In Krisenzeiten wird uns vieles bewusst, was wir sonst als selbstverständlich hingenommen haben. So ist es momentan auch in der Arbeitswelt: Menschen in systemrelevanten Berufen erleben eine Welle der Dankbarkeit wie nie zuvor. Denn sie pflegen die Kranken, kümmern sich um unsere Sicherheit, Mobilität und unsere Lebensmittel oder kämpfen “an vorderster Front” gegen COVID-19 an: Krankenpfleger*innen, Kassierer*innen, Polizist*innen und viele mehr.
Wir fragen sie, wie Corona ihren Arbeitsalltag verändert und was sie sich für die Zukunft wünschen. Heute antwortet Lisa-Marlen, Ärztin im Fachgebiet der Unfallchirurgie und Projektmanagerin bei der Plattform Mindful Doctor,
die durch Konferenzen und Workshops innovative Ideen und Methoden für ein Konzept des “Krankenhauses der Zukunft” entwickelt.

Hallo Lisa-Marlen! Du bist Ärztin im Fachgebiet der Unfallchirurgie. Kannst du uns deine Aufgaben und Herausforderungen schildern? 

Meine Aufgabe ist es, bei Notfällen jeglicher Art schnell zu handeln und den Überblick zu behalten. Zu meinen Aufgaben gehört das Schockraummanagement. Im Schockraum werden schwerstverletzte Patienten von einem multiprofessionellen Team versorgt, um lebensbedrohliche Faktoren zu erkennen und schnellstmöglich zu behandeln. Außerdem kümmere ich mich um die akute Wund- und Frakturversorgung, wenn sich ein*e Patient*in einen Knochen bricht. 

Du arbeitest zudem bei Mindful Doctor. Was genau macht ihr dort?

Wir sind ein Team aus Ärzt*innen, die es sich zum Ziel gemacht haben, Teamkulturen und Organisationsstrukturen in Krankenhäusern zu verbessern. Aktuell organisieren wir einmal jährlich in Berlin eine Konferenz für Ärzt*innen, um uns über unsere 4 Kernthemen (Achtsamkeit, Kommunikation, nachhaltige Gesundheit & Wandel in der Medizin) mit ausgewählten Experten intensiv auszutauschen. Ziel ist es mit Kreativitätstechniken (z.B. Design Thinking) in spannenden Workshops innovative Ideen zur Lösung von Problemen in Kliniken zu entwickeln, die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft für eine nachhaltige Medizin zu diskutieren und Innovationen verschiedenster Unternehmenskulturen auszutauschen (Leadershiptraining). Zusätzlich werden Fertigkeiten und Methoden trainiert, die für den täglichen Umgang mit Menschen und Stress in Kliniken essentiell sind. Wir wollen eine Plattform schaffen, auf der sich visionäre Ärzt*innen vernetzen können, um gemeinsam ein Konzept für das „Krankenhaus der Zukunft“ zu erstellen. Wir freuen uns jederzeit über weiteren Zuwachs in unserer Community!

Wie bist du zu deinen Jobs gekommen? 

Nach meinem Studium in München habe ich zuerst dort in der Unfall- und Handchirurgie am Uniklinikum gearbeitet. Nach einiger Zeit entschied ich mich nach Berlin zu ziehen. Dort hat mich die Rettungsstelle in Neukölln sehr gereizt. Als größte und meist frequentierteste Rettungsstelle in Berlin hat sie ein Einzugsgebiet von fast 600.000 Menschen und bietet demnach ein sehr breites Krankheitsspektrum.
Zusätzlich habe ich großes Interesse an innovativen Projekten. Ich sehe viele Defizite in der Organisationsstruktur von Krankenhäusern sowie im zwischenmenschlichen Umgang und bin starker Verfechter einer nachhaltigeren Medizin. Dementsprechend war ich Feuer und Flamme als ich von Mindful Doctor erfuhr. 

Was erfüllt dich daran?

An der Arbeit in der Notaufnahme erfüllt mich, dass ich Menschen schnell helfen kann. Verletzungen und Schmerzen beeinträchtigen Berufs- und Privatleben. Menschen nach einer Behandlung wieder lächeln zu sehen, erfüllt mich zutiefst mit Zufriedenheit. 
Die Arbeit bei Mindful Doctor ist mir sehr wichtig, da ich denke, dass wir als Ärzt*innen auch auf uns selbst und unsere Arbeitsbedingungen achten müssen. Wir sollen andere heilen, arbeiten aber oft unter Bedingungen, die uns selber krank machen. Wenn ich als Ärztin, ausgeglichener, achtsamer, empathischer und stressfreier bin, kann ich  Patient*innen eine bessere Versorgung gewährleisten. So macht der Beruf dann noch viel mehr Spaß.

Wie sieht dein Arbeitsalltag momentan aus? Was ist anders als vor Corona?

Es hat sich einiges verändert: Wir tragen schon seit Beginn von Corona jeden Tag Masken. Es wurde ein eigenständiger Corona Bereich eingerichtet, Abläufe wurden komplett umstrukturiert. Diagnostik- und Therapieverfahren wurden angepasst und unser Personal wurde speziell für den Intensivbereich geschult, damit wir im Notfall mehr Patient*innen intensivmedizinisch betreuen können. Besucher*innen durften lange Zeit gar nicht ihre Angehörigen in der Klinik besuchen. Aktuell ist die Besucheranzahl immer noch limitert. Das ist für viele Patient*innen sowie Angehörige sehr schwer. Dem gesamten medizinischen Personal ist noch bewusster als vor der Krise geworden: Unser medizinisches System funktioniert gut im internationalen Vergleich. Aber um langfristig eine gute, nachhaltige medizinische Versorgung zu gewährleisten, die auch in Krisensituationen aus ihrem vollen Potential schöpfen kann, müssen wir weg von der Profitorientierung und hin zu einer Medizin, die den Mensch wieder in den Mittelpunkt stellt.

Wie schützt du dich vor Corona?

Ich versuche, auf eine maximale Hygiene zu achten. Regelmäßige Desinfektionen und das Waschen der Hände sind ein Muss.
Zusätzlich verbringe ich viel Zeit an der frischen Luft und in der Natur. Meine eigenen Körper halte ich mit viel Sport und einer ausgewogenen, gesunden Ernährung fit. Zusätzlich praktiziere ich regelmäßig die Wim-Hof Methode. Das ist eine wissenschaftlich anerkannte Methode, um Körper, Geist und Immunsystem über spezielle Atem- und Konzentrationsübungen sowie Kältetherapie zu stärken. 

Wie empfindest du die große Dankbarkeit, die dir jetzt entgegengebracht wird? 

Ich freue mich sehr darüber! Es war für mich immer klar, dass die Versorgung der Patient*innen an erster Stelle steht. Die Wahrscheinlichkeit selber gesund zu bleiben haben wir als Klinikpersonal am Anfang als sehr gering eingeschätzt. Hinzu kam die Angst, Überträger von Corona zu Hause sein zu können. Jeden Tag auf’s Neue. Die Dankbarkeit ist ein wohltuendes Dankeschön!

Welche konkreten Schritte wünschst du dir von politischer Seite in Bezug auf deinen Beruf? Was wünschst du dir von der Gesellschaft?

Von der Politik wünsche ich mir einen Impuls hin zu einer nachhaltigen, menschenzentrierten Medizin. Das heißt konkret mehr Zeit in unserem Beruf für den/die Patient*in, insbesondere für das Arzt-Patienten Gespräch. Das bedingt eine Komplettsanierung des DRG-Systems (Diagnosis related groups) über das der Patientenfall aktuell im Krankenhaus leistungsorientiert abgerechnet wird. So kann der/die Patient*in wieder ganzheitlich betrachtet werden, ohne in gut oder schlecht abzurechnenden Diagnosen und Therapien eingestuft zu werden. 
Das Renteneintrittsalter könnte auch in Abhängigkeit zu der beruflichen Belastung gesetzt werden. Ein Schichtdienst System mit regelmäßigen Nachtdiensten ist schon für junge Menschen körperlich und psychisch belastend. Gesunde Arbeitsbedingungen sollten gerade im Gesundheitssektor an oberster Priorität stehen. 
Von der Gesellschaft wünsche ich mir, dass die Menschen selber aktiv präventiv sind und auf die eigene Gesundheit achten. Eine ausgewogene Work-Life Balance mit ausreichend Bewegung (in der Natur) und gesunder Ernährung ist das Fundament für einen widerstandsfähigen Körper und Geist.