Zeit hat heutzutage eigentlich niemand mehr. Zeitwohlstand als neues Ideal klingt deshalb sehr verführerisch. Aber was bedeutet das überhaupt, Zeitwohlstand? Und wie bekommt man ihn? Ein Gespräch mit dem Zeitforscher Gerrit von Jorck über unnötigen Konsum, die Gefahr erfüllender Arbeit und den Weg zu einem Leben, das endlich nicht mehr so hektisch ist

 

Herr von Jorck, haben wir genug Zeit?

Nein, haben wir nicht.

Erklären Sie das doch bitte.

Wir versuchen, Zeit zu sparen und machen doch das Gegenteil: unsere Leben laufen in einer Beschleunigungsspirale weil wir ständig gezwungen sind, möglichst viel gleichzeitig zu machen. Neue Technologien werden so zu neuen sozialen Konsumstandards. Sie versprechen uns erstmal, dass wir Zeit einsparen. Es passiert aber etwas ganz anderes, denn sie zwingen uns zu einer ständigen Erreichbarkeit und Gleichzeitigkeit. Die Digitalisierung birgt damit das Risiko mehr zur Verdichtung unserer Lebenszeit beizutragen als das sie ihr Versprechen der Mündigkeit erfüllt.

Das ist doch aber noch nicht alles?

Noch lange nicht! Seit Anfang der 2000er gibt es eine stetige Zunahme von Arbeitsplätzen mit geringem Einkommen und vielen Unsicherheiten, diesen Prozess nennt man Prekarisierung. Auch in der Arbeitswelt wird alles schneller. Wenn man bei dem Tempo nicht mithält, wenn man sich nicht ständig selbst optimiert, bleibt man auf der Strecke. In der Moderne hat man noch zwischen Arbeit und Freizeit unterschieden, auch das löst sich nun auf. Arbeit erlebt eine Entgrenzung und macht den Raum für freie und eigene Zeit immer kleiner.

„Das Versprechen der Erfüllung nur durch Arbeit funktioniert nicht“

Leben wir Arbeit denn nicht mittlerweile als Chance, auch hier Selbsterfüllung nachzugehen?

In vorkapitalistischen Zeiten hatte man das Problem der Teilung zwischen Arbeit und Freizeit nicht. Jetzt haben wir durch den Anspruch der Selbsterfüllung in der Arbeit ein neues Problem: Das Versprechen der Erfüllung nur durch Arbeit kann sich nicht bewahrheiten. Denn der Versuch, sich durch Arbeit selbst zu verwirklichen, führt dazu, dass unser Selbst unter ökonomischen Druck gerät. Meine These ist, dass Selbsterfüllung durch Arbeit eigentlich bedeutet, dass sich die Arbeit auf die Freizeit ausdehnt und wir es kaum bemerken.

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Gerrit von Jorck hat VWL, Soziologie und Philosophie in Köln, Utrecht, Berlin, Budapest und Potsdam studiert. Seit 2016 arbeitet er am Fachgebiet Arbeitslehre, Ökonomie und Nachhaltiger Konsum an der TU Berlin.
© Gerrit von Jorck

Das klingt fast so, als wären Selbstoptimierung oder Verwirklichung durch Arbeit oder in der Freizeit etwas Schlechtes?

Per se natürlich nicht. Die Frage ist, unter welcher Voraussetzung man sich etwas vornimmt. Ich unterscheide Selbstverwirklichung von Selbstoptimierung. Letzteres ist von der unternehmerischen Marktlogik beeinflusst und zielt auf Effizienz ab. Selbstverwirklichung hat eher eine qualitative Komponente, liegt im eigenen Ermessen und ist ein zeitaufwendiges Lebensprojekt. Der Druck der Selbstoptimierung dagegen ist nicht selbst gemacht. Das ist ein externer Druck auf dem Arbeitsmarkt. Das Schlechte daran ist, dass der Druck der Selbstoptimierung Menschen dazu zwingt, sowohl außerhalb der festen Zeiten noch weiter zu arbeiten, als auch innerhalb der Arbeitszeit immer mehr schaffen zu wollen. Dabei fällt der kollegiale Schnack auf dem Flur oder das persönliche Gespräch mit Patienten auch mal schnell unter den Tisch.

Das kommt nicht immer von innen, das kommt eher, weil man unter Druck steht. Wer es riskiert, weniger zu arbeiten, dem droht sinkende soziale Absicherung. Dieser Dauerstress bei und durch die Arbeit ist keine Akademiker-Debatte, sie betrifft auch einfache Berufe. So hat mir unsere Reinigungskraft neulich im Büro erzählt, dass sie früher noch feste Verträge mit Stundenlohn hatte. Jetzt wird sie pro Quadratmeter bezahlt was für sie Dauerrennen und Hetzen bedeutet. Egal in welchem Bereich, egal in welcher Schicht: Alle wünschen sich mehr Zeit.

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Wie erobern wir uns Zeit zurück?

Der erste Schritt ist, sich im Einzelnen die Frage zu stellen, wie wir eigentlich mit unserer Zeit umgehen. Zeit ist ein knappes Gut und das zwingt uns immer wieder zu Abwägungen: Habe ich eine halbe Stunde, um die Löcher in der Hose zu stopfen oder kaufe ich mir eine neue? Daran wird dann das Hauptproblem deutlich, die Spirale aus Arbeit und Verbrauch. Man geht Arbeiten um sich seinen Konsum zu leisten. Soziale Standards erhöhen den Druck, mehr zu Arbeiten um sich mehr leisten zu können. Es kommt im Privaten darauf an, aus diesem Work-and-Spent-Zirkel hinauszukommen. So gewinnt man Selbstbestimmung über die Zeit zurück und erlangt Zeitwohlstand.

„Zeitwohlstand bedeutet, mehr Zeit zum Glücklichsein zu haben“

Was genau ist Zeitwohlstand?

Zeitwohlstand bedeutet begrenzte Arbeit und die Freiheit, sich Zeit für Dinge abseits zu nehmen. Je mehr ich materiellen Wohlstand unterordne und so lebe, dass ich mit weniger Einkommen mehr Zeit für das Glücklichsein habe, desto größer wird mein Zeitwohlstand. Das bedeutet, sich Zeit für die Dinge zu nehmen, die wir wirklich wirklich wollen. Wer eine Teilzeitstelle hat, gewinnt so mehr Zeit für Dinge wie Ehrenamt, Freunde und Familie. Dementsprechend muss sich aber auch der Lebensstil anpassen. Es kommt auf die persönliche Verhältnismäßigkeit und die Verkleinerung von Überflüssigem an. Von komplettem Aussteigertum halte ich nichts, denn soetwas wie geldfreies Leben ist nicht übertragbar. Man bleibt stets auf die Arbeit anderer angewiesen und trägt nicht zu einer grundlegenden Veränderung der Gesellschaft bei.

Aber nicht jeder kann so einfach sparsam leben und eine Halbtagsstelle annehmen.

Das stimmt. Man muss es auch nicht so absolut sehen, sondern kann es nach den eigenen Verhältnissen leben. Der Knackpunkt ist, dass ein Leben in Zeitwohlstand nicht unbedingt funktioniert, wenn man es alleine versucht. Man braucht die Kraft und Kapazität der Gemeinschaft, im Privatbereich wie auch in der Arbeitswelt. Das Individuum allein vermag nicht so viel auszurichten, denn erst wenn eine kritische Anzahl an Mitarbeitern in einem Unternehmen fordert, dass sie Zeitgrenzen setzen können, gewinnt dies an Akzeptanz. Wer fordert denn noch Bildungsurlaub ein? Wenn alle erst um 19 Uhr gehen, wer geht guten Gewissens um 17 oder auch 14 Uhr? Die Mentalität muss sich dahingehend verändern, dass selbstverantwortliche Zeiteinteilung nach Bedürfnissen etwas Gutes ist. Den Raum dafür zu öffnen, ist nicht allein Aufgabe der Arbeitgeber. Einer der Betriebsräte eines großen deutschen Fahrzeugkonzerns sagte mir letzte Woche, dass er zum Zeitwohlstand seiner Mitarbeiter eigentlich nicht viel beitragen könne. Es bräuchte vielmehr Zeitpioniere in der Belegschaft, die mit klaren Forderungen an ihn heran treten.

„Ich habe das Gefühl, dass ich besser in meinem Beruf bin, wenn ich weniger arbeite“

Trotzdem bleibt doch die Angst bestehen, sich durch weniger Arbeit ins abseits zu befördern.

Es gibt tatsächlich zwei große Hürden des Zeitwohlstandes: Erstens, man läuft vielfach Gefahr, abgehängt zu werden. In vielen Berufen bleibt man dann außen vor. Zweiter Punkt ist die soziale Absicherung. Wer eine halbe Stelle hat, ist in unserem erwerbszentrierten Sozialstaat weniger abgesichert. Dahinter steckt der drohende soziale Abstieg, Hartz IV, Mini-Rente oder Arbeitslosigkeit. Um die Hürden zu überwinden, müssen Arbeitnehmer und -geber endlich anfangen, über Zeit zu reden. Nur so kann ein Verständnis für unterschiedliche Arbeitsrhythmen, Reflexionsphasen und unterschiedliche Bedürfnisse entstehen. Mehr Zeitwohlstand verschafft einem die Möglichkeit viele Dinge anders zu machen. Dadurch kann man sich andernorts und anderweitig so organisieren, dass man neue Sicherheiten erwirbt.

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Wie verschaffen Sie sich (mehr) Zeitwohlstand?

In meinen 20ern habe ich viel stärker als heute in der nicht-kommerziellen linken Blase gelebt. Berlin bietet dafür eine gute Infrastruktur. Wenn man abends ausgeht und das Bier nur einen Euro kostet, konnte man sehr gut so wie ich von 500 Euro leben. Mittlerweile sind die Mieten gestiegen und meine Lebenskosten auch ein bisschen. Wieviel das mit dem Alter zu tun hat, kann ich so nicht sagen. Eine Zeit lang habe ich entgegen meiner Vorsätze gelebt: Für sechs Monate hatte ich zwei halbe Stellen und musste zwischen Essen und Berlin pendeln. Ich hatte kaum noch Zeit. Ich habe fast nichts ehrenamtliches mehr gemacht, Gespräche mit Kollegen auf das Nötigste reduziert, habe dauernd Fast Food gegessen und den Haushalt teilweise vernachlässigt. Neben diesen Entwicklungen habe ich auch noch etwas anderes bemerkt und zwar, dass meine Motivation für die Arbeit sinkt. Ich mache meine Arbeit gerne, aber wenn man zu viel von etwas macht, vergeht einem die Lust. Nun habe ich wieder eine Teilzeitstelle und auch ehrgeizige Projekte. Dabei kann ich über ein Drittel meiner Arbeitszeit inhaltlich selbst bestimmen. Ich habe das Gefühl, dass ich besser in meinem Beruf bin, wenn ich außerhalb und innerhalb der Arbeit die Zeit habe, meine Ideen weiter zu tragen.

 

Dieser Text erschien zuerst bei Good Impact.