Plastik-Teppiche im Meer, verfehlte Klimaschutzziele und ein Welterschöpfungstag, der Jahr für Jahr früher eintritt. Dieser „Earth Overshoot Day“ oder „Ökoschuldentag“ beschreibt den Tag, an dem wir als Gesellschaft alle nachhaltig generierbaren Ressourcen eines gesamten Jahres bereits aufgebraucht haben. Dieses Jahr überziehen wir als Weltbevölkerung schon ab dem 1. August unser Öko-Konto – und leben auf Pump. Das ist wieder einen Tag früher als noch 2017. Und fast zwei Monate früher als vor zehn Jahren: 2008 begingen wir den Welterschöpfungstag nämlich „erst“ am 23. September.

Dass wir als Gesellschaft wider aller Vernunft nicht längst sozialer und umweltfreundlicher sind, liegt zum einen daran, dass Nachhaltigkeit ein weites und auch komplexes Feld ist. Veränderungen müssten sich durch die ganze Gesellschaft ziehen. Auch ist der Weg zu sozial und ökologisch bewährten Strukturen nicht immer eben, sondern oft holprig und verschlungen. Nicht alle Lösungen liegen direkt auf der Hand. Manche führen sogar zu Interessenskonflikten. Beispielsweise zwischen politischen Zielen für Klimaschutz und dem Wunsch, Arbeitsplätze zu erhalten – wenn auch in einer klimaschädlichen Industrie wie der Kohleförderung.

Oder es entstehen Zielkonflikte, wenn ein grünes Unternehmen ein Angebot für Investitionen von Seiten der Ölindustrie bekommt, die wiederum maßgeblich für Treibhausgasemissionen und die Klimakrise verantwortlich ist. So wie erst vor Kurzem der Mineralöl-Riese Shell bei Sonnen, einem Start-up im Bereich erneuerbare Energien, als Anteilseigner eingestiegen ist.

Unterm Strich zählt, ob sich etwas zum Besseren bewegt

Hinzu kommt, dass häufig selbst gut gemeint nicht gut gemacht ist. Denn zu oft erweisen sich selbst vermeintlich zukunftsweisende Ideen als Sackgasse. Nehmen wir nur das mittlerweile bereits weitgehend bekannte Dilemma um Bio-Sprit: Der Ansatz, Stück für Stück von fossilen Energieträgern wegzukommen, ist für den Klimaschutz essenziell. Doch Regenwälder für Plantagen abzuholzen, um unseren Treibstoff-Bedarf durch Palmöl zu sättigen, ist bei Weitem keine optimale Lösung. Denn es zählt nicht der gute Wille, sondern Lösungen, die auch von allen Seiten beleuchtet und unterm Strich zu mehr Umwelt- und Klimaschutz beitragen.

Deswegen zu verzweifeln oder es sich leicht machen – und gar nichts zu tun – hilft nicht weiter. Stattdessen müssen wir uns trauen, mit kritischerem Blick auf vermeintliche Lösungen zu blicken – idealerweise bevor Prozesse aus dem Ruder laufen, doch spätestens danach. Das gilt für uns als Privatpersonen und im Beruf, für Politiker, Unternehmer, Investoren, für die Medien und auch für Vereine und NGOs. Denn wir müssen nicht nur Akteure und Strukturen unter die Lupe nehmen, die bisher gar nicht zu mehr Nachhaltigkeit beitragen. Sondern auch die Ideen und Konzepte, die bereits zukunftsweisend wirken. Und zwar auf gleich drei Ebenen:

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Greenwashing erkennen und entlarven

Erstens gibt es Akteure, häufig Unternehmen, die den Bewusstseinswandel im Kontext von Nachhaltigkeit für ihre Marketingzwecke nutzen. Doch ohne wirklich etwas in diese Richtung zu leisten. Bei diesem sogenannten Greenwashing wird beispielsweise durch eine öffentlichkeitswirksame, aber nur augenscheinlich nachhaltige Maßnahme – wie ein selbst erteiltes Öko-Label oder die Umstellung auf ein grünes Verpackungsdesign – ein umweltbewusster Anschein erweckt.

Doch Greenwashing ist aus gleich mehreren Gründen problematisch: Zum einen bekommt die Gesellschaft das Gefühl, dieser Akteur bringe eine positive Entwicklung voran – Konsumenten oder auch Politikern wird suggeriert, an dieser Stelle keinen Druck ausüben zu müssen. Außerdem verzerrt Greenwashing den Markt für wirklich nachhaltige Produkte oder Dienstleistungen, da es Konsumenten in die Irre führt. Es gilt daher, diese Fälle von Greenwashing zu entlarven. Doch das geht nur durch einen konsequent kritischen Blick.

Eine unbequeme Wahrheit

Zweitens ist eine stetige Evaluation selbst ernst gemeint nachhaltiger Konzepte wichtig. Denn nur so kann man früher erkennen, ob ein Ansatz zwar gut gemeint, aber nicht gut gemacht ist. Und zugleich verhindern, dass wertvolles Potenzial intrinsischer Motivation verschenkt wird. Zwar ist es nicht immer angenehm, ausgerechnet die Akteure unter die Lupe zu nehmen, die ehrlich nachhaltig sein wollen – schließlich passiert überhaupt etwas und man will nicht demotivieren. Aber dem Klima, Regenwald oder Blauwal ist nicht geholfen, wenn eine Maßnahme unterm Strich doch keine oder nicht genügend Wirkung zeigt.

Wie viel nützt es beispielsweise dem Ökosystem Ozean, wenn ein Textilkonzern wie Adidas zwar aus Meeresmüll Sportbekleidung herstellt, doch diese und weitere Produkte der selben Firma beim Waschen Mikroplastik abgeben und nach der Nutzung durch fehlendes Recycling über Umwege doch wieder im Meer landen? Hier sollte also lieber der gesamte Produktdesign und -lebenszyklus hinterfragt werden, um eine ganzheitliche Lösung zu finden.

Grauzonen sind keine Entschuldigung

Natürlich gibt es auch Grauzonen, was nachhaltig ist und was nicht. Alltags-Beispiele sind Papiertüten statt Plastikbeutel im Supermarkt: In der Herstellung haben Papiertüten nämlich einen größeren ökologischen Fußabdruck als Plastiktüten. Doch gelangt Kunststoff in die Umwelt, baut es sich erst nach Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten ab – und führt dadurch zu fatalen Umweltproblemen. Auch das Konzept der Bio-Kunststoffe ist bisher noch nicht ausgereift.

Denn Bio-Plastik wird nicht ausschließlich aus Nebenprodukten oder Abfällen, sondern oft aus aufwendig angebauten Rohstoffen gewonnen, die auch als Nahrung hätten dienen können. Außerdem sind Bio-Kunststoffe oft noch schwer recycel- oder kompostierbar. Und sogar Unverpackt-Läden sollten sich kontinuierlich einem kritischen Blick unterziehen, ob all ihre Praktiken im gewünschten Maß zu Einsparung von Ressourcen führen.

Doch diese Herausforderungen sind keine Entschuldigung, nicht weiter nachzuhaken, sondern ein Grund mehr für eine reflektierte Herangehensweise. Denn insbesondere bei unsicheren oder zweifelhaften Grauzonen ist es wichtig, verschiedene Ansätze abzuwägen, oder ganz neue Alternativen zu suchen.

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Von Positivbeispielen lernen

Drittens brauchen wir eine lebendige Fehlerkultur – auch, um aus Erfahrungen bewährter Beispiele zu lernen. Konstruktives Feedback zu geben und zu bekommen, ist für erfolgreich nachhaltige Konzepte und Akteure ebenso wichtig. Denn Nachhaltigkeit ist kein Endzustand, den man eines Tages erreicht. Es ist ein Leitbild für einen Prozess, der immer wieder spannende Erkenntnisse und Lerneffekte bereithält. Wenn man sich darauf einlässt. Und das sollten wir viel mehr tun.

Wir brauchen ein neues Meta-Label

Daher brauchen wir vor allem eine konsequente und verpflichtende Sozial- und Ökobilanzierung, um künftig immer eindeutiger sagen zu können, was welche negativen oder positiven Einflüsse auf Umwelt und Gesellschaft hat. Dabei könnte die bereits weit entwickelte Methode des ökologischen Fußabdrucks für Produkte und Dienstleistungen eine wertvolle Grundlage bieten. Zusätzlich müssten auch die gesellschaftlichen Auswirkungen integriert werden – im Sinne eines sozial-ökologischen Fußabdrucks.

Eine solche ganzheitliche Bilanzierung sollte in einem laufenden Verfahren immer weiter standardisiert und reflektiert werden. In diesem Kontext müsste auch ein demokratischer Diskurs entstehen, um zu vereinbaren, wie wir Schäden an Umwelt und Allgemeinheit künftig bemessen und verhindern wollen. Und wie wir als Gesellschaft verschiedene Interessenkonflikte abwägen und auflösen können.

Um die Ergebnisse der sozial-ökologischen Bilanzierung für Konsumenten, Politiker oder auch Investoren möglichst transparent und nachvollziehbar aufzubereiten, könnte daraufhin die Entwicklung eines Meta-Labels sinnvoll sein. Ein solches übergeordnetes Siegel sollte illustrieren, welche Konzepte nach unabhängiger Prüfung als nachweisbar zukunftsfähig eingeschätzt werden, und welche nicht. Es würde die gesamte Wertschöpfungskette – von Rohstoffbeschaffung, über Produktdesign, Herstellung, Transport, Nutzung bis zur (fehlenden) Wiederaufbereitung der Rohstoffe im Kontext aller Dimensionen von Nachhaltigkeit berücksichtigen, und ein jeweiliges Urteil abbilden.

Dieses Meta-Label müssten dann nicht nur direkten Einfluss auf die Gesetzgebung haben – in Form von Standards, Anreizen und Kontrollen. Auch für Konsumenten, Investoren, Unternehmen, Medien und Organisationen entstünde ein neues Bewertungssystem, was erfolgreiche Konzepte ausmacht. Und wie man dem Leitbild Nachhaltigkeit immer näher kommen kann.

 

Dieser Artikel erschien zuerst beim enorm Magazin.