An einer privaten Hochschule studieren und sich keine Gedanken um die Studiengebühren machen müssen – was für ein Traum! Realität ist er nur für eine Elite, die eines verbindet: sehr viel Geld. Dass die Bildungschancen vom Portemonnaie der Eltern abhängen ist hinlänglich bewiesen. Für alle anderen bleibt meistens nur die Lebensversicherung der Eltern oder ein Kredit, der irgendwann fristgerecht zurückgezahlt werden muss, ob du nun arbeitest oder nicht.

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Die Chancen eG will diese Ungerechtigkeit beenden und hat dafür den „Umgekehrten Generationenvertrag“ (UGV) entwickelt. Das System ist einfach: Die Genossenschaft übernimmt die Studiengebühren für die Dauer des Studiums. Danach zahlt man einen bestimmten Prozentsatz des eigenen Einkommens zurück. Dieser liegt zwischen 6,5 Prozent und 14,5 Prozent und fördert die nächste Generation. Die Rückzahlung erfolgt außerdem nur, wenn man mehr als 21 000 Euro netto im Jahr verdient. Rutscht man zwischenzeitlich darunter, durch ein Sabbatical oder eine Firmengründung, setzt die „Tilgung" aus. Dieses Vertragsverhältnis endet entweder nach zehn Jahren; völlig egal, wie viel Geld der Geförderte bis dahin beglichen hat. Oder, sobald er das Doppelte der Fördersumme zurückgezahlt hat.

Der UGV funktioniert

„Beides kommt vor, aber die Extreme mitteln sich aus“, erklärt Florian Kollewijn von Chancen eG. Er ist designierter Vorstand der Genossenschaft und war vorher Vorstand der StudierendenGesellschaft Witten/Herdecke. An der privaten Hochschule Witten ist der UGV seit über 20 Jahren fester Bestandteil der Finanzierung der Studenten. Kollewijn und sein Team haben in Witten und mit der Platzierung der StudierendenAnleihe das System getestet und bewiesen, dass es funktioniert.

Zusammen mit der GLS Treuhand haben die ehemaligen Mitglieder der StudierendenGesellschaft nun die Chancen eG gegründet, um das Modell bundesweit anzubieten. Dafür kooperieren zunächst vier private Hochschulen mit Chancen eG: die Medizinische Hochschule Brandenburg, die Hertie School of Governance, die praxisHochschule Köln, die Games Academy sowie die Alanus Hochschule. Langfristig sollen über den UGV auch Lebenshaltungskosten und Auslandssemester finanziert werden – unabhängig von der Institution.

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Florian Kollewijn ist designierter Vorstand der Chancen eG. Dass der Umgekehrte Generationenvertrag funktioniert, hat er in der StudierendenGesellschaft in Witten bewiesen.

Den anfänglichen Fokus auf private Hochschulen begründet Kollewijn schlicht mit der Herkunft des Projekts. Das Team habe in Witten Erfahrungen mit einer nicht-staatlichen Hochschule gesammelt. Jetzt gelte es, im ersten Schritt die Zahl der Hochschulen zu erweitern. „Das ist am Anfang eher leistbar. Wir brauchen trotz allem noch mehr Erfahrung.“ Denn der Anspruch der Gründer ist klar: Chancen eG muss sich selbst tragen.

Komplexe Berechnungsmodelle

Basis dafür sind die Berechnungen im Hintergrund. Wenn der UGV an einer Hochschule eingeführt werden soll, befragen Kollewijn und seine Kollegen ehemalige Studenten zu ihrem Einkommen. Dabei unterscheiden sie von Studiengang zu Studiengang. Als Ergebnis stehen dann die Prozentsätze vom nettorisierten Einkommen, die Chancen eG verlangen muss, um das Konzept tragfähig zu gestalten. Das bedeutet, dass an der gleichen Hochschule Geförderte verschiedener Studiengänge unterschiedliche Prozentsätze ihres Einkommens zurückzahlen müssen.

Es kann auch passieren, dass der UGV gar nicht eingeführt wird. Nämlich dann, wenn die Sätze unmenschlich hoch wären. Die Genossenschaft verstehe sich schließlich als Sozialunternehmen ohne Gewinnmaximierungsziel. Dennoch wirbt Chancen eG aktiv um neue Investoren: Denn gerade am Anfang müssten die Studiengebühren vorfinanziert werden. Neben dem sozialen Impact winke Geldgebern „langfristig eine angemessene Verzinsung“.

 

Update vom 20.08.2018: Wir haben den Artikel um den Hinweis ergänzt, dass inzwischen auch die Alanus Hochschule mit der Chancen eG kooperiert.

 

Dieser Artikel erschien zuerst im enorm Magazin.