Neues Arbeiten: Das ist das mit dem vielen Urlaub und den super flexiblen Teilzeitmodellen. So scheint es jedenfalls. Doch wenn wir ehrlich sind, merken wir, dass bei all den Calls, Meditationen und WOL-Circles gar keine Zeit mehr bleibt, um einfach mal gar nichts zu machen. Neue Arbeit und kein Ende in Sicht?
 

Die schrägste Form, die Neue Arbeit mitunter annimmt, ist, dass wir zwar so tun, als würde uns der perfekte Balanceakt zwischen Freizeit und Arbeit gelingen, wir aber in Wirklichkeit nie mit dem Arbeiten aufhören. #holycrap, was sind wir alle busy. Einen gemeinsamen Termin für vier Personen zu finden, gleicht einem Sechser im Lotto. Beim Blick über den Laptop-Rand in den Kalender der Kolleg*innen sehen wir mehr Farben als in jeder Konfettikanone: Blau für den Job, Lila für das Herzensprojekt, Grau für Geburtstage, Pink für wichtige Erinnerungen, Orange für Team-Termine, Ocker für Sport und ein bisschen Gelb für Privates. Erst wenn das Weiß verschwunden ist, fühlen wir uns vollständig. 

Arbeit ist, wo wir sind

Wenn wir von unterwegs arbeiten, ist LTE oft stärker als der eigene Wille. Klar, häufig ist es sinnvoll und effizienter, nicht ins Büro zu fahren. Aber je fließender die Grenzen zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit werden, desto mehr werden wir auch dazu verleitet, jede kleine Pause mit Arbeit zu füllen. 

Also koordinieren wir im Wartezimmer beim Arzt unsere Termine, in der U-Bahn kommentieren wir einen Text in Google Docs und während wir mit Kolleg*innen zu Mittag essen, schielen wir mit einem Auge aufs Telefon und verteilen Emojis unter den Postings im Firmennetzwerk. 

Wie ging das früher bloß ohne Cloud? Die Erinnerungen daran liegen unter tausenden Google-Benachrichtigungen begraben. Wir slacken um die Wette und freuen uns über jede neue App, die wir in unseren Workspace integrieren können. Remote Work ist unser Leid und Segen.

Wir sind die Meister*innen der Busyness

Ja, das ist schon krass beeindruckend, wenn man so viel zu tun hat. Der staunende Ausruf von (scheinbar) weniger beschäftigten Menschen darüber, wie busy wir sind, törnt uns ehrlicherweise sogar ein bisschen an. Dass es auch Mitleid sein könnte, hören wir nicht, denn der nächste Anschlusstermin drängt. 

Und dann lesen wir im Urlaub auf Twitter den Tweet eines Unbekannten: „Dieser Moment, wenn du auf dem iPhone zu weit nach links wischst, und deine Bildschirmzeit 6 Stunden und 3 Minuten anzeigt. #doomsday“ 

Es dämmert uns, dass etwas schief läuft. 

Die Entdeckung der Nicht-Arbeit 

Erst wenn der Laptop zugeklappt ist, erinnern wir uns wieder daran, dass wir hier sind, weil wir Momo sein wollen und nicht die Grauen Herren von der Zeitsparkasse. Dass wir mehr Beppo Straßenkehrer und Gigi Fremdenführer in unserer Wirtschaftswelt brauchen,* und dass wir selbst damit anfangen sollten, so zu sein wie sie: eine begnadete Zuhörerin wie Momo, vor Ideen und Träumen sprudelnd wie Gigi, achtsam und nachdenklich wie Beppo. 

Wie viel von dem, was in unseren Kalendern steht, machen wir, weil wir es wirklich wollen? Wie viele der Verabredungen, Events und Meet-Ups tun uns gut? Und welche nicht? Um das herauszufinden, müssen wir uns Zeit nehmen. 

Denn wenn wir uns die Zeit nehmen, können wir es noch: Tagträumen im Doppeldeckerbus, ganz oben in der ersten Reihe sitzend, mit den Schuhen auf dem Guckloch vom Busfahrer. Im Sommer auf der Wiese liegen, den Wind auf der Haut spüren und die Sonnenmilch riechen. Meditieren, nicht, weil es die Leistung steigert, sondern einfach, weil es sich genau jetzt richtig anfühlt.

© Kristina Wedel

Für mehr weiße Lücken im Kalender

Bei all den Terminen und Notifications vergessen wir allzu häufig, dass Erfolg nichts damit zu tun hat, wie viele bunte Kästchen in unserem Kalender stehen. Wirklich erfolgreich ist, wer selbst bestimmt, was Erfolg bedeutet – und im besten Fall sogar auf den Erfolg pfeift. 

Erfüllung hat am Ende nichts mit dem eigenen Ego zu tun, sondern mit Gemeinschaft und Sinn. Dafür müssen wir auf unser eigenes Tempo und die eigenen Prioritäten achten und manchmal „Stop“, sagen, auch wenn alle sagen: „Weiter“. Denn die Eroberung der Freizeit gelingt nicht, wenn wir alles einfach nur auf uns zukommen lassen und hoffen, dass sie sich die Lücke im Kalender von selbst ergibt. Wir müssen Pausen im Gegenteil ganz aktiv als elementaren Bestandteil in unserem Leben verankern. 

Weiße Lücken im Kalender sind die echten Zeichen guter, neuer Arbeit.

*Quelle: Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte. Ein Märchen-Roman von Michael Ende, Erstausgabe 1973.

 

Kick OffDieser Artikel wurde im Print-Magazin Neue Narrative veröffentlicht. Wenn du mehr Geschichten zu neuen Arbeits- und Wirtschaftsformen lesen willst, kannst du das Magazin hier abonnieren.