Sprühende Funken, klaustrophobische Enge, erschöpfte Gesichter: „Das Eisenwalzwerk” – so heißt das 1875 entstandene Gemälde von Adolf Friedrich Erdmann von Menzel, das seine Betrachter*innen fast physisch spüren lässt, wie sich die Arbeitsrealität zur Zeit der Hochindustrialisierung angefühlt haben muss: laut, dreckig, anstrengend und vor allem gefährlich. Die Auszehrung von Körpern und der Verschleiß physischer Ressourcen gehörten zur Zeit Menzels zum Wesen von Arbeit. Erst mit der Einführung von Arbeitsschutzmaßnahmen galten Gesundheitsgefahren nicht mehr länger als der unvermeidliche Preis des Fortschritts – oder gar als individuelles Verschulden.

Damals Körper, heute Köpfe

Heute hat sich das arbeitsbedingte Verletzungsrisiko, zumindest für die meisten von uns, auf die Verbrennung an der morgendlichen Tasse Kaffee oder den fast schon obligatorischen „Rücken” reduziert. Doch der Wandel hin zu einer Informationen und Daten verarbeitenden Gesellschaft hat andere Formen der Beanspruchung mit sich gebracht: Die Zahl der Krankschreibungen aufgrund von psychischen Belastungen und Erkrankungen hat sich zwischen den Jahren 2007 und 2017 mehr als verdoppelt. Arbeitnehmer*innen klagen vermehrt über Überlastungssymptome, Schlaflosigkeit und Depressionen. 

Anhaltender Zeit-, Leistungs- und Wettbewerbsdruck, zu dünne Personaldecken, fehlende Gestaltungsspielräume, ständige Unterbrechungen durch digitale Kommunikationsmedien und – ganz allgemein – die zunehmende Beschleunigung und Verdichtung von Arbeit sind dabei Faktoren, die zur geistigen und emotionalen Erschöpfung beitragen. Das zeigen auch international vergleichende Studien. „Jahrtausende lang haderten Menschen mit den Grenzen ihrer physischen Kräfte. Im 21. Jahrhundert werden sie mit den Grenzen ihrer psychischen Kräfte konfrontiert.”, fasst der Gesundheitswissenschaftler und Soziologe Prof. Dr. Bernhard Badura diese Entwicklung anlässlich eines 2016 erschienenen Fehlzeitenreports zusammen.

Wer New Work sagt, muss auch Mental Health sagen 

Seit 2013 das Arbeitsschutzgesetz auch die Verhütung psychischer Gesundheitsgefahren mit einschließt, gelangt die Psyche vermehrt ins Bewusstsein von Unternehmen. Doch nicht nur dank der neuen Vorstöße des Arbeitsschutzes, sondern auch durch die gesellschaftsverändernden Impulse der New Work Bewegung, gerät die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz verstärkt in den Fokus. 

Die dem Konzept von New Work zugrunde liegende Frage nach Sinnhaftigkeit und Selbstentfaltung im Beruf unterstreicht die Wichtigkeit von Kompetenzerfahrung und Selbstbestimmung – Fähigkeiten, für die psychische Gesundheit und mentales Wohlergehen die unumgängliche Basis bilden. 

Und so unterstreichen jüngste Stimmen aus dem Feld der Arbeitspsychologie auch, wie wichtig es ist, dass sich New Work-Offensiven nicht nur in oberflächlichen Umstrukturierungen erschöpfen, sondern die psychische Gesundheit in Teams und Führungsetagen zu ihrem Ziel erklären – indem sie beispielsweise das Erleben von Empowerment stärken.

Doch wo setzt man bestenfalls an, um das eigene Unternehmen psychisch gesund zu gestalten? Hier kommen 5 To Do’s für mehr Mental Health im Büro.

1. Relevanz erkennen und Verantwortung übernehmen

First things first: Um etwas an arbeitsbedingten psychischen Belastungsfaktoren zu verändern, müssen wir erst einmal anerkennen, dass es sie gibt. Denn dass unsere Arbeitsbedingungen Einfluss auf unsere Psyche haben, ist leider noch immer nicht common sense.  Die Entstehung psychischer Erkrankungen und Belastungen ist multifaktoriell bedingt – genauso verhält es sich mit der Entstehung von psychischer Gesundheit. Unternehmen sollten daher bestenfalls tiefer ansetzen als beim nachmittäglichen Yogakurs. Führungsstil, Unternehmenskultur und Organisationsstruktur sind die Hebel, an denen sich richtig etwas bewegen lässt für unsere psychische Gesundheit.

2. Das Ego vom Fahrersitz stoßen

Vertrauensvoll, gleichwertig, anerkennend, transparent – warum sollten sich die Erwartungen, die wir an unsere alltäglichen Beziehungen stellen, mit Betreten des Büros in Luft auflösen? Obwohl wohl jede*r unterschreiben würde, dass sie/er sich wünscht, auch auf Arbeit als gleichwertiger Mensch zu erscheinen, ist das Konzept von Führung in unseren Köpfen immer noch stark mit Autorität und Machtspielchen verknüpft. Und das, obwohl Studien längst belegen, was einen psychisch gesunden Führungsstil ausmacht: Er ist auf Dialog und Handlungsspielraum ausgerichtet, setzt auf Partizipation und berücksichtigt die sozial-emotionalen Bedürfnisse aller Organisationsmitglieder. 

3. Repeat after me: „Culture is key!”

Der Obstkorb an der Rezeption ist das höchste der Gefühle in Sachen Unternehmenskultur? Das ist nicht nur schade, sondern auch eine vertane Chance, um psychische Gesundheit im Unternehmen langfristig zu stärken. Anstelle von Angst auf vertrauensvolle Kooperation zu setzen, schützt die psychische Gesundheit nämlich nachweislich – und erleichtert das Finden und Binden guter Mitarbeiter*innen. Für ihr kürzlich erschienenes Buch „Starting a Revolution” interviewten die Gründerinnen Naomi Ryland und Lisa Jaspers erfolgreiche Unternehmer*innen mit etwas anderen Unternehmensleitlinien. Das Ergebnis: Echte Verletzbarkeit willkommen zu heißen und einen Raum für ehrliche Kommunikation zu schaffen ist weit mehr als ein kuscheliges Nice to Have, sondern ein handfester Erfolgsfaktor.

4. Fähigkeiten vor Status stellen

Das Gefühl, etwas gut zu können, beflügelt uns. Es schenkt uns das, was Psycholog*innen als „Selbstwirksamkeit“ bezeichnen: Die Überzeugung, auch schwierige Situationen und Herausforderungen aus eigener Kraft erfolgreich bewältigen zu können. Selbstwirksamkeit ist ein Stützpfeiler unserer psychischen Gesundheit, wird aber in streng hierarchisch organisierten Arbeitsstrukturen häufig eher verhindert, als gefördert. Statusdenken und das Beharren auf erkämpfte Posten sind weit verbreitet und verhindern, dass die/der Einzelne ihre/seine Fähigkeiten voll ausspielen kann. Um die Potentiale im Team gut zu nutzen und Menschen zu erlauben, sich einzubringen, müssen unliebsame Glaubenssätze und Vorstellungen weichen. „Als Führungskraft/Gründer*in muss ich alles besser können als die anderen.” oder „Die anderen müssen es so machen, wie ich es machen würde.” sind Beispiele für solche destruktiven Denkmuster.

5. New Work als „People’s Project“ betreiben

Home Office, Remote Work, Vertrauensarbeitszeit: So heißt die heilige Dreifaltigkeit der New Work Konzepte, die dem „9 to 5”-Modell neuere, flexiblere Arbeits- und Organisationsstrukturen entgegensetzen. Doch auch, wenn sich der Abschied der Anwesenheitspflicht im Büro erst einmal wie ein Befreiungsschlag anfühlen mag – wenn es um die psychische Gesundheit geht, muss „neu“ nicht immer gleich „besser“ bedeuten. Während Remote Work für die einen psychische Entlastung mit sich bringt, kann es die anderen in Überlastungsgefühle und Schlaflosigkeit katapultieren. In einer von Buffer durchgeführten Studie wird Fernarbeit beispielsweise mit verstärkt auftretenden Depressions- und Angstsymptomen in Verbindung gebracht. Was das heißt? Auch das noch so schillernde New Work Konzept muss zu den Menschen passen, die es leben. Am Team vorbei designed, kann es mehr schaden als nützen.

Wenn sich Unternehmen diese Tipps zu Herzen nehmen und ihre Teams in ihrer psychischen Gesundheit aktiv unterstützen, dann bleibt New Work nicht nur fancy Strukturkosmetik – sondern wird zur echten Chance, unser Arbeiten nachhaltig gesund zu gestalten.

SHITSHOW ist eine Kommunikations- und Beratungsagentur für psychische Gesundheit. Genau genommen die erste ihrer Art. Wir beraten und befähigen Organisationen, Bildungseinrichtungen und Unternehmen, nachhaltiger mit den psychischen Ressourcen derjenigen umzugehen, die bei ihnen Leistung erbringen – und ihre Teilhabe, Kreativität und Produktivität zu erhalten. Dafür entwickeln wir Formate, die informieren, sensibilisieren und qualifizieren. Unser Ziel: Psychisch gesunde Organisationen, in denen Menschen ihre Potenziale voll entfalten können.