Neues Arbeiten braucht neue Räume. Aber was ist dieses „Neue Arbeiten“ und mit welchen räumlichen Ideen lässt sich dieses Arbeiten unterstützen? Wir nehmen uns das Thema scheibchenweise vor. In un-serer sechsten und letzten Folge widmen wir uns dem Prinzip „Identity“.

Willkommen bei XYZ

Erinnerst du dich noch an das letzte Mal, als du ein Unternehmen, eine Agentur oder eine Organisation, welche nicht deine eigene ist, besucht hast? An den Moment, als du um die Ecke biegst und das Gebäude siehst? An den Moment, als du aus dem Aufzug in Richtung Empfangstresen trittst? Wie war das, was hast du erlebt? Vielleicht stehst du plötzlich vor einem futuristisch geshapten, glänzend grauem Counter. Und zwei junge Empfangsherren mit Bluetooth-Headset begrüßen dich mit einem „Willkommen bei…“. Oder es gab gar keinen Counter, und eine Mitarbeiterin empfängt dich und führt dich durch zwei Teambereiche mit nett winkenden Kollegen in den offenen Café-Bereich. 

Eine Identität in Sekunden 

Es ist eine alte Regel. Aber die Eindrücke der ersten Sekunden prägen unser Bild von etwas nachhaltig. Halb bewusst, halb unbewusst bauen wir uns ein komplettes mentales Bild über die Identität des Gegenübers. Die riesigen Wissenslücken, die wir hier anfangs haben, füllen wir mit Hypothesen, die wir aus vergangenen Erfahrungen mitbringen.  

Und das gilt nicht nur beim Dating. Auch ein Bild über die Identität eines Unternehmens bilden wir uns in Sekundenschnelle: Flexibel oder beständig, seriös oder spielerisch, „am Zahn der Zeit“ oder klassisch, prosperierend oder knauserig, Mitarbeiter-geprägt oder ausgeprägte Hierarchie, Betonung auf Offenheit oder Sicherheit…über die Ausprägung und Wichtigkeit dieser Werte haben wir sofort eine Hypothese. Und diese bilden wir vor allem auch durch den ersten Eindruck, den wir von dem Wirkungsort eines Unternehmens bekommen.

Das Office als Kommunikationsmittel

Natürlich haben auch andere Faktoren hierauf einen Einfluss. Unser Vorwissen zum Unternehmen, die Website, die ganze Corporate Identity, und vor allem auch die Menschen, die wir aus dem Unternehmen kennen oder kennenlernen. Aber das Office als Kommunikationskanal für die Unternehmenswerte und die eigene Identität ist stark und wird meist unterschätzt. Gerade in Zeiten der Fülle an verfügbaren Informationen zu Unternehmen auf allen möglichen Kanälen wird der Besuch eines Unternehmensstandortes und das Erlebnis dort wieder ein wichtiger Schritt des Kennenlernens. Sowohl für Kund*innen und Geschäftskund*innen als auch für potenzielle und neue Mitarbeiter*innen. 

Die Identität gestaltet die Arbeit

Die Kommunikation der Identität als Unternehmen wirkt aber nicht nur nach außen. Denn all die Dinge die wir hier zeigen und senden, wirken auch nach innen, in Richtung Mitarbeiter*innen. Ob bei uns zum Beispiel alles hochglänzend, teuer, empfindlich und festgeschraubt ist, oder wir Pappmöbel, Rolltische und überall verstreute Arbeitsmaterialien haben, hat auch einen Einfluss auf unser Arbeiten. Werte, die wir über unser Look & Feel der Arbeitsumgebung kommunizieren, färben eben auch stark unsere Werte des Arbeitens. Und das ist übrigens ein starkes Argument, sich wirklich über die Unternehmenswerte Gedanken zu machen, und diese dann stringent, und für „außen“ und „innen“ einheitlich zu kommunizieren. Im Folgenden ein paar Ideen, wie man sich einem eigenen Look & Feel nähern kann.

Vergangenheit ist Zukunft

Ältere, traditionsreiche Unternehmen, haben etwas, das junge Unternehmen nicht haben: Tradition! Diese zu zeigen, und immer wieder zeitgemäß zu interpretieren, kann gerade in Zeiten von ständig Neuem, Improvisiertem und Temporären – wie es viele junge Unternehmen vorleben –  fast schon erfrischend und anziehend wirken. Die Idee, ein altes Unternehmen ständig weiterzuentwickeln, und Neues immer auf ein altes, solides Fundament zu setzten lässt sich gestalterisch wunderbar einfach umsetzen. Zum Beispiel über das Spielen mit den traditionellen Farben, und das Verbinden von klassischen Elementen und Materialien mit Neuem.

München-Style

Eine weitere Ebene, die die Identität einer Umgebung stärkeren kann, ist der lokale Bezug. Genauso wie jedes Unternehmen ist jeder Ort für sich genommen einzigartig und zeichnet sich durch spezielle Sprachcodes, Werte oder eine bestimmte ethische Haltung aus. Es kann daher äußerst fruchtbar sein, eine Verbindung zwischen dem Arbeitsplatz und der Stadt, in der er sich befindet, herzustellen. Das kann ein Zusammengehörigkeitsgefühl erzeugen. Immer öfter finden wir auch in international agierenden Unternehmen Artefakte, die auch die lokale Geschichte des jeweiligen Standortes widerspiegeln. Fotos der umliegenden Berge, ein paar Exponate von lokalen Künstlern oder die Adaption der lokalen Biergartenkultur können schon einen Unterschied machen. 

Wir-Design

Neben der Werte aus Unternehmenssicht gilt es, vor allem auch den Werten der Mitarbeiter*innen Platz zu schaffen. Im wortwörtlichen Sinne. Idealerweise unterscheiden sich beide Wertesysteme nicht stark, sondern bringen nur andere Aspekte in den Fokus. Platz für die Gestaltung durch Mitarbeiter*innen schaffen wir auf Wänden, in Räumen, auf Fluren. Vielleicht hat jedes Team die Möglichkeit, seinen Teamraum selbst zu gestalten. Vielleicht gibt die Branche unseres Unternehmens auch interessante Dinge her, die wir zur Gestaltung nutzen können. So gestalten die Mitarbeiter*innen bestimmter eBay-Standorte zum Bespiel ihre Meetingräume – aber nur mit Second-Hand-Möbeln von der eigenen Plattform. Welches Thema ließe sich bei euch nutzen?

Instagram ready!

Gerade für Unternehmen, die eine starke Identität pflegen, kann es interessant sein, diese besser transportierbar in soziale Netzwerke wie z.B. Instagram zu machen. Da in vielen Netzwerken knallige Fotos eine zentrale Rolle spielen, kann diese Perspektive bei der Gestaltung berücksichtigt werden. Es gilt ein paar Orte zu schaffen, die so besonders oder schön oder verrückt sind, dass wir gerne über sie erzählen, und dass sie ein Foto wert sind. Die "Google-Rutsche" ist hier ein perfektes Beispiel. Hier rutscht zwar niemand, aber das Netz ist voll mit Fotos davon. 

Übrigens: Meistens existieren ja Unternehmenswerte bereits, und damit die Grundlage der Identitätsfindung. Der nächste Schritt, das Ableiten einer räumlichen Identität kann wirklich Spaß machen! Und vielleicht waren in diesem Artikel ja ein paar erste Gedankenanstöße dabei.

Maria EschbachPascal ist Mitgründer der Berliner Innovationsagentur Dark Horse und ihrer ersten Tochter, der Dark Horse Workspaces. Das Team unterstützt Unternehmen bei der Realisierung neuer Arbeitsumgebungen und ist Erfinder des Open Space - Raumteilersystems Supergrid. In ihrem Buch „New Workspace Playbook“  finden alle Inspiration und Argumentationshilfen, die erkannt haben, dass die Arbeitsumgebung einen enormen Einfluss auf neues Arbeiten hat. So kann jede*r seine eigene Arbeitssituation genau evaluieren und die jeweils passenden räumlich-gestalterischen Maßnahmen ergreifen, um die Arbeit zu optimieren.