Manchmal braucht man eine Pause: Vom Arbeiten, vom Konsumieren, von allzu gewohnten Strukturen. Hier stellen wir euch fünf Menschen vor, die genau diese Pause eingelegt haben – und dadurch ganz neue Perspektiven gewinnen oder gar einen ganz neuen Karriereweg einschlagen. 

© Ira Göller

Selbstversorgung: Ohne Supermarkt geht’s auch! 

Ralf Roesberger ist Selbstversorger, auf 2.000 Quadratmetern lebt er mit seiner Familie in Rommerskirchen am Niederrhein. Sein Ziel ist es, mit dem Anbau von Gemüse und Obst und dem Halten von Kleintieren genug zu produzieren, um sich und seine Familie zu ernähren. 

Das ist ein echtes Vollzeitprojekt. Wenn Ralf mal drei Wochen abwesend ist, sprießt das Unkraut. Und jedes Jahr, wenn die Schulferien der Kinder beginnen und der Nachwuchs Ralfs Zeit und Aufmerksamkeit stärker in Anspruch nimmt, „geht alles den Bach runter“. Aber so sei das, er versuche zwar seine Ernährung dem Garten anzupassen, aber auch die Gartenarbeit dem Familienleben. Trotzdem passiert es jedes Jahr, dass er und seine Frau um zwei Uhr morgens in der Küche stehen und Gemüse blanchieren, um es für den Winter haltbar zu machen. 

Warum die ganze Arbeit? „Ich will, dass meine Kinder sehen, woher das Essen auf ihren Tellern kommt.“ Und er will ein Umdenken in den Köpfen bewirken. Natürlich muss nicht jeder einen Riesengarten bewirtschaften oder an Selbstversorgung denken – aber in einem Schrebergarten einen Teil der eigenen Lebensmittel selbst anbauen, das könne jeder. 

Bleibt dabei auch noch Zeit für eine Pause? Der Familienurlaub sei ein andauerndes Konfliktthema, denn der lässt sich mit der Selbstversorgung nicht vereinbaren. Aber für Ralf gibt es sowieso nichts Schöneres, als beim Sonnenuntergang im Garten zu sitzen und den Vögeln zuzusehen. 

© Ira Göller

Zero Waste: Ein Leben ohne Plastikmüll 

Als Tami Jarvis begann, aus Tierliebe vegan zu leben und sich dadurch mehr mit den Auswirkungen ihres Konsums zu beschäftigen, wurde sie wütend. Auf sich und ihre Art, Ressourcen zu verschwenden, auf den Strohhalm in ihrem Gin Tonic und auf die Plastikverpackung der Gurke aus dem Supermarkt. 

Heute ist Tami eine wichtige Stimme der Zero-Waste-Bewegung und will andere mit ihrem (fast) müllfreien Leben inspirieren. Seit zwei Jahren versucht sie, keinen Müll mehr zu produzieren. Diese Herausforderung war „ein Albtraum. Dein ganzes Leben wird davon beeinflusst. Du kannst nicht einmal unterwegs einen Snack kaufen, es sei denn, du kaufst einen Apfel.“ Um diese Situation zu ändern, hat sie vor einem Jahr den Harmless Store im Norden Londons gegründet. Wer den kleinen Laden in dem knallgelben Häuschen betritt, findet nicht nur Lebensmittel wie Reis, Nudeln oder Olivenöl zum Selbstabfüllen, sondern auch kompostierbare Zahnbürsten oder eben wiederverwendbare Strohhalme. 

Anderen zu helfen, weniger Müll zu produzieren, das ist Tamis Leidenschaft. Einsteiger*innen empfiehlt sie, in einem Mülltagebuch eine Woche lang alles aufzuschreiben, was in der Tonne landet – und dann auf die drei häufigsten Müllquellen in der nächsten Woche zu verzichten. 

Tami produziert inzwischen 90 Prozent weniger Müll als noch vor zwei Jahren. Und gar keinen Plastikmüll mehr.

© Ira Göller
 

Tiny House: Zeitwohlstand auf kleinstem Raum

Im Sommer 2017 krempelte Lisa Koßmann ihr Leben um. Neben einem Masterstudium der Philosophie begann sie, sich ihr eigenes Haus zu bauen. 

Während der Auszeit, die sie sich für den Bau ihres Tiny House genommen hatte, merkte sie, dass sie eigentlich lieber handwerklich arbeiten als am Schreibtisch sitzen will. Außerdem ist ihr die räumliche Unabhängigkeit wichtig, die sie durch ihr kleines Häuschen mit fahrbarem Untersatz gewinnt. „Jede Woche sieht bei mir anders aus, manchmal auch jeder Tag.“ Lisa ist davon überzeugt, dass ihr Tiny House ihr ein unabhängiges, spontanes und ressourcenschonendes Leben ermöglicht – mit mehr Lebenszeit für das, was ihr wirklich wichtig ist. 

Dabei müsse man aber bedenken, dass man dieses Haus nicht einfach irgendwo hinstellen kann. „Ein Leben im Tiny House entspricht nicht dieser romantischen Vorstellung vom mobilen Leben“, sagt Lisa. Einen Stellplatz für ein Tiny House in Deutschland zu finden, sei wegen vieler Auflagen sehr kompliziert. Doch durch die geringe Pacht, die sie für ihr Grundstücksplätzchen zahlen muss, braucht sie weniger Geld und muss deswegen weniger arbeiten.

© Ira Göller

Minimalismus: Was ich alles (nicht) zum Leben brauche 

Frustriert von der Arbeitsmühle, in der er sich befand, kündigte Christof Herrmann 2006 seinen Job, seine Wohnung sowie fast alle seine Versicherungen und schwang sich für die folgenden eineinhalb Jahre aufs Fahrrad. Rückblickend sagt er, er habe eigentlich nie in seinem 9-to-5-Job in der IT-Branche arbeiten wollen. 

Die Weltreise mit dem Fahrrad bedeutete wenig Platz für Gepäck: „Ich hatte da ja den ganzen Haushalt in meinen fünf Fahrradtaschen. Und bei dem wenigen, was man dabei hat, hat man doch irgendwie alles, was man braucht.“ 

Heute wohnt Christof in einer kleinen Wohnung, hat noch fünf Hemden und fünf T-Shirts und verdient seine Brötchen als freier Autor. Neben dem Verzicht auf Dinge gehört für Christof auch eine bewusste Gestaltung seiner sozialen Beziehungen zu einem minimalistischen Lebensstil: „Ich will wirklich nur Menschen treffen oder Texte schreiben, auf die ich tatsächlich Lust habe.“ 

© Ira Göller


Das Grundeinkommensgefühl: Eine Jahr ohne Existenzangst 
 

Was wäre, wenn du plötzlich ein Grundeinkommen hättest? Jeden Monat tausend Euro auf deinem Konto, einfach so. Die politische Kampagne „Mein Grundeinkommen“ macht aus „Was wäre, wenn?“ Realität. 

„Unser Grundeinkommen ist bedingungslos. Die Gewinner*innen machen die unterschiedlichsten Sachen damit. Sie reisen, bilden sich weiter, spenden es, gründen … “, sagt Christina Strohm, die alle Gewinner*innen des Grundeinkommens durch ihr Jahr begleitet. 

Landwirt Henrik Maaß gehört zu den glücklichen Gewinnern der Losziehung im Juli 2017. Bei ihm stellte sich sofort ein Gefühl der Erleichterung und Dankbarkeit ein. Das Grundeinkommen war eine Möglichkeit, freier zu handeln. Henrik engagierte sich agrarpolitisch und setzte sich für Ernährungssouveränität ein. „Mit der Pause von der Existenzangst entsteht eine Leichtigkeit“, sagt er. 

„Das ist das Grundeinkommensgefühl, das wir erforschen wollen”, sagt Christina. „Die Pause von den Existenzängsten dauert bei uns zwar nur ein Jahr, aber oft beeindruckt sie Menschen so nachhaltig, dass es ihr Leben langfristig verändert.“


 

Kick OffDieser Artikel wurde im Print-Magazin Neue Narrative veröffentlicht. Wenn du mehr Geschichten zu neuen Arbeits- und Wirtschaftsformen lesen willst, kannst du das Magazin hier abonnieren.