Marco kommt aus Brasilien und ist Bundeskanzler-Stipendiat der Alexander von Humboldt Stiftung. Sein Projekt hier in Deutschland befasst sich mit „Inklusion am Arbeitsmarkt“ und zeigt mit positiven Beispielen und Geschichten wo wir bereits stehen und warum es sich lohnt noch mehr dafür zu tun. 

Das Streben nach einer vielfältigen und inklusiven Gesellschaft ist ein Vorhaben das uns alle betrifft. Das heißt jede*r kann etwas tun, damit dieses Ziel erreicht wird. Wie? Zunächst muss man die eigenen Vorurteile, die man möglicherweise hat, erkennen und sich dann fragen: sind diese Gedanken förderlich? Die Antwort ist: Natürlich nicht. Die Voraussetzung für ein vorurteilsfreies Denken ist ein Interesse für deine Mitmenschen und Empathie. Als Kind hatte ich zwar einige Klassenkameraden, die eine Hörbehinderung hatten und mein Schwager selbst hatte eine Behinderung, aber trotzdem fragte ich mich selten, welche Einschränkungen sie sich damit in unserer Gesellschaft gegenüber sahen. 

Mit positiven Geschichten Inklusion fördern

Im Mai 2018 habe ich vom Bundeskanzler-Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung gehört: eine Gelegenheit für international orientierte Hochschulabsolvent*innen mit ersten Führungserfahrungen, die angehenden Entscheidungsträger*innen, Multiplikator*innen und Impulsgeber*innen aus einem breiten Spektrum an Arbeitsbereichen sind. Ich habe mich sofort mit einem Projektvorhaben eingeschrieben, das nicht nur von gesellschaftlicher Relevanz ist, sondern auch eine nachhaltige und öffentlich sichtbare Wirkung entfaltet: die Inklusion von Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt.

Seit 2019 erhalte ich mit Hilfe dieses Stipendienprogramms die Möglichkeit für ein Jahr nach Deutschland zu kommen, um mich hier mit anderen von der Humboldt-Stiftung geförderten internationalen Nachwuchsführungskräften zu vernetzen und um nach neuen Antworten auf die globalen Fragen unserer Zeit zu suchen. 

Das Projekt mit dem Titel “Inklusiv: ein Blick auf die Inklusion von Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt” geht der Frage nach, wie Deutschland und Brasilien im fachlichen Austausch und Dialog voneinander lernen können. Als Journalist suche ich nach Geschichten über gelungene Beispiele der Inklusion im Bereich Arbeit sowohl in Deutschland als auch in Brasilien. Diese stelle ich auf meinen Blog, der „Inklusiv“ heißt. Dort berichte ich derzeit von meinen Erfahrungen, die ich in Deutschland sammle. Da ich alle Artikel auf Deutsch und Portugiesisch schreibe, können Interessierte beider Länder von meinem Blog profitieren.

Die Grundlage zu meinem Projekt bildet hauptsächlich das 1. Deutsch-Brasilianische Inklusions-Handbuch der AHK Brasilien; eine Publikation mit Artikeln verschiedener Expert*innen im Bereich Inklusion sowohl aus Deutschland als auch aus Brasilien, die ich vor einigen Jahren koordiniert habe. Laut dieser Publikation können beide Länder viel voneinander lernen, obwohl Deutschland bezüglich der Zugänglichkeit zum Beispiel weit voraus ist.

Die Lage der Inklusion auf dem Arbeitsmarkt ist meiner Meinung nach nicht so unterschiedlich, wenn man Brasilien und Deutschland vergleicht. Die Arbeitnehmer*innen mit Behinderung betragen weniger als 1% der brasilianischen Erwerbstätigen, während dieser Anteil bei knapp 2,5% in Deutschland liegt. Es fehlt ein starkes Bewusstsein für die Vielfalt und Inklusion bei Menschen ohne Behinderung in beiden Ländern, besonders unter Arbeitgebern. Das ist die größte Barriere, glaube ich. 

Deutschland bietet interessante Vorbilder im Bereich Inklusion auf dem Arbeitsmarkt

Während meiner Projektarbeit konnte ich einige inklusive Initiativen kennenlernen. Bei den meisten handelt es sich um regionale Aktionen, die in Nordrhein-Westfalen – genauer zwischen dem Ruhrgebiet und dem Münsterland – stattfinden. Ein Beispiel ist das Projekt "KAoA-STAR“ der Landschaftsverbände LVR und LWL, das den Übergang von Schule in eine Ausbildung oder ein Studium begleitet. „Kein Abschluss ohne Anschluss“ richtet sich an alle Schüler*innen ab der Jahrgangsstufe 8 bis zur Sekundarstufe II. Es wird sichergestellt, dass auch Schüler*innen mit Behinderung eine bedarfsgerechte Berufsorientierung erhalten.

Die Arbeit des Benediktushofs Maria Veen in Reken hat mich ebenso positiv beeindruckt: die Institution bietet Dienstleistungen für Menschen mit Behinderungen in den Bereichen Bildung, Arbeit, Wohnen, Therapie und Freizeit an. Durch ein breites Netzwerk von Unternehmen, öffentliche Einrichtungen und anderen Partnern deutschlandweit bietet ihre Integrationsabteilung ihren Auszubildenden gute Gelegenheiten, in den ersten Arbeitsmarkt einzusteigen.

Auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ist das Beispiel von Volkswagen Deutschland zu nennen, deren Inklusionsinitiativen ich vor Kurzem kennenlernen konnte. Neben der Erfüllung einer Quote für Angestellte mit Behinderung (6,94% Stand September 2020) bietet der Konzern seit fast zwanzig Jahren das Work2Work-Programm an, das Mitarbeiter*innen mit Behinderung eine passende Stelle anbietet. Seit 2016 gibt es dort das Forum Inklusion, das als Bindeglied zwischen Schwerbehindertenvertretung, Betriebsrat, Steuerkreis und den verschiedenen Arbeitsgruppen fungiert. Mit folgenden Handlungsfeldern – „Bewusstseinsbildung“, „Zugänglichkeit“, „Bildung“, „Gesundheit“ und „Kommunikation“ – befassen sich standortübergreifende Expert*innenteams, die sich jeweils aus Schwerbehindertenvertreter*innen, Betriebsratsmitgliedern und Unternehmensvertreter*innen zusammensetzen. Um mehrere Menschen mit Behinderung zu inkludieren, sorgt Volkswagen besonders für Barrierefreiheit hinsichtlich des Bewerbungsprozesses für die Berufsausbildung sowie der Zugänglichkeit zu ihren Gebäuden.

Macht den Arbeitsmarkt inklusiver!

Ich habe in den letzten elf Monaten viel erlebt und einige interessante Erfahrungen im Rahmen meiner Projektarbeit gemacht. Wenn wir über Inklusion auf dem Arbeitsmarkt sprechen, bleibt aber oft die Frage offen: Was kann ich denn nun konkret machen? Wo kann ich anfangen?

Allen Leser*innen sage ich: Fangt bei euch an! Welche Vorurteile habt ihr? Sind diese wirklich berechtigt? Oft reicht es, Kolleg*innen und Vorgesetzte auf das Thema Inklusion aufmerksam zu machen und Kleinigkeiten in Meetings einzubringen. Das können baulich-strukturelle Anmerkungen sein oder schlicht der Wille, das Team vielfältiger zu gestalten.

Personaler*innen und Unternehmer*innen möchte ich einfach sagen: Zieht alle Menschen in Betracht! Eine Behinderung ist nicht mehr als eine von vielen Merkmalen einer Person. Das heißt, wenn die Personalauswahl und -beschaffung inklusiv ist, haben vielen Menschen mit Behinderung eine echte Möglichkeit zur Teilhabe am Arbeitsleben. Das bedeutet auch, dass die Unternehmen eine bessere Chance haben, qualifizierte und hervorragenden Arbeitskräfte zu bekommen.

Allen Menschen mit Behinderung sage ich: “Yes, you can!“ Ja, du schaffst das! Obwohl die Gesellschaft noch nicht ganz inklusiv ist: viele Arbeitgeber haben bereits das Bewusstsein, dass auch der Arbeitsmarkt barrierefrei und inklusiv sein soll. Viele Institutionen und öffentliche Einrichtungen kümmern sich darum, dass Menschen mit Behinderung inklusive Ausbildungsmöglichkeiten bekommen, um schließlich ihren Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt zu verwirklichen!

 

Marco Silva ist ein Journalist aus Brasilien und sammelt seit 2008 Erfahrungen in den Bereichen Kommunikation, Sozialverantwortung und institutionelle Beziehungen. Zur Zeit ist er Bundeskanzler-Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung in Deutschland.