Die Qual der Wahl - im Zeitalter der scheinbar unendlich vielen Berufsmöglichkeiten ist es manchmal gar nicht so leicht, den EINEN zu finden. Wir haben Purpose und Business Coach Marilena Berends gefragt, wie man zu seinem persönlichen Job mit Sinn kommt.

Liebe Marilena, würdest du sagen, dass du mit dem was du jetzt machst, deinen Job mit Sinn gefunden hast?

Um ehrlich zu sein, weiß ich überhaupt nicht genau, was mein Job ist. Ich finde es völlig schwierig, mir eine wirkliche Bezeichnung zu geben. Zum einen habe ich einen Podcast, gebe ab und zu Coachings und organisiere Workshops. Das hat sich eigentlich alles mit der Zeit “von selbst” ergeben. Ich habe einen eigenen Blog gestartet und daraus hat sich ende 2017 ein Podcast entwickelt, den es auch heute noch gibt. Stück für Stück ist daraus ein Beruf, von dem ich leben kann, geworden. Ohne, dass ich es gleich gemerkt habe. Irgendwann habe ich angefangen Workshops zu geben und zu coachen, weil eine Nachfrage da war und gar nicht aus dem Antrieb um zu sagen: “Das ist jetzt mein Beruf”. Auch heute bin ich dabei, vieles von dem, was ich tue, wieder zu hinterfragen. Ich glaube nicht, dass ich bei meinem Traumjob angekommen bin und bezweifle, dass es den überhaupt gibt. Ich weiß nur: das was ich mache, macht mir Spaß. Außerdem liebe ich es, mich neu zu erfinden und immer wieder neue Wege auszuprobieren.

Wie sah dein Weg zu deiner jetzigen Tätigkeit aus? Gab es dabei  Umwege?

Als ich mich selbständig gemacht habe, war ich 23 und mitten im Studium. Ich habe klassisch BWL studiert und zuvor  die Studiengänge Kultur- und Europawissenschaften angefangen, aber wieder abgebrochen, obwohl sie mich eigentlich interessierten. Mein Selbstbewusstsein war damals allerdings noch nicht groß genug, um etwas nur aus Passion und ohne sichere Zukunftsaussichten zu machen. Da ich die ewige Fragerei, „was willst du damit denn schon anstellen?“, leid war, entschloss ich mich also BWL zu studieren. Mein Plan war dann als Unternehmensberaterin in einem der Big 5 Unternehmen zu arbeiten. Bei einem Praktikum in einem großen Konzern habe ich dann jedoch festgestellt, dass das so ziemlich das Letzte ist, was ich machen möchte. Für mich war diese Erkenntnis, nicht den ganzen Tag Excel-Tabellen ausfüllen zu wollen die absolute Befreiung. Ein weiteres Praktikum bei einem Start-up, verhalf mir zu mehr Gewissheit: ich wollte mehr Eigenverantwortung bei der Arbeit und etwas eigenes machen – auch wenn ich damals noch keine konkreten Vorstellungen hatte. Witzigerweise wusste ich aber schon, dass ich gerne die Arbeitswelt verändern möchte.

Wenn du auf deinen bisherigen Karriereweg zurückblickst: würdest du im Nachhinein alles nochmal genauso machen ?

Auch wenn ich viele Dinge jetzt anders machen würde, bereue ich keine meiner Entscheidungen. Ich habe mich während meines Abiturs total gestresst und mir ging es, um ehrlich zu sein, physisch und psychisch ziemlich schlecht. Vor allem, weil ich von all den Wahlmöglichkeiten völlig überfordert war und viel zu große Ansprüche an mich selbst hatte. Im Nachhinein würde ich viel mehr darauf vertrauen, das zu tun, was mir wirklich gefällt. Aktuell starte ich z.B. noch ein Philosophie- und Politik Studium. Das wäre auch damals schon etwas für mich gewesen. Trotzdem hätte ich mich damals vermutlich nicht getraut, etwas zu machen, dass als allgemeinhin als brotlose Kunst angesehen wird. Heute habe ich das Selbstbewusstsein, zu sagen: “mir egal, ich mache das trotzdem”.

Was rätst du Menschen, die sich einen Job mit Sinn wünschen, aber nicht wissen, was sie eigentlich erfüllt?

Ich glaube das Schwierigste dabei ist die Sozialisierung – also wie wir aufwachsen und beeinflusst werden. Das gilt es zu beleuchten und sich zu fragen: wer bin ich eigentlich und was sind Sichtweisen, die ich von außen übernommen habe, aber vielleicht gar nicht von mir kommen? Wie wichtig ist mir wirklich Geld? Wie wichtig ist mir Ansehen? Häufig müssen wir uns erstmal tiefergehend mit uns selbst beschäftigen und uns bewusst die Zeit dazu nehmen. Dann stellen wir manchmal fest, dass wir Dinge tun, hinter denen wir eigentlich gar nicht so wirklich stehen. Diese radikale Ehrlichkeit mit sich selbst ist zunächst schwierig und nicht besonders angenehm, dafür aber umso hilfreicher. 

Außerdem haben die wenigsten Menschen nur einen Job oder eine Berufung, die sie über ihre gesamte Karriere ausüben und immer damit zufrieden sind. Im Gegenteil “zwingen” uns Veränderungen in der Arbeitswelt wie z.B. die Digitalisierung dazu, uns immer wieder neu zu erfinden. In Zukunft wird kreatives Denken und die Anwendung von Wissen im Transfer, immer wichtiger werden. Letztendlich braucht man eine gewisse Neugier und verdammt viel Mut, um sich überhaupt zu erlauben, herauszufinden was einem Freude bereitet. Das kann niemand anderes für einen übernehmen. Deswegen würde ich mir auch mehr Einsatz von Institutionen und Unternehmen auf dieser Ebene wünschen, so dass mehr Raum für die eigene Entwicklung gegeben wird. D.h. weniger Bezug auf die Arbeitswelt, auch an der Schule, weniger “ich mach das jetzt weil das gut für meinen Job später ist”, sondern eher im Sinn von “das hilft mir, mich und meine Persönlichkeit weiter zu entwickeln”.

Wie kann ich mich selbst von den Erwartungen der Gesellschaft und meines direkten Umfeldes im Bezug auf meine Karriereentscheidungen befreien?

Das ist eine der größten Herausforderungen. Wir sind von Natur aus Wesen, die Gesellschaft brauchen und Anerkennung suchen - besonders von der Familie und Freund*innen. Wenn die in eine bestimmte Richtung gepolt sind, kostet es unglaublich viel Selbstbewusstsein, sich dem entgegen zu setzen. Gerade im Alter zwischen 16 und 19 während wir die ersten berufsbezogenen Entscheidungen treffen, fällt uns das schwer. Da hilft tatsächlich nur Zeit, um sich mit sich selbst zu beschäftigen und ein bisschen über den Tellerrand zu schauen. Ich bin damals – und das ist jetzt natürlich aus einer sehr privilegierten Situation heraus –  z.B. ins Ausland gegangen und habe dort mal ganz andere Lebensmodelle kennen gelernt und auch viel Armut gesehen. Dadurch konnte  meinen eigenen Horizont stark erweitern. Wichtig ist, immer wieder die eigenen Annahmen zu hinterfragen und vielleicht auch mit dem Umfeld darüber zu sprechen. Ich glaube, der offene Dialog ist sehr hilfreich. 

Wenn ich schon im Arbeitsleben bin: Woran merke ich, dass mein aktueller Job nicht der richtige für mich ist?

In den letzten Jahren hat der Sinnanspruch an unsere Arbeit stark zugenommen. Wenn man dauernd von Menschen umgeben ist, die ihrer Passion nachgehen, dann kann einen das extrem verunsichern. Auch hier ist die Sozialisierung ein wichtiger Punkt und man sollte sich fragen: was würde sich denn in meinem Leben verändern, wenn ich jetzt einen Job hätte, bei dem ich jeden Tag aus dem Bett springe und denke: “Yes, ich habe richtig Bock drauf” ? Brauche ich das wirklich? Will ich das wirklich? Viele Menschen finden ihre Tätigkeit nicht unbedingt 100 Prozent sinnerfüllend, aber sie lieben das Miteinander, ihre Kolleg*innen und alles was drumherum passiert. Sie können sich vielleicht sogar mit dem Unternehmen identifizieren und haben durch ihren Job viel Sicherheit und Freizeit. Nicht jeder muss zwingend sein Hobby zum Beruf machen. Wenn mein Job aber absolut nicht mehr passt, zeigt es sich oft nach einiger Zeit von selbst. 
Einige Mensche müssen tatsächlich erst in einen Burnout landen oder – noch schlimmer – in eine Depression fallen. Leider werden viele erst für die eigenen Bedürfnisse sensibel, wenn bereits körperliche Folgen auftreten. Deswegen ist es auch so wichtig, mit anderen offen darüber zu sprechen und in sich hineinzufühlen, um die eigenen Bedürfnisse wahrnehmen zu können. Auf der anderen Seite sollte man sich auch nicht zu schnell verunsichern lassen. Nur weil man ein paar mal morgens aufsteht nicht so richtig Lust auf Arbeiten hat, sollte man nicht gleich den Job kündigen. Dann hilft es, sich zu überlegen, was man stattdessen gerne machen würde.

Angenommen, ich habe eine super Arbeitsstelle ergattert, mit einem tollen Team und viel Freiheiten – eigentlich ein Traumjob. Trotzdem habe ich das Gefühl, damit nicht MEINEN Traumjob gefunden zu haben. Wie gehe ich in dieser Situation am besten vor? 

Das ist total charakter- und situationsabhängig. Wenn ich eine eigene Familie mit zwei Kindern und dadurch viel Verantwortung habe, überlege ich mir natürlich dreimal, ob ich meinen Job kündige. Vielleicht brauche ich mehr Zeit, um herauszufinden, was ich eigentlich will. Aber dann kann ich nicht einfach kündigen, weil ich kein Arbeitslosengeld erhalten würde. Gegebenenfalls sollte ich erstmal mit dem Arbeitgeber sprechen und überlegen, was ich jetzt in dieser Situation vielleicht schon mal in meinem Job intern verändern kann. So, dass mir die Tätigkeit kurzfristig zumindest mehr Spaß macht. Man sollte auch ansprechen, dass man Lust auf eine Veränderung hat. Manchmal sind interne Umgestaltungen schon sehr hilfreich, z.B. neue Herausforderungen oder die Tätigkeit wechseln. Es gibt so viele Jobs, die sich intern selbst geschaffen haben. Da ist oft mehr möglich, als man auf den ersten Blick vermuten mag. Ansonsten würde ich nicht direkt alle Brücken abbrechen, sondern mir neben dem Job mehr Freiheit suchen, vielleicht in Form einer Teilzeitstelle. Dadurch schaffe ich mir mehr Raum für Selbstreflexion.

Wann macht es aus deiner Sicht Sinn, nicht nur den Job, sondern auch den Beruf zu wechseln und als Quereinsteiger*in neu zu starten?

Es gibt nichts Besseres, als immer wieder das eigene Tun zu hinterfragen und sich neu zu entdecken. Manchmal stellt man fest, dass noch etwas anderes in einem schlummert, bei dem man sich weiterentwickeln möchte. Dann würde ich sagen: “Go for it”! Dabei sollte man aber eine Situation vermeiden, in der man Angst haben muss, weil man direkt den alten Job aufgibt. Sich weiterzubilden ist hingegen extrem wertvoll. Letztens las ich in der Zeitung von einem Mann, der zwischen 50 und 55 Jahren noch einen Malermeister gemacht hat, nachdem er lange  Zeit erfolgreich als Manager gearbeitet hatte. Ich glaube in Zukunft werden diese sogenannten Patchwork Lebensläufe immer mehr Bedeutung erlangen und ich wünsche mir für dieses Konzept mehr Offenheit und Akzeptanz in der Gesellschaft.

Welche Tipps kannst du Quereinsteiger*innen mit auf den Weg geben?

Es gibt viele Jobs, bei denen grundlegende Softskills wie Empathie, Lernbereitschaft, Offenheit, Neugier sehr wichtig sind. Das sind Fähigkeiten, die man eigentlich fast in jedem Bereich braucht und die man als Quereinsteiger*in nutzen sollte. Wenn ich drei Jahre im Marketing gearbeitet habe und dann aber etwas komplett anderes machen möchte, sollte ich mir zunächst nicht nur die dabei erworbenen Fähigkeiten anschauen, sondern insbesondere auch die Weiterentwicklung der eigentlichen Persönlichkeit. Dann kann ich mir überlegen, was ich davon im neuen Beruf gebrauchen und mit welchem Wert ich dabei einen Beitrag leisten kann. Ich bin davon überzeugt, dass man sich tatsächlich alles beibringen kann und, dass Fähigkeiten genauso wie Intelligenz erweiterbar sind. Die wichtigste Voraussetzung ist die Lust, sich weiter zu entwickeln. Bei meinem eigenen Team z.B. war es mir nie wichtig, was die einzelnen Menschen vorher gemacht haben. Viel mehr achtete ich darauf, ob sie wirklich Begeisterung für die betreffenden Bereiche mitbringen und sich dabei vertiefen möchten.
 

Mehr Informationen über Marilena Berends' Angebot als Coach, ihre Workshops und ihren Podcast "Sinneswandel" findet ihr hier.