„Gehst du schon?“ fragt der Arbeitskollege, während man seine Sachen packt und sich langsam in Richtung Feierabend bewegen möchte. Die Arbeitszeit ist für heute geschafft und alle dringenden Aufgaben sind erledigt – eigentlich ist es also völlig in Ordnung jetzt zu gehen. Eigentlich könnte man die Frage des Kollegen mit einem klaren „Ja!“ beantworten und ihm obendrein noch ungefragt erzählen was für tolle Pläne man noch für den Abend hat. Eigentlich. Denn die Frage „Gehst du schon?“ löst bei vielen Menschen ungewollt sofort ein schlechtes Gewissen aus. Und man fragt sich unwillkürlich „Kann ich wirklich schon gehen?“

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Nicht umsonst heißt es: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“, doch wird in vielen Jobs immer unklarer, wann genau die Arbeit aufhört und das Vergnügen anfängt. Überhaupt ist die Arbeit für viele mehr als nur eine zweckmäßige Tätigkeit. Immer häufiger verschwimmen die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben. Aber was bedeutet das für unsere Gesellschaft?

Berufung: Suchst du noch oder arbeitest du schon?

Laut der Studie „Generation What?“ ist der Job für viele Menschen schon lange nicht mehr nur der Weg zum Geld, sondern soll ein Ort der Selbstverwirklichung sein. Erklärtes Ziel: der Beruf als Berufung! Das ist ambitioniert und baut große Erwartungen auf.

Mit dem Wunsch sich im Job selbst zu verwirklichen, steigt gleichzeitig auch der Wert der Arbeit. Sie ist nicht mehr nur der Teil des Lebens, der erledigt werden muss, um sich und seine Familie ernähren zu können. Der Job wird zum Selbstzweck, zum Mittelpunkt des eigenen Lebens. Die Arbeit ist dann wie ein Gradmesser dafür, ob man seine eigenen Möglichkeiten ausschöpft und wie man sich als Persönlichkeit definiert.

Besonders deutlich wird das, wenn man dem Gespräch zweier Mensch lauscht, die sich gerade erst begegnet sind. In den meisten Fällen gehört „Und was machst du beruflich?“ zu den Standardfragen. Wir gehen also schon davon aus, dass die berufliche Tätigkeit eines Menschen etwas über seinen Charakter und vielleicht sogar die Persönlichkeit aussagt.

Auf der Suche nach dem Sinn

Wir Menschen brauchen täglich etwas, dass unser Leben mit Sinn erfüllt – einen Grund warum wir morgens aufstehen, etwas das uns antreibt. Um was es sich dabei handelt ist subjektiv. Wo ein Mensch Sinn sucht und hoffentlich auch findet, ist ihm völlig selbst überlassen.

Die Studie „Generation What?“ zeigt aber, dass mehr als 50 Prozent der Befragten die Frage nach dem Sinn mit ihrem Job in Verbindung bringen. Die Arbeit ist eine Aufgabe, eine Herausforderung und gleichzeitig auch Bestätigung. Nicht umsonst wird der Mensch also häufig als Arbeitstier bezeichnet, das Arbeit und Aufgaben braucht, um dem Leben einen Nutzen zu geben.

Nur selbstgemacht ist wirklich gemacht

Die Arbeit kann somit gar nicht nur als das mühsame Übel betrachtet werden. An ihr hängen auch Bestätigung, Erfüllung und teilweise sogar die Definition der Persönlichkeit.Eine Aufgabe erledigen, Verantwortung übernehmen, eine Pflicht erfüllen, das alles schafft Sinn und Struktur.

Der Verhaltensökonom Dan Pink verdeutlicht das in einem Ted-Talk an den Erfahrungen, die ein Unternehmen bei der  Vermarktung ihrer Backmischung in den 1940er Jahren gemacht hat. Die Backmischung sollte es den Kunden so einfach wie möglich machen und enthielt bereits alle notwendigen Zutaten. Schnell und vor allem ohne großen Aufwand konnte man einen Kuchen backen. Das Produkt war ein absoluter Flopp und verkaufte sich kaum. Erst nachdem die Mischung so veränderte wurde, dass die Kunden selbst Eier und Milch hinzufügen mussten, wurde sie ein echter Kassenschlager.

Warum verkauft sich eine Backmischung, die mehr Arbeit macht, besser? Um diese Frage zu beantworten, braucht es wieder nur ein Wort: Sinn. Wenn wir einen Kuchen backen, möchten wir das Gefühl bekommen etwas selbst gemacht zu haben, wir möchten selbst etwas erschaffen. So kurios es klingt, die einfache Backmischung war schlichtweg mit zu wenig Arbeit verbunden. Die Kunden hatten nicht mehr das Gefühl, etwas selbst gemacht zu haben, was der Aktion den Sinn genommen hat.

ICH entscheide

Ob und wann eine Arbeit sinnvoll ist, kann jeder Mensch nur für sich selbst entscheiden. Gleiches gilt auch für den Stellenwert, den der Job im Leben einnimmt. Worüber ein Mensch seine Persönlichkeit definiert und mit welcher Gewichtung er Arbeit und Vergnügen kombiniert, ist eine subjektive Entscheidung – und das sollte so auch unbedingt bleiben.

Schon der englische Philosoph John Locke sagte: „Arbeit nur um der Arbeit willen ist gegen die menschliche Natur.“ Beim nächsten „Gehst du schon?“ des Kollegen darf man also also kurz in sich hineinhören, lächeln, nicken und aus dem Büro verschwinden – auch ganz ohne schlechtes Gewissen.

 

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