, wenn ich meinen Sinn und Zweck an das aktuelle “What” hänge.

Mythos Nummer 3: Purpose bedeutet, eine soziale Mission zu verfolgen

Der Gedanke an Purpose wird allzu oft auch mit dem Verfolgen einer persönlichen Mission gleichgesetzt. Ganz wie Mutter Theresa oder Martin Luther King, möchten wir die Welt zu einem besseren Ort machen. Auch die rasante Entwicklung des Strebens nach mehr Nachhaltigkeit und dessen vermehrte gesellschaftliche Akzeptanz, trägt dazu bei, dass der persönliche Purpose ohne Zweifel mit einer sozial-nachhaltigen Weltverbesserungsmission zu tun haben muss. Was für eine große Bürde, gerade dann, wenn doch die ersten zaghaften Orientierungsschritte unternommen werden. Das Buch “Great at Work” hat Philipp vor einigen Jahren in diesem Zusammenhang sehr viel Klarheit gebracht. Die dort aufgeführte, sogenannte “Purpose-Pyramide” definiert drei aufeinander folgende Stufen. Sie lauten: 1. “Wert schaffen”, 2. “sinnvolle Tätigkeiten” und 3. “soziale Mission verfolgen”. Konkret bedeutet das: Wenn du einen Wert für andere schaffst; einen simplen Nutzen für deine Mitmenschen oder Kund*innen, lebst du bereits deinen Purpose! Diese Definition nimmt den ganzen großen sozial-missionarischen PurposeDRUCK radikal weg und verdeutlicht trotzdem den dienenden Charakter eines Lebens im Purpose. Gerade für den Anfang eines Berufslebens kann diese Sichtweise befreiend wirken und lässt gleichzeitig genug Raum, sich Gedanken zu machen, wie die weitere persönliche Entwicklung im Hinblick auf die Purpose-Pyramide aussehen könnte. 

Wer mit Mythen aufräumt, sollte an deren Stelle Handlungsalternativen bieten.

Hier folgen sieben konkrete Tipps zur Reflektion auf dem Weg in ein erfüllendes (Berufs-)Leben!

1. Konzentriere dich auf deine einzigartigen Talente
Wir alle haben stabile Talente in uns. Es gilt nur, sie herauszufinden. Schau dir deine letzten (Berufs-)Jahre an und reflektiere, welche einzelnen Tätigkeiten (definiere so genau wie möglich), dir dabei leicht gefallen sind. Wo warst du im Flow? Wo hast du überdurchschnittlich schnell gelernt?

2. Entwickle deine Leidenschaftsthemen
Welche Themen interessieren dich? Für welche Personen- oder Zielgruppen möchtest du gerne etwas tun? In dem Wort Leidenschaft steckt das Wort “Leid”, auch auch das Wort “schaffen”. Welche Probleme, Herausforderungen in Unternehmen, Organisationen oder Gesellschaften bewegen dich? Wo sollte etwas getan werden?

3. Schaffe einen einzigartigen Wert für andere
Fange klein an und begegne den Nöten und Herausforderungen in deinem Umfeld. Wie kannst du deinen Mitmenschen oder Kunden einen einzigartigen Nutzen bieten? Wie kannst du deinen Mehrwert in deinem aktuellen Umfeld oder Unternehmen erhöhen? Wie kannst du deinen Job/Tag so gestalten oder erweitern, dass er für dich und andere mehr an Bedeutung gewinnt?

4. Erkenne den Wert deiner Geschichte
Du hast bereits eine einzigartige Geschichte. Aus den Schicksalsschlägen, die du überwunden hast und Tälern, die du durchlebt hast, bringst du einzigartige Erfahrungen mit, die ein Segen für andere sein können. Unterschätze das nicht. 

5. Definiere deine Motivationsfaktoren
Am Ende des Tages entscheidest ganz allein du, was wirklich sinn- und bedeutungsvoll für dich ist. Welche Tätigkeiten sind das? Welche Werte und Überzeugungen möchtest du in Zukunft leben? 

6. Finde eine*n Mentor*in oder Coach*in
Es ist schwer, alleine aus festgefahrenen Gedankenkonstrukten herauszukommen. Den Blick von außen brauchen wir fortlaufend, um Klarheit und Sicherheit in Entscheidungen zu bekommen. 

7. Schau in deine Kindheit
Ein Blick in unsere Kindheit kann uns viel Aufschlüsse über unsere Persönlichkeit geben. Gab es bestimmte Stärken, die du schon früh gezeigt hast? Was hast du gerne gespielt? Gab es damals schon Themen, die dich interessiert oder nicht losgelassen haben? 

Die Suche nach dem eigenen Purpose ist ein lebenslanger Prozess und in der Regel keine Erleuchtung. Sie beinhaltet viele Höhen und Tiefen, Neuausrichtungen, mutige und manchmal unkonventionelle Entscheidungen. Lass dich nicht vom Purpose-Gelaber überfordern, genieße den Prozess und hab´ Spaß im Hier und Jetzt auf deiner persönlichen Reise. 
 
Wenn du mehr hören möchtest, klick dich in die passende Geil Montag! Podcast Folge rein. 


Philipp Apke | Berufs- und Karriereberater bei tageinz. und der HHL
 

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