Mitarbeiter leisten Arbeit und werden dafür bezahlt. Investoren, Banken und Eigentümer pumpen Geld in ein Unternehmen und bekommen dafür noch mehr Geld. Auf dieser Arbeitsteilung basiert quasi unser gesamtes Wirtschaftssystem – und irgendwie ist es auch genau diese Unterscheidung, die uns eine gefühlte bis reale Ungleichheit in der Gesellschaft beschert hat.

Denn im Kapitalismus steht das namensgebende Kapital über allem. Wer Kapital hat und in ein Unternehmen steckt, ist also wichtiger, hat mehr Rechte und mehr Mitbestimmung als Angestellte, die „nur“ ihre Zeit, ihre Kompetenzen und ihre Kraft der Firma opfern.

Mitarbeiterunternehmen performen besser

Klingt irgendwie falsch, oder? Genau deswegen machen sich Firmen schon seit Jahrzehnten Gedanken, wie sie ihre Mitarbeiter sinnvoll an ihrem Unternehmen beteiligen können – nicht nur was die Mitsprache bei strategischen Fragen angeht.

Dabei gibt es verschiedene Modelle – von Aktienoptionen bis zu einer echten Beteiligung am Unternehmen samt jährlicher Gewinnausschüttung. Das hat Vor- und Nachteile, wie eine Aufstellung von Studien vom US-amerikanischen National Center for Employee Ownership (NCEO) zeigt. So zeigen die meisten Untersuchungen, dass die Performance in sogenannten „Mitarbeiterunternehmen“ spürbar erhöht ist, was beispielsweise auch mit weniger Kündigungen und einer höheren Produktivität einhergeht.

Dass das nicht immer klappt, welche Fallstricke es gibt – abgesehen von rechtlichen Feinheiten – und welche Firmen überhaupt wie ihre Mitarbeiter am Unternehmen beteiligen, zeigen wir euch in dieser Übersicht:

myParfum

Freud und Leid liegen manchmal auch bei Unternehmen sehr nah beieinander. Im Oktober 2012 hatte der Chef von MyParfum, Matti Niebelschütz, angekündigt, insgesamt 10 Prozent des Unternehmens an 137 ehemalige und aktuelle Mitarbeiter zu verteilen. Doch nur wenige Monate später – nach einer selbst verordneten Sparkur und Kündigungswelle – musste die Firma Insolvenz anmelden.

Es lohnt trotzdem ein Blick auf die Idee von Niebelschütz, weil sie gerade für Start-ups eine interessante Variante der Mitarbeiterbeteiligung darstellt. Bei myParfum wären die Beschäftigten nicht zu direkten Teilhabern geworden, denn die Zusage war rein privat und damit rechtlich unverbindlich. Der Deal war: Wird das Unternehmen verkauft, verteilt Gründer Niebelschütz zehn Prozent der Anteile, die ihm zustehen, auf die Mitarbeiter.

Diese „Phantomaktien“ haben natürlich den Vorteil, dass es dafür keinen großen rechtlichen oder notariellen Rahmen braucht. Zudem muss kein Geld fließen, solange das Unternehmen nicht verkauft wird. Bei diesem Modell ist letztlich keine monetäre Beteiligung garantiert. Es entspricht aber gerade deswegen am ehesten der intrinsischen Motivation, Mitarbeiter an dem Unternehmen zu beteiligen.

Chobani

Stell dir vor, dein Chef kommt morgens zu dir und deinen Kollegen, händigt jedem einen Umschlag aus – und plötzlich bist du Millionär. Relativ unwahrscheinlich, aber genau so beim US-amerikanischen Joghurt-Hersteller Chobani passiert.

Gegründet 2005 von Hamdi Ulukaya, einem türkischen Einwanderer, ist die Firma inzwischen mehrere Milliarden Dollar wert und beschäftigt über 2000 Mitarbeiter. Und genau denen wollte Ulukaya auf besondere Art und Weise danken – indem er ihnen 2016 Firmenanteile überschrieb.

Legt man eine aktuelle Bewertung zugrunde, erhielt mit der Aktion jeder Mitarbeiter durchschnittlich 150.000 Dollar, je länger man im Unternehmen ist, desto mehr gibt es auch. Diese Vereinbarung greift aber erst, dann, wenn das Unternehmen verkauft wird oder an die Börse geht (siehe myParfum).

PSI

Die Berliner Entwickler waren in den 70ern eines der ersten Unternehmen, das auf eine konsequente Mitarbeiterbeteiligung setzte. Das bedeutete zum einen, dass das Unternehmen stark demokratisch organisiert war. Zudem war bis 1998 aber auch ein Großteil der Mitarbeiter Eigentümer der Firma.

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Das änderte sich mit dem Börsengang Ende der 90er. Zwar sind bis heute etwa 20 Prozent der Aktien im Besitz der Beschäftigten, doch mit dem Börsengang hat sich die Softwarefirma auch für externe Investoren geöffnet – und damit gleichzeitig auch für externe Einflussnahme.

Der Spiegel

Deutschlands bekanntestes Nachrichtenmagazin ist schon seit Jahrzehnten in der Hand seiner Mitarbeiter. 1974 schenkte der Gründer Rudolf Augstein die Hälfte des Unternehmens den Angestellten. Nach seinem Tod machte die sogenannte Mitarbeiter-KG von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch, seitdem sind 50,5 Prozent des Verlags in der Hand der Beschäftigten – ohne sie geht also nichts.

Das System ist zum einen besonders, weil es den Angestellten ausdrücklich ein Mitspracherecht einräumt und sie nicht nur monetär beteiligt – obwohl die teilweise fünfstelligen Gewinnausschüttungen sicher nicht ganz irrelevant sind. In seiner ganzen Struktur ist es aber auch einmalig in Deutschlands Medienlandschaft.

Dennoch hat das System einige Probleme, die vor allem in den letzten Jahren sichtbar wurden. Ein interner Innovationsreport entlarvte die Mitarbeiter-KG 2016 beispielsweise als massive Innovationsbremse. Statt Gewinne zu reinvestieren, wurden diese großzügig ausgeschüttet. Die beteiligten Mitarbeiter würden in die Investorenfalle tappen: Lieber Geld zum eigenen Vorteil mitnehmen, als etwas im Sinne der Firma zu riskieren. Das Geld fehlt nun beim digitalen Umbau des Verlagshauses.

Denn was besonders intern für Unmut sorgt: In der Mitarbeiter-KG sind nicht wirklich alle Mitarbeiter organisiert, sondern vor allem Print-Journalisten und Verlagsangestellte. Das bedeutet nicht nur, dass beispielsweise Beschäftigte von Spiegel Online oder Spiegel TV nicht an den Gewinnausschüttungen beteiligt sind, sie haben auch kein formales Mitbestimmungsrecht.

Facebook

Nicht so ganz ohne Fehler ist auch das Beteiligungsprogramm von Facebook. Wie viele andere Start-ups auch hat der Konzern in seiner Anfangszeit die ersten und loyalsten Mitarbeiter mit Anteilen an der Firma belohnt. Dieses Beteiligungsprogramm ist bis heute der Grund, wieso das Median-Einkommen bei Facebook bei über 240.000 Dollar liegt – sogar im Silicon Valley einsame Spitze (das heißt, 50 Prozent der Mitarbeiter bei Facebook verdienen mehr als 240.000 Dollar, die anderen 50 Prozent weniger).

Nach dem Börsengang 2012 war Facebook zeitweise über 100 Milliarden Dollar wert. Entsprechend wurden die Mitarbeiter, die nun maßgebliche Aktienanteile hatten, zu Millionären. Das bedeutete einerseits, die engsten Mitstreiter auch finanziell zu entlohnen – denn sie hatten das soziale Netzwerk ja zu dem Giganten gemacht, der es heute ist. Entsprechend können die Aktienmillionen auch als ein sehr großzügiges Dankeschön für die geleistete Arbeit gesehen werden.

Allerdings siegte auch bei einigen Facebook-Mitarbeitern irgendwann der eigene monetäre Vorteil. Gegenüber Yahoo Finance zeigten sich beispielsweise ehemalige Mitarbeiter heilfroh darüber, vor dem Datenskandal um Cambridge Analytica einen Großteil ihrer Anteile verkauft zu haben.


Ob eine Mitarbeiterbeteiligung – und vor allem in welcher Form – etwas für das eigene Unternehmen ist, muss wohl überlegt sein. Der Guardian hat dafür beispielsweise eine Checkliste zusammengestellt. In jedem Fall ist es aber eine Überlegung wert. Die Beste Begründung dafür liefert wohl einer der ersten Mitarbeiter von Chobani, Rich Lake. Gegenüber der New York Times sagte er, nachdem er die Firmenanteile in Millionenhöhe bekommen hatte: „It’s better than a bonus or a raise. It’s the best thing because you’re getting a piece of this thing you helped build.“

 

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