In Krisenzeiten wird uns vieles bewusst, was wir sonst als selbstverständlich hingenommen haben. So ist es momentan auch in der Arbeitswelt: Menschen in systemrelevanten Berufen erleben eine Welle der Dankbarkeit wie nie zuvor. Denn sie pflegen die Kranken, kümmern sich um unsere Sicherheit, Mobilität und unsere Lebensmittel oder kämpfen “an vorderster Front” gegen COVID-19 an: Krankenpfleger*innen, Kassierer*innen, Polizist*innen und viele mehr.

Wir fragen sie, wie Corona ihren Arbeitsalltag verändert und was sie sich für die Zukunft wünschen. Heute antwortet Marius, Gesundheits- und Krankenpfleger in der Herzchirurgie an der Uniklinik Köln.

Hallo Marius! Was genau machst du als Gesundheits- und Krankenpfleger? Was sind deine konkreten Verantwortungsbereiche, Aufgaben und Herausforderungen?

Ich arbeite auf einer Intensivstation in der Herzchirurgie in der Uniklinik in Köln. Dort bin ich für die akute postoperative Versorgung von Patient*innen nach Herzklappen- oder Bypassoperationen verantwortlich. Dazu zählt zum einen das Kreislauf- und Sedierungsmanagement, aber auch die Erkennung und Therapie der möglichen Komplikationen. Neben der klassisch geplanten Operation versorgen wir aber auch Patient*innen, die solche Eingriffe nach Notfällen, wie einem Herzinfarkt oder einem Herzstillstand hatten. Die sind oft wesentlich schwieriger und instabiler, weil sie eben den Notfall als Ausgangslage hatten. Nachdem ich die Patient*innen aus der Sedierung aufgeweckt und von der Beatmungsmaschine entwöhnt habe, bin ich noch für die Mobilisation, die Verbandswechsel, Angehörigenbetreuung und natürlich auch die Grundpflege der/des Patient*in zuständig.
Die größte Herausforderung bei uns ist es die gesamte Workload in der jeweiligen Schicht abzuarbeiten. Kein Tag ist wie der andere, deswegen kann man seinen Ablauf nicht immer gleich halten, was anstrengend aber zugleich auch mit das Beste ist. Mit einer guten Grundorganisation schafft man aber auch das irgendwann. Eine weitere Herausforderungen ist natürlich die Betreuung von hochkomplexen Patient*innen, die mehr als nur ihre Herzerkrankung haben. Das in Kombination mit der Angehörigenbetreuung kann unter Umständen sehr belastend werden, gerade dann wenn man relativ junge Patient*innen hat. Ich kann da mittlerweile gut mit umgehen und nehme auch selten etwas von der Arbeit mit nach Hause. Das aber auch nur, weil ich mich gut an den medizinischen Fakten orientieren kann. Die Vorstellung, dass Angehörige von verstorbenen Patient*innen das nicht können, kann einen dann schon bedrücken. 

Was erfüllt dich an deinem Job?

Eigentlich ist es ganz einfach: Wenn ich zu meinem Dienst komme habe ich Patient X, dem es schlecht geht, oder der gerade von einer OP aufwacht. Wenn ich nach Hause gehe, habe ich Patient X, dem es besser geht, oder der seinen Beatmungsschlauch nicht mehr benötigt, weil ich ihm mit meiner Arbeit helfen konnte. Man sieht die Erfolge der Arbeit, die man leistet meist sofort, auch wenn die Patienten sie nicht direkt mitbekommen. Aber Ziel ist es immer nach Hause zu gehen und zu wissen, was man gemacht hat. Am schönsten ist es aber ehemalige Patient*innen zufällig wieder in der Stadt, oder dem Zug zu sehen. Die meisten erkennen einen nicht, da sie sich oft nicht an ihren Aufenthalt auf der Intensivstation erinnern können, aber das ist immer einer der besten Momente!  

Warum gehst du momentan noch jeden Tag zur Arbeit? Warum kannst du nicht zuhause bleiben?

Ich bin sogar super froh, dass ich noch zur Arbeit gehen darf beziehungsweise muss. Mir geht dadurch natürlich viel weniger Alltag flöten, als den Leuten, die gerade im Home Office sitzen. Ich mache gerade neben dem Job eine Fachweiterbildung zum „Fachgesundheits- und Krankenpfleger für Intensiv und Anästhesie” und bin auf Grund der Krisenmaßnahmen, die die Uniklinik auch ergriffen hat in die Zentrale Notaufnahme versetzt worden. Die Menschen haben ja trotzdem weiterhin Unfälle, verletzen sich, oder werden krank. Man kann schon sagen, dass weniger Menschen kommen, weil viele Angst haben, sich anzustecken. Diejenigen, die noch in die Notaufnahme kommen, haben meistens aber auch wirklich etwas, das man nicht beim Hausarzt abklären kann. Die Pflege ist eben ein systemrelevanter Beruf und das hat sich wie bei anderen Berufen gerade in der aktuellen Zeit nochmal richtig gezeigt. 

Wie sieht dein Arbeitsalltag momentan aus? Was ist anders als vor Corona?

Die letzten Wochen hat sich super viel verändert. Das OP-Programm der Klinik wurde bis auf ein Minimum an Notfall-/ Tumor-OPs eingestellt und es wurden viele Intensivbettplätze geschaffen, um im Notfall die Patienten auch adäquat versorgen zu können. Da keine OPs mehr stattgefunden haben, wurden einige Mitarbeiter*innen aus dem OP Bereich in den Intensivbereich versetzt, um dort zu helfen. Davon war ich auch betroffen und bin so in der Notaufnahme gelandet. Es herrscht noch ein Besuchsverbot bei uns, weshalb die Patient*innen keinen Besuch von Angehörigen bekommen dürfen. Klar werden in Extremfällen auch Ausnahmen gemacht, aber die müssen von dem zuständigen Oberarzt abgesegnet werden. Außerdem müssen alle Leute, die sich auf dem Campus der Uniklinik befinden dauerhaft einen Mundschutz tragen. Egal ob Pfleger*in, Patient*in, Ärztin, Arzt, Patientenservice oder Putzkräfte. Das ist auch gleichzeitig einer der Punkte, die uns vor Corona schützen. Wir führen bei allen Patient*innen, die aufgenommen werden einen Corona Test durch und auch das Personal wird stichprobenartig und auf freiwilliger Basis abgestrichen. Sonst haben wir die meisten Bereiche, die mit den Covid-19 Patienten zu tun haben baulich abgegrenzt und versuchen auch immer das gleiche Personal für die jeweiligen Bereiche einzusetzen, um eine Vermischung zu vermeiden, sollte sich doch jemand angesteckt haben.

Wie empfindest du die große Dankbarkeit, die dir jetzt entgegen gebracht wird?

Ich bin sehr froh über die Dankbarkeit. Klar mache ich meinen Job nicht anders als vorher auch schon. Jetzt auf einmal realisieren die Menschen doch irgendwie, was man alles leistet. Deshalb ist es schön mal eine flächendeckender Dankbarkeit zu spüren. Die Dankbarkeit gilt aber ja nicht nur den Menschen im Gesundheitswesen, das finde ich sehr wichtig. Die Mitarbeiter*innen in den Supermärkten haben teilweise wesentlich mehr Stress und Arbeit als wir. Das ist aber meine persönliche Empfindung. 

Welche konkreten Schritte wünschst du dir von politischer Seite in Bezug auf deinen Beruf? Was wünscht du dir von der Gesellschaft?

Von der Politik wünsche ich mir, dass sie den Weckruf wahrnimmt, dass unser Gesundheitssystem zwar funktioniert, man aber durchaus die gesamten Konditionen verändern muss. Der Pflegenotstand war lange vorher bekannt und es wurde wenig unternommen, um diesen zu besiegen. Ich hoffe einfach, dass aus der beinahe abgewendeten Katastrophe auch positive Schlüsse gezogen werden können und der Pflegeberuf langfristig attraktiver gestaltet wird. Und ich spreche jetzt nicht von einer einfachen Gehaltserhöhung. Das würde die Pflegekräfte natürlich kurzzeitig zufriedenstellen und wahrscheinlich auch ein paar zusätzliche Auszubildende schaffen. Das wesentliche Problem der Überlastung durch zu viel Arbeit wäre damit auf lange Sicht nicht aus der Welt geschafft. 
Von der Gesellschaft wünsche ich mir, dass die Freundlichkeit, die Menschen in systemrelevanten Berufen bekommen haben, beibehalten wird. Ich habe das Gefühl, dass die Leute mehr Zeit draußen verbringen (mit Abstand natürlich) und dabei viel besser drauf sind, als vor der Krise. Man erlebt öfter, dass sich Fremde unterwegs einfach anlächeln. Ich habe das Gefühl, man freut sich einfach, dass es den anderen gut geht. Diese gestärkte Solidarität finde ich unglaublich.