Ende 2015 sorgte ein Experiment in einem Altersheim im schwedischen Göteborg für Aufsehen: Dessen Pflegekräfte sollten zukünftig nur noch sechs statt acht Stunden am Tag arbeiten – bei gleicher Bezahlung. Die Argumente dafür waren zahlreich: Die Mitarbeiter sollten zufriedener sein, seltener den Jobs wechseln und ihre Aufgaben dank besserer Erholung konzentrierter erfüllen. Außerdem der Krankenstand sollte abnehmen.

Letzteres war das wichtigste Argument im staatlichen Svartedalen-Altersheim: Die langen Krankenzeiten sind teuer. Weniger Ausgaben für kranke Angestelle könnten die Mehrkosten der Stadtverwaltung für das zusätzliche Personal ausgleichen, so die Hoffnung.

Nun, anderthalb Jahre später, wurde das Experiment beendet. Und vermutlich wird es nicht weitergeführt. Denn obwohl keines der Argumente für den Sechs-Stunden-Tag widerlegt wurde, war der Rückgang des Krankenstands nicht so stark, dass er die Mehrkosten ausgleichen konnte.

Nur die Kosten stehen im Weg

Zusätzlich zu den vorhandenen 68 mussten zu Beginn des Versuchs 17 neue Pflegekräfte eingestellt werden, berichtete Bloomberg Anfang Januar. Das hätte etwa 12 Millionen Kronen (ca. 1,3 Millionen Euro) mehr gekostet. Dabei ist der Krankenstand laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung nur unwesentlich gefallen: „5,8 Prozent ihrer Arbeitszeit fehlten die Mitarbeiter während des ersten Test-Jahres mit kürzeren Schichten, zuvor waren es 6,4 Prozent. Im Vergleichs-Pflegeheim lagen die Fehlzeiten bei 8,5 Prozent.“

Sowohl linke als auch konservative Politiker haben sich gegen eine Weiterführung des Experiments ausgesprochen. Ist das nun das Ende eine verführerischen Idee? Eines Traums, der einfach zu schön war? Sollte der Acht-Stunden-Tag unser Schicksal sein? Aber auch das wäre zu kurz gedacht.

Ist das Ziel nicht klar?

Denn laut einer Befragung fühlten sich die Pflegekräfte des Svartedalen-Heims mit Sechs-Stunden-Schichten „fitter, aufmerksamer und gelassener.“ Bengt Lorentzon, der das Projekt für die Stadt Göteborg auswertet, gab gegenüber der Süddeuschen Zeitung an, „die ausgeruhten Pflegerinnen nähmen sich mehr Zeit für die Bewohner des Heims.“

Wenn aber die Senkung der täglichen Arbeitszeit die Mitarbeiter gesünder und zufriedener, und ihre Arbeit besser macht: Sollte die Frage dann nicht vielmehr lauten, wie sich dieses Arbeitsmodell finanzieren lässt? Zeigen nicht die Ergebnisse des Versuchs genauso wie das riesige weltweite Interesse daran, wie wichtig es für viele Menschen wäre, ihre tägliche Arbeitszeit reduzieren zu können? Und ist ein Modell, in dem die meisten Frauen und Männer gleich viel, aber weniger als 40 Stunden pro Woche arbeiten, nicht ohnehin die einzige Lösung, wenn man die Gleichberechtigung ernst nehmen und ein halbwegs erfülltes Familienleben gewährleisten will?

Die deutsche Familienministerin Manuela Schwesig hat vor eingier Zeit ein Modell vorgeschlagen, nach dem Männer und Frauen 32 Stunden pro Woche arbeiten sollen. Auch Expertinnen wie die Sozialwissenschaftlerin Jutta Allmendinger sind ebenfalls dafür und haben gute Argumente.

Die Frage muss lauten: Wie finanzieren wir kürzere Arbeitszeiten?

Egal ob Sechs-Stunden-Tag oder 32-Stunden-Woche: Es gäbe eine Reihe von Möglichkeiten, um die tägliche Arbeitszeit zu verringern und dennoch fair bezahlt zu werden. Dass es exakt dieselbte Bezahlung ist, wie für den Vollzeit-Job ist dabei gar nicht entscheidend. Schließlich ist die Ausgangssituationen schon jetzt von Beruf zu Beruf ganz verschieden.

Wer bei einem Pharmakonzern in Basel arbeitet und auch mit einer 80-Prozent-Stelle noch sechsstellig verdient, der sollte kein Problem damit haben, die Kosten für die geringere Arbeitszeit selbst zu übernehmen. Aber auch wer weniger verdient, würde sich unter Umständen auch mit Gehaltseinbußen begnügen, wenn er dafür nur mehr Zeit bekäme. Schließlich ist die Knappheit an Zeit bei vielen mittlerweile größer als die Knappheit an materiellem Wohlstand. Ein Hindernis ist da schon eher, dass Teilzeitarbeit in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern immer noch mit Einbußen beim Stundenlohn verbunden ist. Das allerdings ist eine Frage der Arbeitskultur und ließe sich durchaus ändern.

In sehr prekären Familien wiederum, wo beide Ehepartner arbeiten müssen, weil sie womöglich nur mit dem Mindestlohn bezahlt werden, oder für Alleinerziehende könnte ein Grundeinkommen helfen, mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten zu erreichen.

Hier funktioniert der Sechs-Stunden-Tag

Das vielleicht Beste aber ist, dass das Modell „zwei Stunden weniger bei gleichem Gehalt“ sogar funktionieren kann. Und das zeigt ausgerechnet der Versuch in einem Krankenhaus, das nur zwanzig Minuten entfernt von Göteborg liegt. Im Sahlgrenska-Krankenhaus in Mölndal, einem Vorort von Göteborg, wurde der Sechs-Stunden-Tag ebenfalls getestet, wie „Zeit Campus“ schon im letzten Sommer berichtete. Dort sei das Ziel jedoch ein anderes gewesen: Es sei nicht darum gegangen, den Krankenstand zu senken, sondern vor allem darum, „die Station wieder attraktiver zu machen“. Die harte Arbeit in sieben Operationssälen habe zuvor zu einer enormen Kündigungsrate geführt.

Statt in einer Achtstundenschicht seien die Pfleger nun in zwei Sechsstundenschichten organisiert, eine am Morgen, eine nachmittags. Dadurch profitiere die Klinik. Die OP-Warteliste werde kürzer, es könne länger operiert und somit mehr Umsatz gemacht werden.

Das Ergebnis liest sich bei „Zeit Campus“ gut: „Der Plan der Krankenhausleitung geht auf: Niemand (…) hat im vergangenen Jahr wegen Überlastung gekündigt. Die Station spart nun die ständige, teure Suche nach neuen Mitarbeitern und deren Einarbeitung. Gleichzeitig kommt mehr Geld rein: 20 Prozent mehr OPs soll die Klinik bis Juni 2017 leisten, 17 Prozent sind es bereits. Es kann gut sein, dass aus dem Sechsstunden-Experiment ein Dauerzustand wird.“

 

Dieser Artikel erschien zuerst im enorm Magazin.