Es gab einen Moment in Lissi Reitschusters beruflicher Karriere, der für sie alles veränderte. Als Mitarbeiterin in einem Trainingsinstitut kam eines Tages ein potenzieller Kunde auf sie zu. Es ging um Führungskräfteentwicklung im mittleren Management, für das sie als Coach sowie systemische Managementtrainerin bestens ausgebildet war. Dennoch kam ihr bei diesem Auftrag eine noch viel tiefer sitzende ‚Ausbildung‘ in die Quere: ihre Wertvorstellungen. Denn der potenzielle Kunde war Betreiber eines Kernkraftwerks.

Für eine Frau, die sehr alternativ aufgewachsen war, deren Vater sich schon immer stark für Greenpeace einsetzte und deren Sinn für Ungerechtigkeit durch die Atomtests zwischen 1966 und 1996 auf dem Mururoa-Atoll im Südpazifik geprägt war, kam eine Annahme dieses Jobs nicht infrage. Man könnte es Zufall nennen, dass der Mutterkonzern des Kernkraftbetreibers im Auftrag der französischen Regierung an der Zündung der insgesamt 188 Atombomben in Mururoa beteiligt war. Doch Lissi Reitschuster glaubt nicht an Zufälle. Vielmehr war es für sie ein Zeichen und der Startschuss für einen Neubeginn.

Mit Nachhaltigkeit und Innovationen den Hebel umlegen

Es war die Geburtsstunde einer Genossenschaft, die Reitschuster 2010 mit zehn ihrer Kollegen vom Trainingsinstitut als Antwort auf diesen inneren Wertekonflikt gründete: die „Akademie für nachhaltige Entwicklung von Mensch und Ökonomie“, kurz Manemo eG. Damit der Name Programm ist, beschlossen die Genossenschafter sofort gemeinsam eine sogenannte metaphorische Wasserlinie: klar definierte Ausschlusskriterien, die das Arbeiten mit Kernkraftwerken oder Waffenherstellern explizit untersagen, da ein „Bohren unterhalb der Wasserlinie das ganze Schiff existentiell gefährden würde“.

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Sich den Luxus zu gönnen und anhand gemeinsamer Wertevorstellungen Mitglieder und Kunden auszuwählen, das war von Anfang an Prämisse. Dazu bietet die Satzung der Genossenschaft die besten Voraussetzungen, denn in einer Präambel hat sie ihre Werte formuliert, die bei Verstoß zum Ausschluss eines Mitglieds führen können. Neben der Möglichkeit einer Institutionalisierung ihrer Werte stimmten weitere Merkmale dieser Gesellschaftsform genau mit den Belangen und Zielen der Gründer überein. Zum einen die niedrigere finanzielle Hürde zu Beginn: Im Gegensatz zu beispielsweise einer GmbH mit 25.000 Euro kann das Mindestkapital bei einer Genossenschaft selbst bestimmt werden.

Einen ideellen Vorteil bietet das Führungsprinzip einer Genossenschaft: Es gibt keinen Geschäftsführer, sondern einen Vorstand und einen Aufsichtsrat, die von der Generalversammlung gewählt und abberufen werden. In der Generalversammlung hat jedes Mitglied eine Stimme, unabhängig davon, wie viele Anteile der Genossenschaft erworben wurden. Für Reitschuster geht es bei dem gesamten Konzept ohnehin weniger um finanzielle Gewinne als um die Förderung der einzelnen Mitglieder.

Die Manemo eG setzt sich zusammen aus unterschiedlichen Mitgliedern wie Trainern, Coaches, Beratern, Unternehmern, Stiftungen, NGOs und Förderern und will projektbasiert eine maßgeschneiderte Nutzeninnovation für Unternehmen bieten. Diese besteht aus Organisationsentwicklung, Managementtraining, Unternehmensberatung und unterschiedlichen Lernformaten. Darüber hinaus bildet Manemo ‚Agenten des Wandels‘, sogenannte Sustainable Impact Entrepreneurs aus, die als Multiplikatoren funktionieren und die Ideen der nachhaltigen Entwicklung in ihrem direkten Umfeld weitertragen.

Wichtig bei allen Projekten ist, dass die angestoßenen Veränderungsprozesse im Einklang mit Mensch, Natur und natürlich auch wirtschaftlichem Erfolg stehen. Diese Prozesse sind jedoch keine Marketingkampagnen: Sie dienen der Verankerung von Nachhaltigkeit in weitgreifenden Unternehmensstrategien. Dabei sieht Manemo in der vorherrschenden Wirtschaftsart eine der Hauptursachen unserer globalen Probleme. Doch liege in der Wirtschaft ebenso die Chance, den Hebel umzulegen, davon ist Reitschuster überzeugt.

Erfolge mit großer Wirkung

Ein gutes Beispiel hierfür ist Manemos Kunde Rinn Beton- und Naturstein. Das mittelständische Familienunternehmen hatte schon immer werteorientiert gehandelt, doch fehlte es an der geeigneten Strategie, um diesen klaren Vorteil auszubauen und dann auch zu kommunizieren. Gemeinsam mit Reitschuster und ihren Kollegen, die Rinn seit 2010 begleiten, fand das Unternehmen einen Weg, Nachhaltigkeit als große Chance wahrzunehmen und seine Fertigung entsprechend umzustellen. Mittlerweile produziert Rinn seine Betonsteine komplett CO2-neutral und hat dafür den Deutschen Nachhaltigkeitspreis gewonnen.

Bei Manemo gleicht kein Projekt dem anderen. Das Team versammelte sich bereits zwei Tage in einem Tipidorf, um sich von einem nordamerikanischen Ureinwohner dessen konsensuale Führungsweise nahebringen zu lassen, im Impact Hub München wurde im April mit Experten und Interessierten über „Storytelling for Peace“ diskutiert, und zum „Unternehmeraustausch“ trifft man sich mit gleichgesinnten Entrepreneuren auf einem idyllischen Bauernhof in Niederbayern. Der Motor dahinter bleibt dabei trotzdem immer der gleiche: gemeinsame Werte und der starke Wille, die Welt enkeltauglich zu gestalten.

Dieser Artikel erschien zuerst im enorm Magazin.